Seit einigen Wochen vertritt Annalena Baerbock Deutschland auf dem internationalen Parkett. Bei ihren Antrittsbesuchen in Washington, Rom, Kiew und Moskau wurde die neue Außenministerin genau beobachtet und beurteilt – ihre Kleiderwahl eingeschlossen.

Anja Delastik
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht der Autorin dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Zuletzt sorgte ein Mantel, den Annalena Baerbock in Kiew und in Moskau trug, für buchstäblichen Gesprächsstoff. Aus der Ferne betrachtet wirkte das dunkelgraue knielange Modell unscheinbar, doch bei genauer Betrachtung offenbarten sich extravagante Details, die auch von der Twitter-Gemeinde nicht unbemerkt blieben.

Kleine Puffärmel, Leder-Details und ein übergroßer, asymmetrischer Kragen: Ein Mantel wie aus einem Science-Fiction-Epos, fanden Twitter-User und Userinnen und fühlten sich an Filme wie "Dune" oder "Star Wars" erinnert. Und tatsächlich: In einer Episode des "Star Wars"-Epos trägt Prinzessin Leia einen dunkelgrauen Umhang mit einem ganz ähnlichen Kragen. Ein Twitter-User lieferte kurzerhand den Fotobeweis. Es gibt wahrhaftig schlechtere modische Vorbilder als Prinzessin Leia. Andere Politiker und Politikerinnen zum Beispiel.

Eine Ministerin setzt Trends

Dass Twitter-Userinnen (und -User!) prompt Interesse bekundeten, den Mantel nachkaufen zu wollen, beweist: Eine Ministerin setzt Trends – ein Novum in der deutschen Spitzenpolitik. Dabei gäbe es für Frauen auch auf dem politischen Parkett ausreichend Möglichkeiten, um sich modisch auszutoben. Oder auszurutschen.

Viele gehen daher lieber auf Nummer sicher und orientieren sich am gängigen Dresscode der Männer. Ein dunkelblauer oder -grauer Anzug (mindestens jedoch ein Sakko) verleiht Sicherheit und vermittelt Seriosität, in der Politik nicht ganz unwichtig. "Je höher der Affe klettert, desto besser sieht man seinen Hintern", wusste schon der Schweizer Politiker Willi Ritschard. In einem Anzug ist ein gut sichtbarer Hintern wenigstens seriös verpackt.

Merkel-Sakkos in kräftigen Farben

Modisch ist das zwar nicht, aber praktisch. Auch die Bundesministerinnen Steffi Lemke, Christine Lambrecht und Bettina Stark-Watzinger sieht man meist in dunklen Blazern. Bei Innenministerin Nancy Faeser darf's immerhin auch mal ein Sakko in kräftigen Merkel-Farben sein, Familienministerin Anne Spiegel liebt "Power Suits", also scharf geschnittene, unifarbene Hosenanzüge, Svenja Schulze und Klara Geywitz tragen häufig Rot.

Spannender wird's nicht - danke, Angela Merkel. Die Alt-Bundeskanzlerin etablierte Vollfarben in der Politik. Ihre Uniform: kragenlose Sakkos in Pink, Rot, Grün, Gelb, Blau, Lila … zu schwarzen Hosen. Unverkennbar? Auf jeden Fall. Modisch? Nein.

Der Blick ins europäische Ausland bringt ebenfalls wenig Inspiration. Von Schweden über Finnland bis nach Litauen und Moldawien: Bei europäischen Regierungschefinnen sind modische Extravaganzen Fehlanzeige - dunkelblaue, schwarze oder vollfarbige Sakkos, so weit das Auge reicht. Vielleicht interessieren sich Politiker und Politikerinnen einfach nicht für Mode? Warum sie das sollten, weiß Annalena Baerbock.

Der Baerbock-Stil: schlicht, aber ergreifend

Die Grünen-Parteichefin fiel schon im Wahlkampf durch ihren etwas anderen Kleidungsstil auf: Schlicht, aber ergreifend. Sie trägt gerne Kleider mit raffinierten Raffungen, Jumpsuits, Plisseeröcke, spitze Stiefel, Lederjacken. Nicht immer vorteilhaft – die beigefarbene Jeans etwa, die sie beim Wahlkampf in Frankfurt trug, deren tiefer Bund optisch die Beine verkürzte. Oder Kleidersäume, die oberhalb des Knies enden, zu wadenhohen Boots. Oder weite 3/4-lange Ärmel, in denen die Arme zu verschwinden scheinen. Aber das sind Dinge, die man lernen kann. Geschmack hat man oder nicht.

Annalena Baerbock hat ein gutes Gespür für Mode. Ihr Stil ist erfrischend modisch, feminin und dabei immer in einem (zumindest für deutsche Verhältnisse) akzeptablen Budget. Vor allem ihre Mäntel sind Hingucker, das rote Modell mit Bindegürtel etwa, das sie im Dezember in Liverpool trug und gleich in mehreren Farben besitzt. Auch in einem hellem Lila, der Pantone-Trendfarbe des Jahres 2022. Die hellblaue Variante des "Wrap Coats" trug sie in Washington, die mintgrüne in Rom, eine weiße mit schwarzer Paspelierung bei ihrem Besuch in der Modehauptstadt Paris. Très chic, très Chanel.

Mantel mit Symbolcharakter

Mit ihrem dunkelgrauen Prinzessin-Leia-Mantel touchierte sie nun erneut High-Fashion-Gefilde. Denn große asymetrische Krägen, wie sie dieser und auch das weiße Modell haben, sind im Trend – etabliert von Designer Rick Owens, dessen post-apokalyptische Kreationen gerade ein verdientes Revival feiern. Zu seinen Fans gehören Lenny Kravitz, Justin Bieber, Rihanna, Kanye West, Kim Kardashian.

Und nicht nur modisch hat der Baerbock'sche Mantel das Zeug zum It-Piece, sondern auch symbolisch: Der Farbton und der schmale, figurnahe Schnitt vermitteln Kompetenz, Souveränität und Selbstbewusstsein, der Ledergürtel in der Taille wirkt kämpferisch, die verspielten Puffärmelchen offenbaren ein Auge fürs Detail, der extravagante Kragen eine Begeisterungsfähigkeit für ungewöhnliche Ansätze. Kurzum: Der ideale Mantel für den Anlass.

Mit ihrer Kleiderwahl repräsentiert Annalena Baerbock eine neue Generation von Politikerinnen. Eine, der bewusst ist, dass Mode viel mehr ist als Oberflächlichkeit, sondern ein stille, aber eindrückliche Art, mit der Außenwelt zu kommunizieren. Bravo, Frau Außenministerin.

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Nora Tschirner
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