An Neuwahlen führt kein Weg vorbei. Im Herbst dürfte es zum Showdown der beiden Alphatiere von Rot und Schwarz kommen. Wer von den beiden das Rennen für sich entscheidet, ist völlig offen.

Gastkommentar
von Wolfgang Rössler

Dass die Spitzenpolitik kein Mädchenpensionat ist, dürfte sich herumgesprochen haben.

Wenn aber nur ein Teil davon stimmt, was der Trend über die letzten Tage und Wochen des zurückgetretenen ÖVP-Chefs und Vizekanzlers Reinhold Mitterlehner berichtet, dann ist das harter Tobak.

Demnach habe Mitterlehner bereitwillig eingewilligt, im Sinne seiner Partei beizeiten Platz für den jungen schwarzen Shootingstar Sebastian Kurz zu machen.

Umso härter traf ihn das Mobbing seiner Parteifreunde, die ihm durch die öffentliche Bloßstellung den letzten Rest an Würde genommen haben. So lange bis Mitterlehner entnervt das Handtuch warf.

Kurz: Gekonnte Inszenierung

Kurz selbst kommt in der lesenswerten Recherche kaum vor. Er hat andere für sich machen lassen.

Der junge Außenminister versteht die Regeln des Spiels und der Inszenierung.

Nach Mitterlehners Rücktritt verschwand er für einige Tage von der Bildfläche der Öffentlichkeit, um seinen Parteifreunden die Bedingungen zu diktieren, unter denen er den Parteivorsitz übernehmen würde: im Wesentlichen volles Durchgriffsrecht als Parteichef.

Heute zeigte sich der junge Außenminister zum ersten Mal in der Öffentlichkeit: Er erklärte die rot-schwarze Regierung für gescheitert und sprach sich für Neuwahlen aus.

Als Privatperson, wohlgemerkt. Kurz hat noch nicht eingewilligt, den Chefposten seiner Partei zu übernehmen.

Aber kein ÖVP-Insider rechnet ernsthaft damit, dass er ablehnt. Kein Schwarzer vor ihm konnte jemals mit einer derartigen Machtfülle ausgestattet in Neuwahlen gehen.

Herbstliche Neuwahlen

Und ja, an Neuwahlen führt kein Weg vorbei – auch wenn Kanzler Christian Kern noch versucht, eine Minderheitenregierung abseits der ÖVP zu zimmern.

Schon jetzt haben FPÖ und Grüne signalisiert, den schwarzen Neuwahlantrag im Parlament zu unterstützen.

Wie geht es also weiter? Angesichts der Fristenläufe und einiger noch abzuarbeitender Regierungsvorhaben dürfte der Neuwahlbeschluss kaum vor Sommer gefasst werden.

Damit steht den Österreicherinnen und Österreichern voraussichtlich im Herbst einen Urnengang bevor.

Das lange erwartete Duell Kurz gegen Kern wird dann offiziell ausgerufen: In einem guten halben Jahr wird sich entscheiden, welcher der beiden großen Alphatiere der Bundespolitik die kommende Regierung anführen wird.

Sicher ist: Einer von beiden wird danach vom Platz gehen.

Heinz-Christian Straches große Chance

Der Umfragesieger der letzten Jahre – Oppositionschef Heinz-Christian Strache - kann sich einerseits zurücklehnen. Seine Chancen, der kommenden Regierung anzugehören sind gut wie noch nie.

Zugleich zeichnet sich ab, dass den Rechtspopulisten kaum mehr als die Rolle des kleinen Juniorpartners in einer künftigen Regierung zustehen wird.

Strache ist der mit Abstand am längsten amtierende Parteichef, er ist mehr Systempolitiker als Kern oder Kurz.

Zugleich ist seine Partei nach dem langen Bundespräsidentschaftswahlkampf finanziell ausgeblutet und inhaltsleer.

Kerns Plan A können die Populisten ebenso wenig entgegensetzen wie dem rechtsblinkenden Außenminister, der ihnen die Themenführerschaft bei Zuwanderung und Asyl weggenommen hat.

Vielleicht tröstet die Aussicht auf ein paar Ministerämter.