• Nach dem Drama um Kamila Walijewa fragt sich die ganze Sportwelt: Wer ist die russische Eiskunstlauftrainerin Eteri Tutberidse?
  • Wer ist die Frau, die selbst in deren schlimmstem Augenblick nicht ein nettes Wort für ihren Schützling übrig hat?
  • Kenner der Eiskunstlauf-Szene dürften von Tutberidses Verhalten jedoch wenig überrascht sein.

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Als Kamila Walijewa nach ihrer verpatzten Kür im Eiskunstlauf-Einzel vom Eis ging, nachdem die 15-Jährige vor einem Millionenpublikum am Druck der Doping-Enthüllungen zerbrochen war; nach zwei Stürzen; nach vier Minuten, die angesichts dieses persönlichen Dramas viel zu lange anmuteten; nach Tagen voller Vorwürfe und immer neuer Schlagzeilen, wurde sie nicht mit einer warmen Umarmung empfangen. Nicht mit tröstenden Worten und der Versicherung, dass alles gut werden würde.

Stattdessen richtete sich ihre Trainerin Eteri Tutberidse mit verstörenden und unempathischen Worten an ihre Sportlerin: "Warum hast du alles so aus den Händen gegeben? Warum hast du aufgehört zu kämpfen. Erklär mir das!" Jedes Wort wie eine Ohrfeige.

Eteri Tutberidze redet auf die den Tränen nahe Kamila Walijewa ein

Der Umgang mit der 15-jährigen Eiskunstlauf-Europameisterin Kamila Walijewa löst weltweit Entsetzen aus. Im Kreufeuer der Kritik steht eine herzlos wirkende Trainerin namens Eteri Tutberidze. Walijewa verpasst nach einer fehlerhaften Kür und unter Doping-Verdacht stehend das olympische Podium. Tutberidze nimmt sie in Empfang. (Teaserbild: EPA-EFE/How Hwee Young) © Eurosport

Tutberidse ist für ihre Härte bekannt

Während die Weltöffentlichkeit entsetzt ob dieser Gefühlskälte reagiert, dürften diejenigen, die sich schon länger mit Eiskunstlauf beschäftigen, wenig überrascht sein. Eteri Tutberidse ist in der Szene für ihre Härte berüchtigt.

Die Tutberidse-Mädchen gehören zur Weltspitze. Die, die es nicht dorthin schaffen oder irgendwann einbrechen, werden schnell fallen gelassen. Sentimentalität gehört nicht zum Repertoire der 47 Jahre alten Trainerin. Sie übernimmt die Mädchen, wenn sie noch Kinder sind, beeindruckbar, formbar. Viele von ihnen verschwinden aber noch vor dem Vollendung ihres 18. Lebensjahrs wieder von der Bildfläche.

Die Geschichten dieser Mädchen sind zahlreich. Julia Lipnizkaja gewann 2014 als 15-Jährige bei den Winterspielen in Sotschi Team-Gold. Drei Jahre später muss sie aufgrund von Magersucht ihre Karriere beenden. Auch die Olympia-Siegerin von Pyeongchang 2018, Alina Sagitowa, tritt heute im Alter von 19 Jahren nicht mehr bei Wettkämpfen an. In einem Interview mit dem russischen "Sport Express" gibt sie einen kleinen Einblick, wie die Mädchen unter Tutberidse leiden: "Man musste einfach nur die Klappe halten und nichts essen! Oder zumindest ein wenig."

Auch Ex-Eiskunstläufer und ARD-Experte Daniel Weiss findet klare Worte für das System Tutberidse. Ihr Training sei "unerbittlich hart", gehe über die Grenze des Erlaubten hinweg. "Da zählen der menschliche Faktor und Schmerzen wenig", erklärte Weiss gegenüber der Deutschen Presse-Agentur dpa. Und während Weiss noch Waliewa in Schutz nimmt, unterstellt er Tutberidse so gewissermaßen auch, dass ihr sogar Doping für den Erfolg recht wäre: "Ich kann mir nie vorstellen, dass Kamila aus Eigeninitiative verbotene Mittel genommen hat."

Tutberidse erlebt selbst Härte in ihrer Kindheit

Die Mädchen, die unter Tutberidse in ihrem Eislaufzentrum "Kristall" im Süden von Moskau trainieren, sind dennoch bereit, Entbehrungen und Schmerz hinzunehmen. Schließlich winken Medaillen und ewiger Ruhm. Eteri Tutberidze hat zwar selbst nie als Eiskunstläuferin oder auch als Eistänzerin olympische Medaillen erringen können, doch sie weiß, wie man Eiskunstläuferinnen formt, Karrieren vergoldet.

Die unerbittliche Härte, die sie dabei anwendet, hat Tutberidse wohl auch selbst als Kind erfahren. Sie wächst als jüngstes von fünf Kindern in Moskau auf. Für ihren georgischen Vater zählt nur der Sohn, die Töchter seien für ihn ein Nichts gewesen. So erzählte es Tutberidse laut "NZZ.ch" einmal im Fernsehen. Dennoch herrscht auch für die Mädchen in jedem Lebensbereich Drill. Mit vier Jahren steht Tutberidse das erste Mal auf dem Eis, doch Verletzungen werfen sie immer wieder zurück.

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Erfolge als Trainerin

Mitte der 1990er Jahre wechselt Tutberidse schließlich ins Trainerinnengeschäft. Ihre ersten Jahre als Trainerin verbringt sie in den USA, wo 2003 auch ihre Tochter geboren wird. Nach ihrer Rückkehr nach Russland wechselt sie zur berüchtigten staatlichen Sportschule "Sambo-70", und schon bald stellt sich der Erfolg ein. 2014 coacht sie Julia Lipnizkaj zur Olympiasiegerin im Teamwettbewerb, 2017 wird sie in Russland zur Trainerin des Jahres gewählt. 2020 wird sie von der Internationalen Eislaufunion ISU als beste Trainerin ausgezeichnet.

Die Eiskunstlaufwelt scheint sich bei Tutberidse nicht so recht entscheiden zu können zwischen Ehrfurcht und Kritik. "Das Team Tutberidse hat die Eislauf-Welt der Mädchen revolutioniert. Drehen, drehen über alles!", sagt Reinhard Ketterer, Vizepräsident der Deutschen Eislauf-Union gegenüber der dpa. In der Branche werden die Tutberidse-Mädchen auch erfurchtsvoll "Quad-Squad" genannt, die mit den Vierfach-Sprüngen.

Kritik an Tutberidse und ihren Methoden

Dennoch wird auch immer wieder innerhalb der Branche Kritik laut, neben Tutberidses Härte vor allem auch am kindlichen Alter der Läuferinnen. Durch den Fall von Kamila Walijewa bekommt diese Kritik nun wieder neuen Zündstoff. Deutschlands Eiskunstlauf-Ikone Kati Witt hatte sich bereits nach Bekanntwerden der Dopingvorwürfe gegen Walijewa bei Facebook deutlich für eine Altersgrenze bei den Olympischen Spielen ausgesprochen. Nach der verpatzten Kür der 15-Jährigen und der Reaktion ihrer Trainerin habe sich auch IOC-Präsident Bach Gedanken gemacht. "Alles das vermittelt bei mir kein besonderes Vertrauen in dieses Umfeld von Kamila - weder in Bezug auf die Situation, die in der Vergangenheit sich abgespielt hat, noch die Zukunft."

Eine Antwort aus Russland auf diese laut geäußerten Gedanken ließ nicht lange auf sich warten. Dmitri Tschernyschenko, Organisationschef der Spiele von Sotschi 2014, bezeichnete Bachs Worte als "unangemessen und falsch" und ergänzte, Olympische Spiele seien für alle Athleten der "Höhepunkt des Profisports", verbunden mit "Hoffnungen und Träumen einer gesamten Nation".

Kreml-Sprecher Dimitri Peskow ergänzte: "IOC-Präsident Thomas Bach ist eine Autorität in der Welt des Sports, und daher respektieren wir seine Meinung, aber wir müssen nicht zwangsläufig damit übereinstimmen."

Wenn es um die Hoffnungen einer ganzen Nation geht, heiligt in Russland offenbar der Zweck die Mittel. Das weiß auch Eteri Tutberidse.

Quellen:
  • dpa
  • "NZZ.ch": Im Schatten des Dopingfalls Kamila Walijewa: Ihre Trainerin kennt nur den Drill
  • "Deutschlandfunk.de": Walijewa-Trainerin Tutberidze - Harter Drill und kurze Karrieren
  • Facebook-Seite von Kati Witt
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