In "National feminin" klären die "Tatort"-Kommissarinnen Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) und Anaïs Schmitz (Florence Kasumba) den Mord an der rechtsextremen feministischen Bloggerin Marie Jäger auf. Fünf Fragen zum Göttinger Krimi.

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Kommissarin Lindholm spricht von "Femizid" als Hintergrund für den Mord. Was ist damit gemeint?

Unter Femizid versteht man (in Anlehnung an das englische homicide für "Mord") die Tötung von Menschen weiblichen Geschlechts, und zwar genau wegen ihres Geschlechts. In Deutschland ist der Begriff relativ unbekannt, während in Ländern wie etwa Lateinamerika oder auch der Türkei Frauenmorde von Feministinnen thematisiert werden, um auf die Konsequenzen patriarchalischer Machtstrukturen aufmerksam zu machen.

Hierzulande wird stattdessen oft der Begriff Partnerschaftsgewalt verwendet, etwa, wenn das Bundeskriminalamt berichtet, im Jahr 2018 seien 112 Frauen von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet worden, und insgesamt mehr als 114.000 Frauen Opfer von häuslicher Gewalt, Bedrohungen oder Nötigungen geworden.

Dadurch werde allerdings der Eindruck erweckt, so die Kritik, dass es sich um Einzelschicksale in tragischen Beziehungen handele. Eine geschlechtsspezifische Beschreibung hingegen würde verdeutlichen, dass es sich auch in westlichen Kulturen um ein tiefergehendes Strukturproblem handelt – je nach Straftat sind bei den angezeigten Partnerschaftsdelikten 77 bis 98 Prozent der Opfer Frauen.

Anders als die rechtsextremen Feministinnen im "Tatort" und in der Realität behaupten, handelt es sich bei den mutmaßlichen Tätern übrigens mit 67 Prozent mehrheitlich um Deutsche, gefolgt von türkischen (5,7 %) und polnischen (2,6 %) Staatsangehörigen.

Welche realen Vorbilder hat die in "National feminin" dargestellte rechte Szene?

Die rechte Gruppierung "Junge Bewegung" (JB), der die Videobloggerin Marie Jäger und ihre Freunde von der Uni Göttingen angehören, orientiert sich an der identitären Bewegung. Sie ist eine ursprünglich aus Frankreich stammende lose Gruppe von rechtsextremen Aktivisten, die vor allem online agieren und sich als Hüter einer europäischen Kultur (Identität) verstehen, die es gegen die Islamisierung zu verteidigen gelte.

Auch das Logo der JB, die zwei verschachtelten Dreiecke, lehnt sich an das Zeichen der Identitären an, den griechischen Buchstaben Lambda, ein Winkel in Gelb, auf schwarzem Grund im gelben Kreis. Es stammt aus der Verfilmung des Comics "300", in der es die Spartaner in ihrem Krieg gegen ein viel größeres Heer von Persern tragen – heute entspreche das dem Kampf der Europäer gegen Einwanderer.

Gibt es den von Marie Jäger propagierten "modernen Feminismus" wirklich?

Im "Tatort" werfen junge Frauen älteren Frauenrechtlerinnen vor, die Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu negieren und dadurch beiden Seiten zu viel aufzubürden. Tatsächlich preisen rechtskonservative Frauen gerne das reine Muttersein, anstatt Frauen dazu zu "zwingen", Beruf und Kinder zu vereinen.

Ähnliches hat zum Beispiel die ehemalige Fernsehmoderatorin Eva Herman 2006 in ihrem Buch "Das Eva-Prinzip" geschrieben. Derartige Thesen gehen allerdings immer mit der Warnung vor einem "Aussterben" des deutschen Volkes einher.

Auch der Kampf gegen männliche Gewalt wird instrumentalisiert, indem er sich nur gegen Ausländer richtet. Die als Gegenentwurf zu #metoo propagierte Bewegung #120db zum Beispiel (nach der Dezibel-Lautstärke von Taschenalarmen, die Frauen zum Schutz bei sich tragen) will unter dem Hashtag von Erfahrungen mit Gewalt berichten – beschränkt sich allerdings auf von ihr sogenannte "Migrantengewalt".

Ins Leben gerufen wurde sie von dem österreichischen Identitären Martin Sellner. Letztendlich stützt ein derartiger selbsterklärter "moderner Feminismus" also nur die herrschenden patriarchalischen Strukturen der rechten Szene.

Interessanter war die Figur der Juraprofessorin Sophia Behrens – hat sie ein reales Vorbild?

Laut Darstellerin Jenny Schily orientiert sich ihre Figur an der amerikanischen Feministin Camille Paglia: "Sie ist eine homosexuelle Intellektuelle, die sich für die Rechte der Frauen einsetzt, aber viele Kritiker hat, weil sie auch biologisch argumentiert und sehr die Unterschiede zwischen Mann und Frau betont."

Wie Behrens ist die 72-jährige Paglia eine Universitätsprofessorin (in Philadelphia), die es genießt, komplizierte Gedankengänge stammtischhaft zuzuspitzen und damit zu provozieren. Ihre Argumentation kreist um das Paradox der emanzipierten Frau, die neutral behandelt werden möchte, ohne sich deshalb neutral verhalten zu müssen.

Paglia kritisiert auch die Art und Weise, wie Frauen auf männliche Übergriffigkeit reagieren: "Ich akzeptiere diesen Satz einfach nicht: 'Er hatte so viel Macht über mich.' Das ist Selbstinfantilisierung", sagte sie 2019 in einem Interview mit der "Welt".

1990 implizierte sie, laszive Frauen seien an ihrer Vergewaltigung selbst schuld, und entfachte einen Skandal. Paglia beharrt allerdings auf ihrer intellektuellen Unabhängigkeit und wehrt sich entsprechend auch gegen eine Vereinnahmung durch die Rechte: Als die deutsche Übersetzung eines ihrer Bücher in einem rechten Verlag erschien, drohte die Autorin mit einer Klage und erreichte, dass die Exemplare 2018 eingestampft werden mussten.

Bei dem dritten Fall für das Team Lindholm/Schmitz ist die schwarze Hautfarbe von Anaïs Schmitz erstmals Thema. Wie hat die Darstellerin Florence Kasumba die Dreharbeiten erlebt?

Kasumba kam 1976 in Uganda auf die Welt, wuchs in Essen auf, studierte Gesang, Tanz und Schauspiel in den Niederlanden und lebt heute mit ihrer Familie in Berlin. Im Interview mit der ARD erzählt Kasumba, dass sie die Gelassenheit, mit der Anaïs Schmitz im Film auf die Provokationen der neurechten Rassisten reagiert, begrüßt und nachvollziehen kann: "Ich persönlich finde nicht, dass man mit Aggression vorankommt, im Gegenteil, man muss Haltung zeigen und sorgfältig auf seine eigene Sprache achten."

Einen Satz wie "Afrika braucht dich", der Schmitz an den Kopf geworfen wird, finde sie nicht drastisch, "weil ich da abgestumpft bin. Ich bin nicht aus Stein. Ich habe Gefühle, aber das verletzt mich nicht. Das prallt ab. Wenn man viele Dinge gehört hat, stumpft man ab. Wenn ich mit dem N-Wort beschimpft werde, gehe ich nicht in die Ecke und heule. Warum? Weil bekannt ist, dass man dieses Wort benutzt, um Menschen zu beleidigen."

Trotzdem beunruhige sie die neue Rechte mit ihren Forderungen nach einem einwanderungsfreien Deutschland natürlich: "Ich würde das gerne verstehen und brauche den Dialog. Da ist schon die Frage, was ist deutsch? Ich habe einen deutschen Pass, ich bin hier großgeworden, meine Muttersprache ist deutsch, ich zahle in Deutschland Steuern. Was ist da noch fremd? Hätte Deutschland ohne Migranten keine Probleme?"

Im "Tatort" konfrontiert Schmitz einen Rassisten mit einem Zitat: "Wenn du deine Identität nur durch ein Feindbild aufrecht erhalten kannst, dann ist deine Identität eine Krankheit." Der Satz stammt von dem armenischstämmigen Istanbuler Journalisten Hrant Dink, der sich für die Rechte der armenischen Minderheit in der Türkei einsetzte und dafür von einem türkischen Nationalisten 2007 auf offener Straße erschossen wurde.