Vergessen Sie Danni Lowinski, jetzt kommt Jenny Kramer. So hätte es zumindest RTL mit seiner neuen Anwaltsserie "Jenny – echt gerecht" wohl gerne. Doch wo es bei "Danni Lowinski" seinerzeit wirklich wehtat, geht es bei "Jenny" ein bisschen zu zahm zu.

Christian Vock.
Eine Kritik
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Jenny Kramer hat das, was man wohl einen echt miesen Tag nennt. Erst wird der alleinerziehenden Mutter gekündigt, zuhause klaut der Ex den Kindern das Taschengeld aus dem Sparschwein und als sie ihn vor Gericht zur Zahlung von Unterhalt verpflichten will, verliert sie den Prozess, weil ihr Anwalt nicht erscheint.

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Aber weil Jenny Kramer, der Zusatztitel "echt gerecht" sagt es, einen Hang zur Gerechtigkeit hat, macht sie aus der Not eine Tugend. Als sie ihren Anwalt in dessen Kanzlei zur Rechenschaft ziehen will, nutzt sie ein Missverständnis und ist fortan dessen neue Bürohilfe.

Das löst zwei Fliegen mit einer Klappe: Kramer hat einen neuen Job und RTL eine neue Anwaltsserie.

Nun könnte man meinen, dass die großen Zeiten von Anwaltsserien im Allgemeinen spätestens seit "Ally McBeal" und von deutschen Anwaltsserien im Besonderen allerspätestens seit "Danni Lowinski" ein wenig vorbei sind. Andererseits ist der TV-Serien-Markt derzeit vielfältiger denn je - und so richtig tot werden Anwaltsserien wohl nie sein. Das Böse ist immer und überall.

Alleinerziehende trifft Anwalt

Seit Dienstagabend nun fügt RTL der TV-Anwaltskammer Kollegin Jenny Kramer hinzu, auch wenn Kramer keine Anwältin, sondern "nur" Bürohilfe ist. Diese spielt Birte Hanusrichter als schnoddrig-pragmatische Einzelkämpferin, die mit großer Klappe und Klamotten aus der Kategorie "Im Dunkeln angezogen" für ihr eigenes Recht und das anderer Benachteiligter kämpft.

Doch kämpfen kann man nur bedingt alleine, weshalb Kramer mit ihrem neuen Chef Maximilian Mertens (August Wittgenstein) einen Dauerkontrahenten bekommt. Der taugt deshalb als Gegner, weil er als seriöser und ehrgeiziger Anwalt natürlich so vollkommen anders ist als die quirlige alleinerziehende Gelegenheitsjobberin.

Wie sehr die beiden Welten auch moralisch auseinander liegen, zeigt sich, als sich Jenny in der Auftaktfolge für ein ukrainisches Zimmermädchen einsetzt, das vom Bürgermeisterkandidaten ein Kind, aber kein Geld bekommt, geschweige denn eine Anerkennung. Weil Anwalt Mertens den Bürgermeister aber lieber als Mandanten denn als Gegner hätte, verweigert er Jenny seine Unterstützung. "Das nennen Sie Gerechtigkeit", fährt ihn die Kramer deshalb an. "Das nenne ich Realität", erwidert Mertens.

"Jenny"? "Danni Lowinski" light

Es gibt also genügend Reibungspotenzial, das die Serie zumindest quantitativ auch reichlich ausschöpft. Nur bei der Qualität hapert es noch ein bisschen. Wenn sich Kramer und Mertens beispielsweise in Folge zwei auf der Tanzfläche über einen Fall streiten, rauscht Kramer verärgert mit einem "Sie können ganz schlecht führen" als Abschiedspointe ab. Das haben wir schon wesentlich bissiger, sarkastischer, origineller und vor allem lustiger gesehen.

Zum Beispiel bei "Danni Lowonski". Nun ist es vielleicht ein bisschen unfair, eine neue deutsche Anwaltsserie gleich mit dem Riesenerfolg "Danni Lowinski" zu vergleichen, aber dieser Vergleich bietet sich gleich in mehreren Punkten an.

Wie auch bei "Danni Lowinski" hat man es bei "Jenny" mit einer, wenn auch zweifelhaft gekleideten, dafür aber umso engagierteren Hauptfigur zu tun, die Dinge nicht für Geld, sondern im Namen der Gerechtigkeit macht.

Doch wo "Danni Lowinski" mit Originalität, Witz und vor allem Authentizität punkten konnte, herrscht bei "Jenny" weitgehende Oberflächlichkeit. Man nimmt der Serie das Prekäre einfach nicht ab. Job verloren? Wird schon. Vom Ex vor Gericht abgezockt? Naja, Hauptsache er gibt die Schlüssel zurück.

Bei "Danni Lowinski" schmeckte man zumindest ein bisschen den Schmutz der Straße, bei "Jenny" noch nicht einmal Staubflusen in der kuscheligen Wohnung der Alleinerziehenden. Das alles macht "Jenny" keinesfalls zu einer schlechten Serie, denn vor allem Hauptdarstellerin Birte Hanusrichter dreht in ihrer Rolle mächtig auf und macht die konventionelle Handwerkskunst und die manchmal recht flachen Nebenfiguren wett. Ein richtiges Must-see wird daraus aber leider auch nicht.