Mit dem Absturz auf Platz 17 wird auch den Optimisten unter den HSV-Fans klar, wie eng das mit dem Klassenerhalt in dieser Saison wieder wird - der Mythos der Unabsteigbaren bröckelt. Der finanziell angeschlagene Klub könnte einen Sturz in die Zweitklassigkeit womöglich gar nicht überleben.

Die Enthüllungsplattform "Football Leaks" hat vor einigen Monaten schon einmal für Aufsehen in der Bundesliga gesorgt, als der "Spiegel" vertrauliche Daten aus Verträgen, E-Mail-Korrespondenzen und Notizen wochenlang sichtete und daraus eine große Geschichte strickte, die einigen Klubs und Spielern in der Bundesliga wenig geschmeckt haben dürfte.

Letzte Woche knöpften sich die Autoren dann den Hamburger SV vor und dessen Finanzkonstrukt. Es kamen allerhand bemerkenswerte Dinge ans Tageslicht, manche davon auch ein wenig kurios.

Der HSV wollte im Rahmen eines "Kostensenkungsprogramms 2016" demnach an der Rasenheizung sparen, an den teuren Klubanzügen für Angestellte der Geschäftsstelle, an Trikots der Fußballschule. Und nicht mehr jedes Klub-Geburtstagskind sollte zum Ehrentag einen Blumenstrauß bekommen.

Der HSV spart offenbar an den Kleckerbeträgen - nur um das Geld dann an anderer Stelle weiterhin aus dem Fenster zu werfen.

Über 100 Millionen Verbindlichkeiten

Die finanzielle Situation ist schwierig - oft fällt in dem Zusammenhang auch der Begriff "desaströs". Im November wies der Klub das siebte negative Bilanzergebnis in Folge auf. Bei 13,4 Millionen Euro minus lag der Abschluss des letzten Geschäftsjahres.

Damit sind die Verbindlichkeiten auf einen dreistelligen Millionenbetrag gewachsen, auf genau 105,5 Millionen Euro.

Und das alles trotz der Zuwendungen von Gönner Klaus-Michael Kühne, der entweder mehrere Darlehen gewährte oder aber durch Zukauf von Klubanteilen den Verein über Wasser hielt.

Über 100 Millionen Euro sind so von der Kühne-Seite in den HSV geflossen. Bis jetzt.

Im Frühjahr muss der Klub die Lizenzunterlagen bei der Deutschen Fußball-Liga einreichen, mit Modellen für die erste und die zweite Liga. Darin ist eine Liquiditätsgrenze von 10 Millionen Euro für die erste Liga beziehungsweise 20 Millionen Euro für die zweite Liga vorgesehen.

Beide Grenzen würde der HSV wohl ohne Kühne reißen. Der HSV hat sich in den letzten zehn Jahren als ein Fass ohne Boden erwiesen, als regelrechte Geldverbrennungsmaschine.

Von der Konsolidierung wird nicht erst seit "HSV Plus" und der Ausgliederung im Sommer 2014 erzählt. Dabei liegt der Personalaufwand für die Lizenzspielerabteilung immer noch bei sagenhaften 74 Millionen Euro.

Gisdols Punkteschnitt schlechter als der von Labbadia

Wie das mit der Lizenzierung in den kommenden Monaten weitergeht, hängt ganz entscheidend vom Abschneiden der Mannschaft ab. Und auch sportlich sieht es nicht erst seit ein paar Wochen düster aus.

Am Freitag nach der Niederlage gegen Borussia Mönchengladbach widersprachen sich die Einschätzungen von Trainer Markus Gisdol und dem Vorstandsvorsitzenden Heribert Bruchhagen.

Gisdol ließ zwischen den Zeilen erkennen, dass er der einen oder anderen Verstärkung des Kaders durchaus offen gegenüber stünde. Bruchhagen dagegen sieht die Mannschaft als gut genug aufgestellt für den Abstiegskampf.

Immerhin haben beide gemeinsam erkannt, dass es um die Existenz des Klubs geht.

Gisdol hat den HSV in der letzten Saison mit einem Kraftakt vor dem Abstieg gerettet. Seitdem scheint sich die Mannschaft aber nicht entscheidend weiterentwickelt zu haben.

Mittlerweile liegt Gisdols Punkteschnitt von 1,15 Zählern pro Spiel unter dem von Vorgänger Bruno Labbadia. Die Mannschaft spielt allenfalls in Phasen ansehbaren Fußball - die meisten Spiele sind auf Gegenpressing und Spielzerstörung ausgelegt.

Im letzten Heimspiel gegen Frankfurt blieben die Fans weg, nur etwas mehr als 40.000 kamen in den Volkspark - so wenige wie seit Jahren nicht mehr.

Es steht so schlecht wie noch nie

Der Kader ist nicht homogen austariert. Statt den permanent propagierten Weg mit jungen, entwicklungsfähigen Spielern konsequent zu gehen, tummeln sich beim HSV immer noch jede Menge Karteileichen und Akteure ohne oder mit geringem Wiederverkaufswert. Gleichzeitig werden immer noch horrende Summen für Berater und Abfindungen bezahlt.

Für diese Saison wurde mit Platz acht und damit deutlich höheren Erlösen aus den TV-Verträgen kalkuliert. Das dürfte angesichts der prekären sportlichen Situation kaum noch realisierbar sein.

Natürlich hat auch der Hamburger SV mit verletzten Spielern zu kämpfen. Natürlich hat er in einigen ordentlichen Partien auch unnötig Punkte liegen lassen.

Unterm Strich ist Platz 17 nach 17 Spieltagen mit lediglich 15 erzielten Punkten aber nicht das Resultat von ein paar unglücklichen Umständen, sondern eine folgerichtige Platzierung angesichts der Fehler, die mittlerweile seit Jahren begangen werden.

Drei Mal hat der HSV schon Glück gehabt und sich quasi auf den letzten Drücker noch vor dem Abstieg gerettet.

Diesmal scheint die Lage so bedrohlich, dass ein möglicher Abstieg mehr wäre als nur das Ende eines Mythos. So schlimm wie derzeit stand es um den Dino tatsächlich noch nie.