Vor wenigen Wochen präsentierte Boris Becker auf der Berlinale den ersten Teil der Dokumentation "Boom Boom! The World vs. Boris Becker". Nun ist der Film von Alex Gibney bei Apple TV+ in Gänze zu sehen und der Oscar-Preisträger puzzelt in sehenswerter Weise zusammen, was Boris Becker ausmacht. Auch wenn dabei kein vollständiges Bild entsteht, zeigt es doch einen Mann, der das Spiel genauso liebt wie das Spielen – mit all den Konsequenzen, die das hat.

Eine Kritik
Diese Kritik stellt die Sicht von Christian Vock dar. Informieren Sie sich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht.

Wer ist Boris Becker? Die banale Antwort ist: ein Mensch wie du und ich. Mit vielen Facetten, Stärken, Schwächen, Vorlieben, Ängsten. Aber weil Boris Becker in manchen Bereichen eben doch nicht wie du und ich ist, kommen noch ein paar Puzzleteile mehr hinzu. Welche das sind, das hängt stark davon ab, wen man fragt.

Und so kann Boris Becker eben noch vieles mehr sein: Gegner, Schüler, Trainingspartner, Vater, Ex-Mann, Mit-Häftling, Kunde, Geschäftspartner, Freund, Held, gefallener Held, Sohn, Trainer, Konkurrent oder auch einfach nur derjenige, der in den 1980er-Jahren in einem das Feuer entfacht hat, selbst die Tennisschuhe zu schnüren.

Wer ist Boris Becker? Die Antwort auf diese Frage hängt aber nicht nur davon ab, wen man fragt, sondern auch, wann man ihn gefragt hat.

Vor Beckers Entdeckung, nach seinem ersten Wimbledon-Sieg, nach der Trennung von Günther Bosch, seinem Förderer, nach seiner Affäre, nach seiner Verurteilung, nach seiner Entlassung, nach seinem Interview? Die Frage, wer Boris Becker ist, ist also komplex, sie erfordert nicht nur die Selbst-, sondern auch die Fremdwahrnehmung und ist getrieben vom Moment. Scheinbar fixe Bilder verblassen, werden von neuen Bildern abgelöst. Und vielleicht ist die Frage deshalb auch nie vollständig zu beantworten.

Oscar-Preisträger erzählt Beckers Geschichte nicht chronologisch

Einer, der zumindest eine Annäherung versucht hat, ist der Amerikaner Alex Gibney. Und der Oscar-Preisträger weiß, dass man eine Geschichte wie die Beckers nicht chronologisch erzählt, weil sie als Antwort sonst nur das Bild liefern kann, das man zuletzt sieht. "Um Beckers Geschichte zu verstehen, ist es besser, in der Zeit vor und zurück zu springen", erklärt Gibney.

Also macht er genau das und reist in seiner zweiteiligen Doku "Boom! Boom! Die Welt gegen Boris Becker" durch die Jahre. Etwa von der Urteilsverkündung 2022 zum 29. April 1985, dem Tag, als Becker zum ersten Mal Wimbledon gewinnen sollte. Doch bevor Becker hier den entscheidenden Matchball verwandeln kann, springt Gibney plötzlich wieder 34 Jahre weiter und lässt Becker den Weg von damals zum Center-Court noch einmal gehen, nur diesmal körperlich gezeichnet von einer Karriere, der eben dieser Wimbledon-Sieg den Weg geebnet hat.

Siege kamen noch reichlich dazu, aber sie sind für Gibney nicht der Schlüssel, um einen Menschen wie Becker zu beschreiben. Wie jemand Tennis spielt, zeigt nicht der Spielstand an. Wie jemand Tennis spielt, zeigt sich darin, wie man die einzelnen Punkte macht, wie man seine Geisteshaltung ändert, wie man sich selbst zum Sieg bringt.

Kurzum: Wer du bist, zeigt sich nicht auf der Anzeigetafel, sondern in deinem Kopf. Und um dahinter zu kommen, was in Beckers Kopf passiert, trifft Gibney die Menschen, die Beckers Weg mit ihm gemeinsam gegangen sind, mal ein längeres Stück, mal ein kürzeres: Ion Tiriac, John McEnroe, Björn Borg, Mats Wilander, Barbara Becker, Brad Gilbert, Nick Bolletieri und Michael Stich.

Zweimal hat Gibney für seine Dokumentation auch mit Becker selbst gesprochen. Zum ersten Mal 2019, als Beckers rechtliche Probleme in England begannen und zum zweiten Mal im April 2022, drei Tage, bevor Becker ins Gefängnis gehen musste. Und wie zum Beweis der Zeit-These sieht man hier zwei unterschiedliche Versionen derselben Person. Der Becker von 2022 ist emotionaler, angespannter, hat Tränen in den Augen, wenn er über die nahe Zukunft spricht.

Wer du bist, zeigt sich in genau diesen Momenten. Becker, so sagt er am Ende der Doku, werde jedes Urteil akzeptieren. Er hat es sich auch selbst eingebrockt. Becker, diesen Eindruck vermittelt der Film, ist niemand, der sich aus der Verantwortung stiehlt. Mal gewinnt man, mal verliert man eben. Triumph und Niederlage.

"Boom! Boom! The World vs. Boris Becker": Triumph und Niederlage

Nicht umsonst unterteilt Gibney seine Doku in genau diese beiden Teile: Triumph und Niederlage. Angelehnt an die Zeile aus Rudyard Kiplings Gedicht "If", die in Wimbledon über dem Eingang zum Center Court geschrieben steht: "Wenn du Sieg und Niederlage kennengelernt hast und diese beiden Blender gleich behandelst." Eine Lektion, die Becker verstanden zu haben scheint.

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Denn auch wenn er immer gespielt hat, um zu gewinnen, sagt er im Angesicht der drohenden Haftstrafe, dass alles aus einem Grund passiere, auch, wenn es ein Gefängnisaufenthalt ist. Wenn man spielt, kann es eben auch passieren, dass man verliert. Auf und neben dem Platz. Und gespielt hat Becker viel – Spiele und Spielchen.

Etwa, als er in seinem ersten Wimbledon-Finale seinen Gegner Kevin Curren aus dem Rhythmus bringt, indem er ihm die gewohnte erste Bank auf dem Platz wegschnappt. Oder als er, ein paar Jahre später, im Spiel gegen John McEnroe eine Erkältung vortäuscht, um den Amerikaner mit seinem Husten aus dem Konzept zu bringen. Ein ähnliches Rezept, das er auch 1993 im Spiel gegen Michael Stich anwendet. Stich hat im fünften Satz einen Breakball gegen sich und als Stich gerade aufschlagen will, bittet Becker noch um einen kurzen Moment, um sich bereit zu machen – mit entsprechender Wirkung. Stich macht einen Doppelfehler und verliert am Ende das Match.

Aber Becker spielt nicht nur mit dem Gegner, sondern auch mit sich selbst. Wenn er, so erzählt er in der Doku, einen Gegner vorab als schlagbar einschätzt, ist er am Anfang des Matches "ein bisschen faul", um dann eine Aufholjagd zu starten. Das macht Becker nicht weil ihm langweilig ist, sondern, um seine mentale Stärke zu trainieren. Mit Erfolg.

Nicht, weil es immer klappt, sondern weil seine Gegner genau diese mentale Stärke von Becker in der Dokumentation hervorheben. Boris Becker, der Spieler. Einer, dem es nicht reichte, den ganzen Tag zu trainieren, um danach schlafen zu gehen. Becker brauchte ein Leben neben dem Tennisplatz.

Boris Becker – Das Spiel ist noch nicht vorbei

Und Becker lebt dieses Leben so, wie er Tennis gespielt hat: mit Risiko. Auch hier gewinnt und verliert er eben. Was beide Bereiche noch eint: Beckers Art, damit umzugehen. Wie auf dem Platz ging es Becker bei Herausforderungen im Leben darum, Lösungen zu finden. Wenn die Geschäfte nicht laufen, wenn er mehr Geld braucht, wenn sich seine Frau von ihm trennt, wenn er glaubt, einen neuen Trainer zu brauchen. Doch gerade beim Thema Geld gab es bei Becker mehr Probleme als Lösungen.

"Tennis ist ein binäres Spiel", erklärt Gibney in der Doku aus dem Off. "Treffer und Fehler, Einsen und Nullen. Auf dem Platz wusste Becker, wie man damit umgeht, neben dem Platz konnte er sich keinen Reim daraus machen." Für Geld und Zahlen hatte er seine Leute – etwas, das ihm auf die Füße gefallen ist. "Son, take care of your own shit", würde er seinen Kindern heute raten.

Am Ende hat Alex Gibney eine vielschichtige Dokumentation geschaffen, die aber nicht ausschließlich Neuigkeiten zu bieten hat. Vieles ist bekannt, aber vieles hört man auch zum ersten Mal - oder zum ersten Mal in dieser Klarheit. Dabei überlässt Gibney Becker nicht einfach die Deutungshoheit seiner eigenen Geschichte, sondern macht klar, wenn er anderer Meinung als Becker ist oder es andere Versionen gibt. Etwa darüber, wann und unter welchen Umständen Becker seine Schlaftabletten-Sucht in den Griff bekommen hat.

Ein weiterer großer Pluspunkt der Doku ist die Menge an Weggefährten Beckers, die Gibney besucht hat und die Art, wie er sie in die Doku einbaut. So er werden ehemalige Gegner wie Ivan Lendl oder McEnroe im Stile eines Western-Duells präsentiert. Das erzählt nicht nur Tennis anders als man es bisher kannte, es erinnert auch daran, dass solche Typen wie Agassi, Borg, McEnroe und auch Becker dem Tennis heute fehlen.

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Wer also ist nun Boris Becker? Ein Mensch mit großem Charisma, aber manchmal vielleicht ein bisschen naiv, sagt Gibney selbst über Becker. Ein herausragender Tennisspieler, der sein Potenzial aber nicht ausgeschöpft hat, mein Ion Tiriac. Ein Mann mit unglaublicher mentaler Stärke, sagen seine Gegner über ihn.

Einer, dem in jungen Jahren vieles, vielleicht zu vieles abgenommen wurde, damit er sich aufs Tennis konzentrieren konnte. Einer, der das Spiel liebt und der die Konsequenzen akzeptiert, wenn er verliert. Einer, für den Tennis alles war, aber nicht genug. Und einer, für den das Spiel noch längst nicht vorbei ist, wie Becker selbst sagt: "That’s not the end yet."

"Boom! Boom! The World vs. Boris Becker" seit 7. April auf Apple TV+.

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