In Frankfurt gibt es über die Aberkennung eines Abseitstores für den HSV viele Diskussionen, obwohl der Video-Assistent richtig liegt. Solche unnötigen Debatten werden wohl bald ein Ende haben, denn zur WM sollen die kalibrierten Linien kommen. Endlich!

Alex Feuerherdt, Schiedsrichter
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht von Alex Feuerherdt dar. Informieren Sie sich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht.

Bei der Prüfung, ob einem Tor ein strafbares Abseits vorausging, müssen Video-Assistenten in der Bundesliga bislang unglücklicherweise ohne eingeblendete Linien auskommen und können sich nur auf ihre Augen verlassen. Das hat immer wieder für Diskussionen gesorgt, so auch am vorletzten Spieltag dieser Saison.

Dabei klingt die betreffende Anweisung zunächst einmal einfach und schlüssig: Die Helfer in Köln sollen dem Schiedsrichter auf dem Feld nach einem Treffer nur dann eine Abseitsstellung melden, wenn sie klar und eindeutig festzustellen ist.

Oft ist nicht klar was klar ist

Sind sie sich dagegen nicht sicher – was beispielsweise aufgrund ungünstiger Kameraperspektiven ohne Weiteres vorkommen kann –, dann soll es bei der Entscheidung auf dem Feld bleiben.

In der Praxis stellt sich die Sache allerdings etwas komplexer dar. Denn so paradox es klingen mag: Was klar und eindeutig ist, ist nicht immer klar und eindeutig.

Der eine Video-Assistent ist auf der Grundlage der Bilder, die ihm zur Verfügung stehen, trotz fehlender Abseitslinie davon überzeugt, ein Abseits deutlich zu erkennen, obwohl es knapp ist. Ein anderer dagegen hat Zweifel und ist unsicher. Das ist menschlich. Nur kalibrierte Linien können diesen Unterschied zum Verschwinden bringen.

Und die sind dringend erforderlich. Denn über eine faktische Entscheidung wie das Abseits sollte es keine zwei Meinungen geben können, wenn technische Hilfsmittel verwendet werden.

Tatsuya Itos Tor: Abseits oder nicht?

Schon gar nicht in einem solch bedeutsamen Spiel wie dem zwischen Eintracht Frankfurt und dem Hamburger SV (3:0). Nach 25 Minuten hatte Tatsuya Ito für die stark abstiegsbedrohten Gäste beim Stand von 0:0 ins Tor getroffen und Schiedsrichter Deniz Aytekin keine Einwände gegen den Treffer erhoben.
Doch sein Video-Assistent Günter Perl schaltete sich ein, weil er ein Abseits von Ito wahrgenommen hatte. Daraufhin wurde das Tor annulliert.
Mehrere Fernsehsender blendeten ihre eigenen Abseitslinien ein und hielten den vermeintlichen Moment des Zuspiels auf Ito fest, über den sich die TV-Stationen uneins waren. Fasst man diese Analysen zusammen, dann lag aller Wahrscheinlichkeit nach eine Abseitsstellung des Hamburgers vor, die allerdings äußerst knapp war.

Kalibrierte Linien bis zur WM in Russland

Konnte der Video-Assistent sich angesichts dessen überhaupt sicher sein? Hätte er nicht Bedenken haben müssen, die Annullierung des Treffers zu empfehlen, und sich deshalb heraushalten sollen?

Die Meinungen darüber gehen weit auseinander. Im Bezahlsender "Sky" etwa feierte der frühere Fifa-Schiedsrichter Markus Merk die Entscheidung als "bewundernswert", während der ehemalige Nationalspieler Dietmar Hamann sie"skandalös" fand.

Referee Aytekin wiederum erklärte dem"Kicker":"Günter Perl hat mir gesagt, dass es aufgrund der ihm in Köln zur Verfügung stehenden Möglichkeiten – wie in Szenen reinzuzoomen zum Beispiel – für ihn zweifelsfrei war, dass eine Abseitsposition vorlag."

Auf diese Überzeugung kommt es letztlich an, doch menschliche Wahrnehmung bleibt fehlbar. Insofern ist es eine gute Nachricht, dass es diese Diskussionen bei der WM in Russland aller Voraussicht nach nicht geben wird. Denn bis sollen für die Video-Assistenten die kalibrierten, also genormten Abseitslinien zur Verfügung stehen. Das hat jedenfalls DFB-Präsident Reinhard Grindel angekündigt.

Damit gäbe es endlich jenes von der FIFA zugelassene Kalibrierungssystem, auf das die DFL besteht. Höchste Zeit ist es.