Auch nach neun Jahren folgt "Germany's next Topmodel" einem einfachen Prinzip: nackte Haut und Streitereien. In der aktuellen Folge gibt es von beidem mehr als genug. Nur einer fehlt: Wolfgang Joop.

"Wir schießen ein "Äditorial" für ein Surfer-Magazin auf Hawaii", sagt Heidi Klum. Für Sie da draußen, die sich nicht so sehr in der Welt der Schönen und Verhungerten auskennen: Das heißt irgendwas mit Spiel, Spaß und Bikinis. Also hauptsächlich Bikinis. Schließlich ist das hier "Germany's next Topmodel", die Show mit der Lizenz zum Blankziehen.

Die beiden dazu passenden Redakteure besagten Surfer-Magazins sehen in etwa so aus, wie man sie sich in seinen schlimmsten Berlin-Kreuzberg-Wachträumen vorstellt. Herren in gesetztem Alter mit albernen Frisuren und Klamotten, die sie schon vor 20 Jahren haben peinlich aussehen lassen.

Und was machen Herren in gesetztem Alter, wenn ihnen drei blutjunge Mädchen vor die Schnurrbärte gesetzt werden? Genau, sie lassen sie leicht bekleidet durch die Gegend hüpfen. In diesem Fall Darya, Jüli und Erica. Falls Sie sich gerade fragen, ob ich mich vertippt habe – nein, die jungen Damen schreiben sich wirklich so.

Und weil es bei GNTM natürlich immer ums Ganze geht, hüpfen Diarrhoe, Spüli und Erika Berger mit einem Surfbrett in der Hand quer über den Strand von Hawaii. Es geht schließlich um ein "Äditorial" in einem Wellenreiter-Magazin, von dem noch nie jemand etwas gehört hat und für das die in der Pubertät stecken gebliebenen Redakteure extra ihre Eltern angepumpt haben, um die sündhaft teuren Werbeminuten in der ProSieben-Show bezahlen zu können.

Blond und braun, gut und böse, einfacher kann man es sich nicht machen

Dementsprechend zanken sich vor allem Darya und Erica, was das Zeug hält. Die eine blond und adrett, die andere dunkel und garstig. Da behält selbst der schlichteste Zuschauer die Übersicht. Darya gibt die Streberin, die stets "dem Kunden" gefallen will und Erica die Zicke, die einen Flunsch zieht, als habe ihr jemand den letzten Gemüsestick geklaut. Nach dem Shooting reden beide nicht mehr miteinander. Zumindest das ist eine erfreuliche Nachricht.

Aber zurück zu den Bikinis. Beziehungsweise, was ist besser als Bikinis? Stimmt, gar keine Bikinis. Also ziehen die Mädchen beim nächsten Fotoshooting blank. "Die Schwierigkeit dabei ist", weiß Heidi Klum, "zu verhindern, dass sie sich nackt fühlen." Welche Weisheit aus so einem mageren Körper. Aus diesem Grund werden die Mädchen bemalt. Denn merke: Mit Farbe auf dem Körper ist das keine schnöde Erotik mehr, sondern Kunst. Gleichzeitig bewirft ein Assistent die Nachwuchsmodels mit Farbstaub. Warum? Wen interessiert das schon, wenn ProSieben minderjährige Brüste zeigt.

Ein Mann! Kreisch!

Damit der Zuschauer sich ob des nackten Fleisches nicht zu sehr einlullen lässt, wird sich kurz darauf wieder gestritten. Erica gegen alle, alle gegen Erica. "Mit dicken Wolken über der Model-Villa geht der Tag zu Ende", sagt Heidi Klum dazu. "Doch am nächsten Tag will ich wieder Professionalität sehen." Das ist schließlich das Erfolgsrezept von "Germany's next Topmodel": abends einheizen, tagsüber blank ziehen. Funktioniert seit neun Jahren, wird auch noch in neun Jahren funktionieren. Dazu noch ein Schuss Erniedrigung (alle Mädchen am Pool aufreihen lassen und ihnen ihre Schönheitsmakel aufzeigen), Optik-Optimierung (Zahnbleeching für 16-Jährige) und Hormonstau (drei Männermodels in der Villa. Kreisch! Ohne T-Shirt. Kreisch! Knutschen. Doppelkreisch!), fertig ist die ProSieben-Primetime-Unterhaltung.

Den Abschluss bildet in der gestrigen Folge aber wie immer der Lauf über den Catwalk. In 13 Metern Höhe, zwischen zwei Containertürmen am Hafen aufgebaut. "Das ist ganz schön wacklig", sagt die Klum und amüsiert sich köstlich. Lässt es sich aber nicht nehmen, sich mit einem Seil auf ihrem Stuhl sitzend sichern zu lassen. Derweil werden die Mädchen zu einem martialischen Soundtrack den Turm hinaufgefahren, als bestiegen sie den Mount Everest. Sie wackeln in luftiger Höhe über den Laufsteg und müssen sich Sätze wie: "Du hast mega Probleme, dein Gesicht unter Kontrolle zu bekommen", anhören. Ja ja, so eine Visage macht einem aber auch nichts als Ärger.

Eine nach der anderen wird abgehandelt wie der Kleiderständer, der sie nun einmal für die Show und ihre Jury ist. Zwei der Gesichtslegastheniker (Neele und Irene) sind am Ende raus. Oberzicke Erica bleibt natürlich. Sie erhält eine Standpauke vor versammelter Mannschaft und die obligatorische zweite Chance. Wie zu erwarten. Irgendjemand muss schließlich in der nächsten Folge von GNTM für Stress sorgen. Vielleicht ist dann auch wieder Wolfgang Joop dabei. Er ließ sich diesmal entschuldigen. Er musste arbeiten, sagt eine ProSieben-Sprecherin. Nun ja, wenigstens einer in dieser Show.