Demnächst droht dem gefallenen Immobilien-Tycoon René Benko die erste Anklage in Wien. Es werden wohl noch weitere folgen – auch in Deutschland, Liechtenstein und Italien. Ein Überblick über die Akte Benko.

Eine Analyse
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In zwei Jahren feiert Rene Benko seinen fünfzigsten Geburtstag. Ob der einst gefeierte und von der Politik hofierte österreichische Immobilien-Tycoon diesen hinter schwedischen Gardinen begehen muss, wird sich noch zeigen.

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Manches spricht dafür. Seit bald einem halben Jahr sitzt er in Untersuchungshaft, die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft will demnächst die erste Anklage gegen ihn erheben, weitere sollen folgen.

Es gibt nicht weniger als ein Dutzend unterschiedliche Vorwürfe, die der Reihe nach verhandelt werden sollen – darunter Untreue, Betrug und Insolvenzverschleppung. Fest steht: Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird es bei Benkos nächstem Runden weniger mondän zugehen als bei seinem vierzigsten Geburtstag.

Benko: Zwischen Glamour und Justiz

Damals, im Sommer 2017, schien es so, als ob der Aufstieg des talentierten Unternehmers aus der Tiroler Landeshauptstadt Innsbruck nicht zu bremsen sei – obwohl Benko schon damals strafrechtlich keine weiße Weste mehr hatte: Drei Jahre zuvor war er wegen versuchter Bestechung des ehemaligen kroatischen Premiers Ivo Sanader zu einer bedingten Haftstrafe - in Deutschland vergleichbar mit einer Strafaussetzung zur Bewährung - von einem Jahr verdonnert worden. Benko hatte dem einflussreichen Konservativen Sanader 150.000 Euro geboten, um ein Gerichtsverfahren gegen ihn beizulegen.

Als er sich 2017 in seiner Villa Ansaldi am Gardasee von der mittlerweile verstorbenen Rockikone Tina Turner ein Ständchen singen ließ, gaben sich Promis aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft die Klinke in die Hand. Stargast der Sause war der damalige Außenminister und spätere Bundeskanzler Sebastian Kurz, der beim Galadiner neben Benko Platz nahm.

Der einstige Shootingstar der bürgerlichen ÖVP musste vor einigen Jahren nach Vorwürfen der Korruption seinen Hut nehmen. Heute ist er Unternehmer, der nach seinem Abschied aus der Politik auch für Benko tätig war – ebenso wie einer seiner Vorgänger, der Sozialdemokrat Alfred Gusenbauer. Der Immobilienunternehmer Benko war politisch bestens vernetzt – vor allem bei Rot und Schwarz.

Luxus trotz Milliardenpleite: Benko entzog sich der Verantwortung

Dass Benko in einer Zelle in Wien Josefstadt auf seinen Prozess warten muss, liegt auch an seinem Verhalten nach der Pleite seines Signa-Konzerns. Ende 2024 wurde bekannt, dass er weiterhin in einer Nobelvilla bei Innsbruck residierte – offiziell auf Kosten seiner Mutter, die für das Anwesen monatlich 235.000 Euro zahlte. Möglich machte das eine "Laura Privatstiftung", die nicht Teil der Konkursmasse war und über die sie verfügen konnte.

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Bei einer Razzia in der Villa wurden unter anderem sündhaft teure Luxusuhren und 120.000 Euro in bar sichergestellt. Benkos Signa-Gruppe hat den Staat Österreich, Banken und Investoren um Milliarden gebracht – die Schadensumme wird mit rund 2,4 Milliarden Euro beziffert. Aber er selbst wollte sich bis zum Schluss nicht in zu viel Verzicht üben. Noch im Herbst 2024 wurde bekannt, dass er den damaligen Tiroler SPÖ-Chef und Landeshauptmann-Stellvertreter Georg Dornauer zur Pirsch in eine Privatjagd eingeladen hatte. Dornauer musste in der Folge zurücktreten. Es gibt nun niemanden mehr in der Politik, der mit Benko etwas zu tun haben möchte.

Die Pleite rund um seinen weltweit tätigen Signa-Konzern wird in Österreich bereits mit dem Fall Wirecard in Deutschland verglichen. Auch weil die Causa weit über die Landesgrenzen hinaus reicht: Benko droht nicht nur in Österreich Ärger mit der Justiz. Auch in Deutschland, Italien und Liechtenstein laufen Ermittlungen.

Intransparente Geldflüsse und Täuschung von Investoren

Aber was wird Benko eigentlich vorgeworfen? Sehr vereinfacht gesagt, soll er über seinen undurchsichtigen Signa-Konzern Geld im Kreis geschickt haben, um auf Pump neue Objekte zu kaufen, Liquiditätsengpässe zu verschleiern und damit seine Investoren zu täuschen.

Zu Signa gehörten einige der begehrtesten Immobilien in Wien und Innsbruck, darunter das noble Park Hyatt Hotel oder das Kaufhaus Tyrol. In New York kaufte Signa das berühmte Chrysler Building und etliche Luxushotels. Auch in Deutschland war der Konzern auf Einkaufstour: Schon 2013 kaufte Signa das traditionsreiche Kaufhaus des Westens (KaDeWe) in Berlin und bald darauf Karstadt.

Lange Zeit galt der in eher bescheidenen Verhältnissen aufgewachsene Benko als Österreichs talentiertester Unternehmer, der binnen zweier Jahrzehnte einen Milliardenkonzern aus dem Boden gestampft hatte. Aber eben auch einer, dem niemand in die Karten blicken konnte: Zu undurchsichtig war das Geflecht aus Firmen und Stiftungen – ausgetüftelt von einer ganzen Heerschar von Rechtsanwältinnen und Notaren. Lange fragte kaum jemand, woher das viele Geld kam.

Das änderte sich erst 2022, als der Konzern in wirtschaftliche Schieflage geriet und Signa Prime – das Mutterschiff des Konzerns – eine massive Abwertung des Immobilienportfolios in der Höhe von fast 1,2 Milliarden Euro vornehmen musste. Der Dampfer war ins Schlingern gekommen, fortan ging es bergab, das Geld fehlte an allen Ecken und Enden. Laut Staatsanwaltschaft begannen nun die großen Tricksereien, um wieder liquid zu werden.

Vereinfacht gesagt, wurde Geld von Investoren von einer Firma zur anderen transferiert, um den Investorinnen und Investoren weiterhin Bonität vorzugaukeln, damit sie frisches Geld zuschießen. Aus Sicht der Staatsanwaltschaft ist das schwerer Betrug. Auch die angesehene Schelhammer Capital Bank soll Mitte 2023 auf diese Weise getäuscht worden sein, um die Laufraten für einen Kredit zu verlängern. Sie willigte ein, kurz darauf meldete Signa Insolvenz an.

Die wachsende Anklage-Liste gegen Benko

Zu den mutmaßlich geprellten Gläubigern gehört auch der saudi-arabische Staatsfonds PIF, den Signa kurz vor der Pleite noch erfolgreich zu einem Investment für ein Großprojekt in München verleitete. Hier ermittelt die deutsche Staatsanwaltschaft wegen Insolvenzverschleppung. Einen ähnlichen Verdacht hat die Justiz in Liechtenstein, wo Benko ebenfalls eine Anklage droht.

Aber nicht alle Vorwürfe beziehen sich auf die letzten Jahre des Signa-Konzerns. Als es für Benko noch besser lief, in den Pandemie-Jahren 2020 und 2021, soll er für ein Luxuschalet in Lech am Arlberg Coronahilfen kassiert haben – wegen des angeblichen Einnahmeverlusts. Die Staatsanwaltschaft ist aber überzeugt, dass Benko das teure Gebäude nur für sich und seine Freunde genutzt hat.

Demnächst wird wohl ein Termin für die erste Anklage in Wien bekannt gegeben werden. Ihr werden weitere folgen – die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen auf mehrere Verfahren aufgeteilt.

Für Benko gilt weiterhin die Unschuldsvermutung. Er bestreitet die Vorwürfe.

Verwendete Quellen