Eine Mutter ist tot, ihre Kinder sind verschwunden, die Nachbarn verrückt: Die Bremer Kommissarinnen haben wenig Zeit und müssen unter lauter grotesken Gestalten ermitteln. "Liebeswut" erinnert an David Lynchs surrealistische Thriller.

Iris Alanyali.
Eine Kritik
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"Liebeswut" ist ein Puppen-"Tatort": Wenn im Sonntagabendkrimi Spielpuppen mit grellroten Mündern und leeren Augen auftauchen, dann verschwimmt die Grenze vom Polizistenkrimi zum Psychothriller. Dann wird es dämonisch. Dann geht es nicht mehr nur um die Suche nach dem Mörder, sondern auch um die Heimsuchung von Geistern der Vergangenheit oder der Einbildung. Je mehr Puppen, desto schleierhafter die Bedrohung. In "Liebeswut" gibt es ganz schön viele Puppen.

Sie sitzen in der verkohlten Wohnung von Susanne Kramer und starren ins Leere. Wie Susanne, die schönste Puppe von allen: In einem hermetisch abgeschlossenen Zimmer der Wohnung liegt sie in ihrem bauschig roten Hochzeitskleid auf dem Bett. Neben ihr eine Pistole, im Kopf eine Wunde mit rot getrocknetem Blut. Sie ist nicht verbrannt; die allein erziehende Mutter zweier kleiner Töchter hat sich offenbar erschossen. Aber wo sind die Kinder? Und wer hat die Wände des Zimmers vollgeschrieben: Der "Teufel" werde kommen und "sie holen"?

In "Liebeswut" ist der Titel Programm

Die Kopfkommissarin Linda Selb (Luise Wolfram) ist fasziniert. Einen Teufel zu finden, ist für sie ja eine rein gedankensportliche Herausforderung. Ihre Kollegin Liv Moormann (Jasna Fritzi Bauer) dagegen hat zu Teufeln eine emotionalere Verbindung. Dieses Rot, dieses Kleid, dieses Haus mit den seltsamen Nachbarn – irgendetwas stimmt hier nicht, stimmt nicht mit ihr.

"Tatort"-Zuschauer wissen seit dem ersten Fall "Neugeboren" des neuen Bremer Teams, dass soziale Brennpunkte und Mietshäuser voller Außenseiter mit weniger Glück als Verstand für Liv Moormann vertrautes Gebiet sind. Aber jetzt sehen wir, dass da durchaus Berührungsängste bestehen – nur sind es keine Ängste herkömmlicher Art. Wenn sie Abstand halten will, dann vor allem aus Angst vor Erinnerungen. "Dann war's vielleicht zu schlimm, um's zu ertragen", kommentiert Linda Selb nüchtern. "Aber das heißt nicht, dass es weg ist."

In "Liebeswut" ist der Titel Programm, darauf weist uns schon der Anfangsmonolog Liv Moormanns hin, der auch hier wieder die ersten Bilder des Films begleitet. Die Gedanken der jungen Polizistin zu Glück, Liebe, Tod und anderen Kräften, die das Leben ebenso antreiben wie einen Krimi, leiten jeden Bremer "Tatort" ein wie ein Prolog und werden dank Jasna Fritzi Bauer nie wirklich peinlich.

Eine sehr gelungene Show

Aber dieses Mal wirkt die Philosophiererei über die Nähe von Liebe und Hass erstaunlich abgeschmackt. Denn Worte kommen schwer an gegen die Bilderwut, mit der Regisseurin Anne Zohra Berrached und Kameramann Christian Huck die Geschichte von Martina Mouchot umsetzen. "Liebeswut" erzählt mit grellen Farben, grotesken Gestalten und einer diabolischen Musik, die das Unheil ankündigt wie den Stargast einer Zirkusshow, statt bescheiden im Hintergrund zu lauern.

Und es ist wirklich eine Show, die uns präsentiert wird, von einem Ensemble, dem es mühelos gelingt, noch die seltsamsten Figuren nie ins Schmierentheaterhafte abrutschen zu lassen. Susanne Kramers Noch-Ehemann Thomas (Matthias Matschke) lebt mit einer Freundin, die seine Tochter sein könnte, wenn Thomas Kramer nicht selbst so ein Junge wäre. Ein erwachsener Mann in Latzhosen und Baseballmütze, der auf das Fehlen seiner Töchter mit großen Augen und infantilen Wutanfällen reagiert. Seine Freundin ist ein hochschwangerer Anime-Fan voll Glitzersternchen im Gesicht und störrischer Entschlossenheit im Ton: Jacqueline Deppe (Milena Kaltenbach) - auch dieser Name ist Programm – will mit ihrem Thomas und ohne seine "verrückte Ex" gefälligst eine eigene niedliche Kawaii-Familie gründen, ein bonbonfarbenes Paradies katzenäugiger Kindlichkeit. Und besonders herausragend ist Aljoscha Stadelmann als Nachbar Gernot Schaballa: Ein stinkender Zausel, unter dessen dreckigem Unterhemd ein großes Herz pocht und der dem Elend in der Welt mit rotsüßem Eis am Stiel begegnet.

Kamera-Voyeurismus wie bei David Lynch

Das ist nur ein Teil des Zeugenarsenals, das Liv Moormann und Linda Selb zur Verfügung steht. (Der Dritte im Team, Kollege Mads Andersen, musste kurzfristig nach Kopenhagen, heißt es.) Ein Haufen Kinder, um die einzigen echten Kinder zu finden, die wirklich unschuldigen Töchter der Toten. Und mit den Ermittlerinnen werden auch wir im Wettlauf mit der Zeit durch ein verstörendes Kuriositätenkabinett gehetzt. Und mitten hinein gesetzt. Mit einer Kamera, die uns zu einem Voyeurismus zwingt, der an die Albtraumthriller David Lynchs erinnert.

Welchen Sinn macht bei derart entfesselter Überhöhung die Frage nach der "richtigen Dosis von Liebe", wie Liv Moormann es einmal ausdrückt? Wie will man herkömmliche moralische Messlatten an diese Sonderlinge anlegen? Selbst ein verdrängtes Kindheitstrauma wie das der Kommissarin: Es geht eher unter. Sie ist hier doch kein Sonderfall. Hier zaubern sich doch alle aus Träumen, Wahn und Wünschen ihre Realität so zurecht, dass sie erträglich wird.

Nein, ein herkömmlicher, nervenzerreißender Psychothriller ist "Liebeswut" nicht. Aber ein furioses, visuell überwältigendes Psycho-Panoptikum. Und ein weiterer Beweis, wie viel Energie im jüngsten "Tatort"-Team steckt.

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