Der österreichische Psychothriller ist zurück: Mit dem Film "Mein Fleisch und Blut" schafft Michael Ramsauer den Spagat zwischen Familiendrama und Horrorfilm. Er versteht es, eine packende Geschichte von einer nachbarschaftlichen Beziehung zu erzählen. Wir haben Hauptdarstellerin Ursula Strauss zum Interview getroffen und mit ihr über Nervenkitzel, die Arbeit am Set und die österreichische Filmbranche gesprochen.

Ein Interview


Heute ist die Premiere deines neuen Kinofilms "Mein Fleisch und Blut", außerdem startet der Krimi-Serie "Pregau" im ORF und auch bei "Schnell ermittelt" stehst du vor der Kamera. Man bekommt den Eindruck es starten die Ursula-Strauss-Festspiele.
Ursula Strauss: Ich habe 2015 viel gearbeitet. Dass das jetzt alles zur selben Zeit passiert, ist zwar Zufall, aber mich reißt es ganz schön herum, das kann man schon so sagen.
In manchen Artikeln war zu lesen, du stürzt dich in die Arbeit, um deinen schweren Unfall und private Schicksalsschläge aufzuarbeiten.
So kann man es nicht sagen, ich habe mich nämlich schon immer in die Arbeit gestürzt. Nur auf einen Film habe ich mich nach meinem Unfall dezidiert konzentriert, um wieder Kontinuität hineinzubekommen. Das war "Meine fremde Frau". Mein Unfall ist aber nicht der Grund, warum ich mich noch mehr in die Arbeit gestürzt habe. Er ist eher Auslöser dafür, dass mein Job mir noch mehr gefällt.

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Wie bist du zu der Rolle in "Mein Fleisch und Blut" gekommen? War sie auf dich hingeschrieben?
Nein, ich bin zum Casting gegangen, habe das Buch bekommen und wir haben vor Ort mit dem Andreas (Kiendl, Anm.) gearbeitet und Michael hat sich für mich entschieden. Wie und warum, das muss man ihn fragen. Aber es hat mich sehr gefreut.
Wie stehst du zu dem Genre Psychothriller? Sind das Filme, die dich anziehen?
Ich mag den Nervenkitzel, sagen wir es so (lacht). Prinzipiell kippe ich in jede gute Geschichte hinein. Psychothriller sind aber schon etwas Besonderes und ich sehe sie mir gerne an.
In einem Interview hast du gesagt, die Herausforderung ist es, trotz Kenntnis der ganzen Story in den einzelnen Szenen nichts vorwegzunehmen.
Man muss sich schon in den Zuseher hineindenken und überlegen, wie man spielt, um gewisse Inhalte nicht vorwegzunehmen. Soweit die Theorie. Aber wenn man dann am Set steht und mit den Partnern dreht, ist alles anders. Denn das Schöne am Spielen ist ja, dass man loslassen muss und sich überraschen lässt von dem, was passiert.
War der Dreh eine große Herausforderung? Das Thema des Films ist ja sehr düster.

Schwere Stoffe sind immer anstrengender als beispielsweise eine lockere Komödie. Aber es war eine sehr intensive Arbeit.
Du spielst in dem Film die Mutter eines Adoptionskindes mit einer Entwicklungsstörung. Wie hast du dich darauf vorbereitet?
Ich habe einen kleinen Vorteil: ich bin Kindergärtnerin. Mit Spezialisierung Heil- und Sonderpädagogik. Ich habe mich in meinem Leben viel mit Kinderpsychologie und Kindern beschäftigt, habe während meiner Schulzeit viel Zeit in Kindergärten verbracht und auch innerhalb der Familie viel mit Kindern zu tun gehabt. Daher ist es für mich kein fremdes Terrain. Der Rest ist Phantasie und die Fähigkeit, sich dem Thema gegenüber zu öffnen. Letztendlich sind wir, die Schauspieler, ja nur die Gefäße, durch die die Geschichte durchfließt.
Hat sich deine Meinung zum Thema Adoption durch den Film geändert?
Würde ich in die Situation kommen ein Kind zu adoptieren, würde ich niemals auf solche Methoden zurückgreifen. Zudem finde ich es verachtenswert anderen Menschen etwas vorzuenthalten, weil ich glaube, dass man nur mit einem klaren Blick mit einer Situation gut umgehen kann. Das heißt jetzt nicht, dass man ein Kind mit einer Krankheitsdisposition nicht adoptieren könnte, da es eine sehr schöne Aufgabe sein kann, einem Menschen zu helfen. Für mein Leben habe ich mir das aber noch nicht konkret überlegt.


Was war dann das wesentlichste Thema, das du aus dem Dreh mitgenommen hast?
Die Schuld. Denn jeder der Protagonisten trägt eine Schuld in und mit sich, die dazu beiträgt, dass alles den Bach runtergeht. Keiner dieser Menschen hat eine weiße Weste. Denn alleine was die Katharina (Protagonistin, Rolle von Ursula Strauss, Anm.) macht, ist sehr uncool. Das geht eigentlich gar nicht.
Die Rolle des Kindes wurde von Neoschauspieler Nikolai Klinkosch verkörpert. Wie war es mit einem so jungen Schauspielkollegen einen Film in Kinolänge zu drehen?

Ich habe kürzlich mit zwei Kinderdarstellern drehen dürfen, einerseits mit der Zita Maier in "Maikäfer flieg" und auf der anderen Seite mit dem Nikolai Klinkosch in "Mein Fleisch und Blut". Es war super. Der Nikolai ist ein ganz toller junger Mensch. Wir haben viel Spaß mit ihm gehabt und er hat auch extrem konzentriert gearbeitet. Es war sehr interessant, wie er auf die emotionalen Szenen reagiert hat. Die waren ihm teilweise zu viel, die konnte er nicht so schnell filtern. Es sind alle Beteiligten super damit umgegangen, inklusive ihm. Wir haben sehr viel über die Dinge gesprochen, bis er verstanden hat, dass es wirklich nur Spiel ist. Es hat viel damit zu tun, wie man darüber spricht. Die Eltern vom Nikolai sind sehr gut damit umgegangen und zudem gab es am Set zwei Kindercoaches.
Ohne den Lesern zu viel vorweg zu nehmen. aber es gibt eine sehr emotionale Szene gegen Ende, als ihr zwei in den Wald flüchtet.
Das war so eine Szene, die für uns beide sehr schwierig war. Die kostet viel Energie. Aber wenn man Kinder ernst nimmt und ihnen alles erklärt, funktioniert das. Denn Kinder verstehen sowieso ganz viel, auf einer ganz anderen Ebene als Erwachsene.
Könnte man sagen, Kinder sind im Schauspiel ehrlicher und direkter?
Es kommt darauf an. Nicht jedes Kind. Wenn es die Begabung hat, dann ja. Aber auch dann heißt das nicht, dass diese Begabung bleibt. Aber generell kann und soll der Zauber des Schauspiels nicht erklärt werden.
Rund um den Start von "Pregau" ist die Diskussion entstanden, dass man in allen neuen Produktionen hierzulande stets dieselben Gesichter sähe. Manche meinen, dies sei den mangelnden Förderungen für Schauspielnachwuchs zuzuschreiben. Wie siehst du das?
Wir sind ein kleines Land und die Filmbranche ist nicht riesig. Die spannendere Frage dabei ist: sieht man die gleichen Personen in denselben Figuren, oder spielen sie stets andere Charaktere? Wenn man dennoch wieder in die Geschichten kippt, ist das doch in Ordnung. Vor allem, wenn man Schauspieler sympathisch findet. Das ist in Amerika und England genau so. Zur Nachwuchsförderung: Ich versuche mich immer zu erinnern, wie es mir damals gegangen ist und ich glaube, dass es heute viel mehr Möglichkeiten gibt. Es tut sich etwas, natürlich ist immer Luft nach oben. Am Ende hat alles mit Produktionskapital zu tun. Wenn mehr Geld da ist, kann man mehr Leute beschäftigen und viele neue Gesichter etablieren. Das ist ein Prozess der dauert.


Kurz weg vom Film: In der Tageszeitung "Die Presse" hast du Anfang des Jahres einen nachdenklichen Beitrag verfasst. Darin schreibst du, dass du dir die Nachrichten nicht mehr ansehen, das Leid nicht mehr verarbeiten sondern nur noch zur Kenntnis nehmen kannst. Ich zitiere: "Ich komme nicht mehr mit, liegt vielleicht an mir und daran, dass ich keine Atomphysikerin geworden bin, sondern Geschichtenerzählerin." Hast du das Gefühl den falschen Beruf gewählt zu haben?
Das glaube ich nicht. Die Berufe, die für mich in Frage kommen, haben in jedem Fall mit dem Umgang mit Menschen zu tun. Es wäre also auf jeden Fall ein sozialer Beruf oder ein kreativer Beruf. Mich haben von Anfang an Menschen interessiert und die Interaktion und Kommunikation zwischen ihnen.
In diesem Artikel schreibst du aber am Ende auch: "Leistung ist wichtig, vor allem als Frau." Wie siehst du die Situation für Schauspielerinnen in Österreich?
Schauspielerinnen werden gut behandelt und wir haben das große Glück, dass wir hierzulande auch als solche arbeiten dürfen. Hauptsächlich werden Geschichten dann aber doch von Männern erzählt, respektive von männlichen Protagonisten. Frauen als Geschichtenführerinnen sind noch im Nachrang. Das gibt es sicher noch viel Potenzial. Ich kann mich aber nicht beschweren, weil ich das große Glück habe, tolle Aufgaben zu bekommen.
Welche Frage würdest du dir gerne stellen, die dir sonst nie gestellt wird?
Ich wurde vor kurzem gefragt, ob es nicht mühsam sei, wenn ich immer dasselbe gefragt werde. Das finde ich nicht, ich habe immer schöne Gespräche und bin darüber nicht unzufrieden.

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