Siegfried Massat hat über 500 Villen von innen gesehen und mehr als drei Jahrzehnte seines Lebens im Gefängnis verbracht. In der letzten Folge der ersten "Jenke. Crime"-Staffel lässt Jenke von Wilmsdorff den "Professor", wie Massat genannt wurde, sein Leben Revue passieren. Das erinnert streckenweise an ein recht gutes "Wie werde ich Einbrecher"-Tutorial. An die Opfer wird aber eh auch ab und an gedacht.

Robert Penz
Eine Kritik
von Robert Penz

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Siegfried Massat erblickte 1942 im ostpreußischen Leegen in ärmlichen Verhältnissen das Licht der Welt. Wenn der heute fast 80-Jährige seine Abenteuer und Geschichten auspackt und launig aus der Vergangenheit schwadroniert, kann man schon mal ein paar Dinge vergessen. Zum Beispiel, dass der "Professor", wie man ihn ob seiner Intelligenz bald nannte, einst ein Schwerverbrecher war, Menschen regelmäßig mit schweren Waffen bedrohte und über 30 Jahre im Gefängnis absitzen musste.

"Jenke.Crime": Wahre Geschichten, keine Räuberpistolen

Massat zählt in den 70er- bis 90er-Jahren zu Deutschlands meistgesuchten Straftätern. Kein Privathaus, kein Juwelier und keine Bank sind in den drei Jahrzehnten vor ihm sicher. Taten akribisch zu planen und das Risiko aufs Minimum zu reduzieren, sind dabei des Professors Maximen.

Die Erfahrung spielt dem kriminell Hochenergetischen stets in die Karten, denn "Siggi", wie Freunde den "Professor" nennen, steigt schon im zarten Alter von 14 Jahren in Wohnungen und Villen und somit ins Berufsleben ein – für ihn ist es ja ein Job, so wie andere Automechaniker oder Verkäufer werden. "Ich hatte einen Meister, der da schon erfolgreich war und mir einiges beigebracht hat", erzählt er dem "ProSieben"-Generalisten Jenke von Wilmsdorff in dessen Format.

How to become a good Einbrecher

"Anlass unseres Kennenlernens war eine Geschichte, bei der er zusammen mit zwei Brüdern Nobelkarossen gestohlen hat", erzählt Helmuth Jennrich, Anwalt und Freund in Personalunion. 1979 verteidigt er Massat zum ersten Mal. Auch Von Wilmsdorff lässt "Siggi" freundschaftlich umfassend vor einem Millionenpublikum demonstrieren, wann eine Auslagenscheibe für einen Einbrecher anwenderfreundlich ist oder wie man eine Schiebetür auf der Terrasse knackt. Letzteres klappt im Zuge dieses praktischen "Einmaleins des Einbruchs" leider nur suboptimal, denn dem "Siggi" fehlt heute schon ein bisschen die Kraft. Beim zweiten Versuch mit dem Stemmeisen geht die Tür aber Gott sei Dank eh auf.

Siegfried Massat: Ausbildungszentrum "Gefängnis"

Schon damals gilt: Netzwerken ist alles! "Ich hatte ja einen Versicherungsmann, der mir Tipps gegeben hat", offenbart Massat, der durch den Komplizen etwa Infos über die Beschaffenheit von Tresoren in Häusern erhält oder von der Schwerhörigkeit eines Wachhundes erfährt.

Der 79-Jährige hat das Interieur zahlreicher Villen gesehen. "Einer hatte mal eine Rutsche, die vom Schlafzimmer oben direkt runter ins Schwimmbad ging", erinnert sich der "Professor", der sein Know-how im Gefängnis regelmäßig erweitert und dort etwa die Berufe Elektriker und Elektroniker lernt. Alarmanlagen können einen ja doch von der Arbeit abhalten.

Siegfried Massats Ehefrau tötet seine Geliebte

Ehefrau Brigitte hält seit bald 50 Jahren zu ihrem "Siggi". Laut Massats Anwalt eine "extrem liebevolle und zartbesaitete Frau". So zartbesaitet, dass sie 2002 Birgit S., mit der ihr Gemahl seit zwei Jahren ein Verhältnis hat, mit einem Beil erschlägt. "Was muss diese Frau gelitten haben, dass sie diese Tat vorbereitet und ausgeführt hat?", fragt sich Anwalt Jennrich.

Notabene: Brigitte gesteht den Mord seinerzeit und wird vom Mönchengladbacher Landesgericht zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Dennoch sind noch heute viele der Ansicht, die Ehefrau habe die Tat auf sich genommen und Massat sei der wahre Mörder.

Papas "lustige Anekdoten"

Auch Tochter Simone – heute in ihren 40ern – lässt Von Wilmsdorff am Dienstagabend zu Wort kommen. Mit 16 Jahren fand sie das, was Papa gemacht hat, durchaus "spannend und aufregend". "Er erzählte lustige Anekdoten. Da hörte man gespannt zu", sagt sie und ergänzt: "Heute finde ich das natürlich schlimm, was er gemacht hat." Als auch ihr Ehemann (wegen Veruntreuung) in den Knast muss, zieht sie Konsequenzen und lässt sich scheiden. "Ich wollte nicht in die Fußstapfen meiner Mutter treten", offenbart sie in "Jenke. Crime".

Massat trifft auf Oper eines Überfalls

Reue und Empathie sind nach wie vor nicht so Siegfried Massats Ding. Selbst Jenke Von Wilmsdorff, der den "Professor" schwadronieren lässt, kommt irgendwann etwas seltsam vor. Den Bankangestellten Ralph Büttler, der wegen dreier bewaffneter Überfälle, bei denen er, wie er sagt, echte Todesangst gehabt habe, nach wie vor schwer traumatisiert ist, fragt Massat doch glatt, ob er denn nie gemerkt habe, dass der Einbrecher der Person nicht schaden, sondern lediglich das Geld will. "Auf die Befindlichkeiten des Kassiers achtet man nicht. Da wäre man zum Scheitern verurteilt", so Massat, der sich für Banken gern mit Pumpguns oder abgesägten Schrottflinten bewaffnet hat, weiter. Ihm sei einfach immer ein Bankangestellter und kein Mensch gegenübergestanden.

Siegfried Massat lebt heute mit seiner Frau in einer kleinen und biederen Wohnung. Aber ist Papa als Beinahe-80er nach wie vor kriminell? Tochter Simone verneint das: "Der ist durch mit der Sache. Der möchte auch einen ruhigen Lebensabend verbringen."

Zweite Staffel für "Jenke. Crime"

Auch Massat darf noch ein persönliches Fazit ziehen: "Ich hab für mich persönlich einen Weg gefunden, mit diesen Taten halbwegs ins Reine zu kommen. Quasi insofern, als dass ich sage, ich kann’s nicht mehr ändern", resümiert der Ex-Schwerverbrecher, der zu seinen einstigen Opfern nie Kontakt gesucht hat, am Ende der letzten Folge der ersten Staffel von "Jenke. Crime". Apropos: "ProSieben" hat sich vor dem Hintergrund der guten Quoten dazu entschlossen, das Format in eine zweite Staffel zu schicken.