Beim Bundesligaspiel zwischen Borussia Dortmund und dem VfL Wolfsburg bleibt die Südtribüne leer. Die Aussperrung ist eine Strafe für das Fehlverhalten vieler "Fans" beim Heimspiel gegen RB Leipzig. Fan-Forscher Dr. Gabriel Duttler vom Institut für Sportwissenschaft Würzburg befürchtet unschöne Folgen.

Herr Dr. Duttler, wie ist Ihre Meinung zu der Sperrung der Südtribüne?

Dr. Gabriel Duttler: Ich kann verstehen, dass der DFB ein Zeichen setzen wollte, aber Pauschalstrafen sind immer zweifelhaft. Die meisten Betroffenen haben nichts falsch gemacht. Dass sie nun trotzdem bestraft werden, kann zur Radikalisierung führen.

Einige werden sagen: Man differenziert nicht zwischen uns und den Gewalttätern. Also lehnen wir die Strafe ab und positionieren uns noch stärker gegen den Verband.

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Welche Folge kann das haben?

Eine Pauschalstrafe unterbindet den erhofften Selbstreinigungsprozess in den Fankurven. Es wäre sinnvoller, die Fans zu stärken, die innerhalb ihrer Fankultur positiven Einfluss nehmen können. In der Dortmunder Fanszene gab es viele Blogbeiträge, die das Verhalten im Spiel gegen RB Leipzig kritisch hinterfragt haben.

Diese kamen auch von Menschen, die in der Fanszene Anerkennung genießen. Es gibt also selbstregulierende Kräfte. Aber nun fühlen sich alle, also die guten Fans wie auch die Gewalttäter, als eine Gruppe behandelt. Das kann zu Solidarisierungen führen.

Kann diese Strafe nicht auch eine abschreckende Wirkung haben?

Der erzieherische Effekt dürfte eher gering sein. Niemand wird sagen: Jetzt wurden wir ausgesperrt, das machen wir nie wieder. Eine Folge wird sein, dass sich die Kritik gegen die Verbände weiter verschärft. Vielleicht führt es sogar dazu, dass einige Fans sich provoziert fühlen und sich nun erst recht zu illegalen Aktionen hinreißen lassen.

Warum ist das Verhältnis zwischen den Fans und den Verbänden überhaupt so angespannt?

Die Fans sehen die Verbände als eine Treibkraft der Kommerzialisierung des Fußballs. Es gibt viele Kritikpunkte: Die Stadien wurden immer kundenorientierter gestaltet, der Fokus vom eigentlichen Fußball weggerückt. Fußballspiele wurden immer mehr zum Event: Das wird von aktiven Fans, für die die Vereinstradition und das Spiel an sich sehr wichtig sind, abgelehnt.

Hinzu kommt die Einwirkung der Fernsehsender, die immer mehr Einfluss auf die Anstoßzeiten nehmen. Die Fans werfen den Verbänden vor, dass die ökonomischen Aspekte höhere Priorität genießen als die Tradition und die Fankultur.

Die Gewalttaten vor dem Stadion sind Ermittlungssache der Polizei. Der DFB konnte lediglich das Fehlverhalten im Stadion, also zum Beispiel die beleidigenden Spruchbänder, bestrafen. Ist eine Tribünensperre dafür zu hart?

Das Urteil steht aus meiner Sicht auf wackeligen Beinen. Im Urteil wird von "Schmähgesängen" gesprochen. Dabei kommen Schmähgesänge in jedem Stadion vor. Die Plakate waren natürlich ohne Zweifel jenseits des guten Geschmacks. Aber kann man das bestrafen?

Schließlich herrscht in Deutschland zum Glück eine sehr weitgehende Meinungsfreiheit. Von Fanseite wird der Sportgerichtsbarkeit zudem oftmals vorgeworfen, Strafen seien nicht transparent und nachvollziehbar.

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Wie stehen Sie ganz allgemein zu Tribünensperren? Häufig betraf das ja auch die Gästemannschaften.

Der DFB hat mittlerweile verstanden, dass eine Sperre des Gästeblocks dazu führt, dass die Auswärtsfans im Heimblock landen und damit eine Gefahr für die Sicherheit besteht.

Die Sperrung von Heimblöcken macht grundsätzlich auch nur Sinn, wenn das Stadion fast ausverkauft ist, da ansonsten die Fans auf andere Plätze ausweichen können.

Was hätten Sie im Fall von Borussia Dortmund vorgeschlagen?

Es ist sinnvoller, wenn die Fans gemeinsam ein Zeichen setzen. Das wurde einige Tage später beim Pokalspiel mit Plakat-Aktionen auch versucht. Man muss die Fans mehr ins Boot holen und nicht aussperren.

Eine Aussperrung hat immer eine Folgereaktion. Die Lösung auf die Frage nach der "richtigen" Bestrafung hat der DFB bislang noch nicht gefunden. Es gibt da sicher keine Patentlösung.

Werden die Fans nicht ausreichend ins Boot geholt?

Es finden zwar Treffen zwischen Vereinen und Fangruppen statt. Aber die Interessen sind einfach so unterschiedlich, dass man kaum auf einen gemeinsamen Nenner kommt. Ein ausgegliederter Verein handelt wie ein Wirtschaftsunternehmen. Das passt mit der traditionellen Fankultur nur schwer zusammen.

Für viele Fans ist der Fußball existenziell. Manche würden sich lieber den Strom abstellen lassen als ihre Dauerkarte abzugeben. Die 90 Minuten am Wochenende sind für manche Menschen das Highlight, auf das sie die Woche lang hinarbeiten. Das ist ein ganz zentraler Lebensinhalt. Deshalb kämpfen sie gegen jede Bedrohung ihrer Fankultur an. Das ist eine Art Überlebenskampf, der teilweise in Gewalt umschlägt.

Zwischendurch kam die Idee auf, die Südtribüne mit Kindern zu füllen.

Das wäre eine gute Möglichkeit gewesen, um die Tribüne zu füllen und den Kindern ein schönes Erlebnis zu bieten. Ich bezweifele allerdings, dass das in der Fanszene besser angenommen werden würde. Das würde ja nichts an der Aussperrung ändern.