Der neuste "Tatort" aus Berlin erzählt die Geschichte von zwei entfremdeten Brüdern und entführt den Zuschauern dabei in die politischen Tiefen der deutschen Geschichte. Passen zum Tag der deutschen Einheit spielt der Ost-West-Konflikt eine bedeutende Rolle im Sonntagskrimi.

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Eine schöne Wiedervereinigung ist das: Der eine wird erschossen, der andere springt vom Dach. "Ein paar Worte nach Mitternacht" ist der "Tatort" zum Tag der Deutschen Einheit, und wenn der Film mit Symbolik nicht ohnehin schon so vollgepackt wäre wie eine Teenager-SMS mit Emojis, dann könnte man zu "Ein paar Worte nach Mitternacht" noch hinzufügen: fünf nach zwölf - es ist zu spät für eine Versöhnung.

"Tatort: Ein paar Worte nach Mitternacht": In der Geburtstagsnacht ermordert

Getötet wird der Berliner Bauunternehmer Klaus Keller (Rolf Becker) in der Nacht vor seinem 90. Geburtstag: Erschossen findet ihn sein Sohn Michael (Stefan Kurt) am nächsten Morgen auf der Terrasse, um den Hals ein Plakat: "Ich war zu feige, für Deutschland zu kämpfen".

Klaus Keller hatte sich die Versöhnung mit den Opfern des Holocaust zur Aufgabe gemacht, die Krönung seines Lebenswerkes sollte ein Shoa-Dokumentationszentrum in Israel sein, dessen Baubeginn kurz bevorstand.

Deshalb vermuten die Kommissare Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke), dass der Mord einen rechtsradikalen Hintergrund hat.

Zwei Brüder mit gegensätzlicher politischer Meinung

Dann erfahren sie von einem Bruder: Gert Keller (Friedhelm Ptock) ist ein verbitterter ehemaliger Stasimajor. Als die Kommissare ihn im Krankenhaus besuchen, springt der alte Mann vom Dach, noch bevor sie ihn befragen können.

Auch Gert hat einen Sohn, Fredo (Jörg Schüttauf), der eine kleine Druckerei im Ostberliner Stadtteil Pankow betreibt und für die ultrarechte "Völkische Liste" im Senat sitzt.

Zwischen den erfolgreichen Kellers im Westen und den verbitterten Ost-Kellers gab es seit Jahren keinen Kontakt mehr. Enkel Moritz, der ein enges Verhältnis zu Opa Klaus hatte, bringt die Verhältnisse auf den Punkt: "Stasi-Arsch mit Fascho-Sohn, die waren familiär tabu", sagt der Student.

Aber Moritz hat ein Video von der Familienfeier, in der sein Großvater zu einer Rede ansetzen will, die er nie beenden wird. Und es stellt sich heraus, dass Fredo und Michael sich in der Nacht getroffen zu haben scheinen.

Berliner "Tatort": Familiengeschichte wird zur Reise in die deutsche Vergangenheit

Die Ermittlungen der Kommissare konzentrieren sich bald auf die Familiengeschichte der Kellers und werden damit zu einer Reise in die deutsche Vergangenheit. Für die Jüdin Nina Rubin ist das eine emotionale Qual.

Sie besucht Klaus Kellers Witwe, die im Pflegeheim lebt, weil ihr Kurzzeitgedächtnis nicht mehr funktioniert. Eine reizende alte Dame, die im Chor singt. Natürlich "Kein schöner Land". Sie weiß von der unüberbrückbaren Entfremdung der Brüder, aber leider nicht, wie es dazu kam.

Stattdessen erzählt sie Nina Rubin von ihrem zehnten Geburtstag und der Nachbarin Hilde, die auch so schön singen konnte, und wie sie die Freundin denunziert habe, weil Hildes Familie Juden versteckte. Und beim nächsten Besuch Rubins erzählt sie es gleich noch einmal. Vergessen, Schmerz und Reue in einer Endlosschleife - einer der wenigen Momente in diesem "Tatort", der den Gedanken Raum lässt.

Der Rest: Zwei Brüder, nach dem Krieg getrennt und nie wieder richtig zueinander gefunden haben. Ein Wirtschaftswunderkind und ein Wendeverlierer.

Zu dick aufgetragen

Achtung, Spoiler: Die Familie Keller steht für Deutschland. In die Kombinationsgabe der Zuschauer hat der "Tatort" von Regisseurin Lena Knauss ungefähr so viel Vertrauen wie die 68er-Generation in den Nachkriegskanzler Adenauer, weshalb jeder Interpretationsspielraum sicherheitshalber mit Bildern zugepflastert wird: Grenzland, malerisch vom Gebüsch überwachsen. Füße, die über die Pflastersteine schreiten, die heute den Verlauf der Mauer durch Berlin markieren. Die Mauerreste der East Side Gallery natürlich, und selbstverständlich auch das Holocaustmahnmal. Das reinste Berliner Gedenkstätten-Bingo.

Gerne spiegeln sich Darsteller und Räume außerdem in Spiegeln. Und wenn Nina Rubin zum Thema Hitlerjugend recherchiert, dann blättert sie nicht am Schreibtisch in langweiligen Unterlagen, sondern sitzt nachts nachdenklich bei Wein und melancholischer Musik auf ihrem Sofa und hält kameragerecht Flugblätter blonder Hitler-Mädels in der Hand. Eigentlich eine schöne Szene, die es nicht verdient hat, als ein weiterer Schlag mit dem Holzhammer zu nerven.

Vewirrende Familiendynamik sorgt für Spannung

Was diesen "Tatort" rettet, ist ausgerechnet seine Derrickhaftigkeit: Das ist die Sorte von Krimi, in der betuchte Familien von ungehörigen Familiengeheimnissen erschüttert werden, eben so wie es früher in der ZDF-Serie um Oberinspektor "Derrick" Standard war. Dessen Spezialität waren Mordfälle in schicken Münchner Villenvierteln, wo die Opfer heimliche Liebhaberinnen, die Täter rücksichtslose Patriarchen und die Kinder emotional gebeutelte Versager waren.

Auch in "Ein paar Worte nach Mitternacht" (Drehbuch: Christoph Darnstädt) ist die Familiendynamik verkorkst genug, dass man gern noch etwas mehr über ihre Mitglieder erfahren würde. Über Gert, der sich seinen ganz eigenen antifaschistischen Schutzwall errichtet zu haben scheint. Über Michael, der die Firma endlich alleinverantwortlich führen will und dem das soziale Engagement seines Vaters zunehmend auf die Nerven ging.

Über seine Frau Maja (Marie-Lou Sellem), die das Leben als Unternehmergattin sichtlich genießt und den guten Namen Keller nicht besudelt sehen will, schon gar nicht von ihrem Sohn Moritz (Leonard Scheicher), einem "verwöhnten Rotzlöffel", der die Firma übernehmen wird, "das weiß er nur noch nicht".

Der wiederum kann seinen Groll nicht gegen den geliebten Großvater und damit die "Nazigeneration" richten, sondern besetzt stellvertretend Gelände, auf denen sein ignoranter Vater bauen will.

Jörg Schüttauf glänzt durch gelungene Schauspielleistung

Und Frido vor allem, der seinen ganzen Frust als Wendeopfer in rechtsradikale Pamphlete und Plattitüden packt, und der Dank Jörg Schüttaufs differenziertem Spiel trotzdem gar nicht so unsympathisch wirkt. Ein Proletarier, der sich um seinen kranken Vater kümmert und im Vergleich zu den gelackten West-Kellers die reinste Wohltat ist.

Und schließlich ist da noch Ruth, die in Klaus Kellers Stammlokal kellnert und in die sich Kommissar Karow verguckt. Der Flirt wirkt so hölzern wie Victoria Schulz' Darstellung der engagierten Studentin, aber als Außenstehende bringt die Figur Schwung in die Ermittlungen.

Letztendlich funktioniert dieser Einheits-"Tatort" nur, weil von Einheit keine Rede sein kann. Wenn das mal nicht symbolisch ist.

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