Lehrstunde über Leben: Wie fühlt es sich an, wenn man wirklich nichts mehr hat? Was vermisst man am meisten? Was holt man als erstes zurück und worauf kann man eigentlich für immer verzichten? Sat.1 wagte ein interessantes Experiment und drehte den Besitzstand von sechs Menschen auf Null.

Christian Vock
Eine Kritik
von Christian Vock

Immer mehr Menschen scheinen ihren täglichen Ballast abwerfen zu wollen. Minimalismus findet sich nicht nur in Kunst und Architektur wieder, sondern wird immer öfter auch zur Daseinsmaxime.

Das Weniger-ist-mehr-Prinzip erobert seit einigen Jahren die populäre Ratgeber-Literatur und jüngst landete die Popgruppe Silbermond mit dem Lied "Leichtes Gepäck" in den deutschsprachigen Charts.

Nun ist der Minimalismus auch als Unterhaltungsformat bei Sat.1 angekommen. Die Doku "Nacktes Überleben" im Überblick:

Worum ging es?

Sechs Menschen - ein allein lebender Mann, eine 3er-Wohngemeinschaft und ein Ehepaar - geben für 30 Tage alle ihre Sachen ab.

Alle Sachen bedeutet tatsächlich alle Sachen: Hausstand, Klamotten, Handy. Möbelpacker räumen die jeweiligen Wohnungen leer, zurück bleiben die nackten Bewohner mit einem Überlebensvorrat an Essen, Klopapier und Zahnputzzeug in ihren komplett leeren Wohnungen.

Die ausgeräumten Sachen lagern nicht weit entfernt in einem Container, jeden Tag darf sich jeder ein einziges Teil wiederholen. Geld ausgeben ist tabu.

Wozu das Ganze?

Der Erleuchtung wegen. Was braucht man tatsächlich zum Leben? Was macht einen glücklich? Worauf kann man verzichten? Was zählt wirklich im Leben? Entgegen seiner Gewohnheit dreht Sat.1 diesmal am großen philosophischen Rad des Lebens und unterzieht seine Teilnehmer einer radikalen Minimalismus-Kur, um der Frage nach den menschlichen Grundbedürfnissen näher zu kommen.

Nicht nur für die Teilnehmer eine spannende Erfahrung, auch der Zuschauer kann vor dem Bildschirm schon einmal in Gedanken seine eigene Bude auf Notwendigkeit abklopfen.

Warum nackt?

Weil es Privatfernsehen ist, möchte man einem ersten Impuls folgend antworten. Doch wo bei anderen Formaten grundlos blank gezogen wird, kann man den oktroyierten Klamotten-Entzug hier noch nachvollziehen.

Warum, zeigt sich gleich nach der ersten Nacht. Die überstehen die meisten Teilnehmer nämlich nur mit Rückenschmerzen und Frostbeulen, denn auf dem blanken, kalten Boden zu schlafen, ist offensichtlich alles andere als lustig.

Jeder Zuschauer hätte vorab sicher einen kleineren Geldbetrag gewettet, dass sich die Teilnehmer zuerst ihre Klamotten zurückholen, aber sowohl das Pärchen Carmen und Christian als auch Fitnesstrainer Michael entschieden sich zuerst für eine warme Decke.

Lediglich die WG-Bewohner wollten möglichst schnell ihre Scham bedecken. Insofern diente die Nacktheit dem Erkenntnisgewinn darüber, was wohl das elementarste menschliche Grundbedürfnis ist.

Wie war "Nacktes Überleben" gemacht?

Mal Hand aufs Herz: Bei einer Sat.1-Doku mit dem Titel "Nacktes Überleben" hätten wohl die wenigsten eine seriöse Dokumentation erwartet. Ist sie aber tatsächlich – zumindest zum allergrößten Teil. Man merkt an fast jeder Stelle, dass es hier wirklich um einen Erkenntnisgewinn für die Teilnehmer, aber auch für den Zuschauer gehen soll.

Was dagegen etwas nervte, war dieser Privatsender-Reflex, auch die simpelste Szene mit den Hits der 1980er, 1990er und dem besten von heute zu untermalen. Als ob der Zuschauer die Atmosphäre einer Situation nicht auch ohne Cassandra-Steen-Balladen einschätzen könnte.

Was haben die Teilnehmer gelernt?

Offensichtlich eine Menge und ganz augenscheinlich die Antwort auf die Frage, was man wirklich zum Leben braucht. Bei den meisten waren das Gesundheit und ein Partner beziehungsweise die Familie.

Das galt insbesondere für das Pärchen Chris und Carmen, aber auch Marcel aus der WG holte schon nach nur 13 Tagen lieber einen Ball für seinen kleinen Sohn aus dem Container als etwas für sich selbst.

Am Ende des Experiments sortierten dann alle Teilnehmer zum Teil erhebliche Anteile ihres Besitzstandes aus und die 24-jährige Claire aus der WG löschte kurzerhand ihre Instagram-App auf dem Handy, wo sie doch vor dem Experiment noch der Meinung war, ihre Smartphone würde ihr am meisten fehlen. Nach dem Experiment ist das Handy für sie "ein Stressfaktor".

Was hat der Zuschauer gelernt?

Nicht wesentlich weniger als die Teilnehmer. Abgesehen von dem generellen Impuls, sein eigenes Leben entrümpeln zu wollen, waren es auch Kleinigkeiten, die den Zuschauer verblüffen konnten.

Wie zum Beispiel die Fehleinschätzung der Kandidaten, wie viele Gegenstände sie denn so haben. Hier lagen alle Teilnehmer in ihren Schätzungen weit unter der tatsächlichen Menge.

Erstaunlich war auch, wie schnell sich bei den Teilnehmern ein Gefühl der Sättigung einstellte. Bereits nach zwölf Tagen fiel es einigen Kandidaten schwer, sich zu entscheiden, welches Teil sie nun aus dem Container zurückholen sollten.

Waren erst einmal die wichtigsten Dinge zum Überleben beschafft, war es offenbar schwer, tatsächlich noch Notwendiges zu finden. Oder, um mit den Worten von Kandidat Chris zu sprechen: "Anziehsachen, ein Schlafplatz und ein Handtuch sind sinnvoll."