Das Coronavirus führt dazu, dass auch der Fußball ruht. Das eröffnet die Möglichkeit, sich etwas genauer mit dem Regelwerk zu beschäftigen. Unser Autor bildet seit mehr als 20 Jahren Schiedsrichter aus und coacht sie auch auf DFB-Ebene. Während die Bundesliga pausiert, wird er einige Regeln näher beleuchten. Heute geht es um das Streitthema Strafstoß.

Alex Feuerherdt
Eine Kolumne
von Alex Feuerherdt, Schiedsrichter-Coach und freier Publizist

Kaum eine Entscheidung des Schiedsrichters sorgt im Fußball für so viele Kontroversen wie der Strafstoß, landläufig auch Elfmeter genannt. Dabei ist es doch eigentlich ganz einfach, jedenfalls in der Theorie: "Auf Strafstoß wird entschieden, wenn ein Spieler innerhalb des eigenen Strafraums bei laufendem Spiel ein Vergehen begeht, das mit einem direkten Freistoß geahndet wird", heißt es im Regelwerk kurz und bündig.

Mit anderen Worten: Alles, was außerhalb des Sechzehnmeterraums zu einem direkten Freistoß führen würde, führt innerhalb dieser Zone zu einem Strafstoß. Konkret also: Fouls – etwa das Halten, Stoßen, Beinstellen, Rempeln, Anspringen, Treten oder Schlagen – und strafbare Handspiele der verteidigenden Mannschaft. Wie gesagt: theoretisch.

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Warum im Strafraum manchmal anders entschieden wird als außerhalb

In der Praxis stellt sich die Sache allerdings etwas verzwickter dar. Statistisch gesehen führen mehr als drei Viertel aller Elfmeter zu einem Tor, deshalb ist der Strafstoß für das Team, das ihn verursacht, eine besonders harte Sanktion. Schließlich ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ein Gegentreffer daraus resultiert. Das ist der Grund, warum ein Elfmeterpfiff des Schiedsrichters regelmäßig zu Protesten führt.

Den Unparteiischen ist der potenzielle Folgenreichtum von Strafstößen natürlich genauso bewusst. Deshalb entscheiden sie normalerweise nur dann auf Elfmeter, wenn das Vergehen aus ihrer Sicht eindeutig ist und kein Grenzfall vorliegt.

So kommt es, dass sich die praktische Regelauslegung bei einer Szene innerhalb des Strafraums von jener in einer vergleichbaren Szene außerhalb des Strafraums unterscheiden kann – auch wenn es diesen Unterschied in der Theorie nicht gibt.

Ganz früher gab es keinen Elfmeterpunkt, sondern eine Strafstoßlinie

Seit dem Jahr 1902 wird der Strafstoß von der bekannten Markierung aus aufs Tor geschossen. Vorher gab es, wie die Historikerin Petra Tabarelli recherchiert und auf ihrem lesenswerten Blog "Nachspielzeiten" ausgeführt hat, "keinen festen Strafstoßpunkt, sondern eine durchgehende Strafstoßlinie elf Meter vor dem Tor und parallel zur Torlinie. Der Schütze konnte von jedem Punkt auf der Linie den Strafstoß ausführen."

Anders als heute musste der Torwart damals auch nicht auf der Torlinie verharren, bis der Strafstoß ausgeführt ist, sondern er durfte sich dem Ball vom Tor aus gesehen maximal fünfeinhalb Meter nähern. Doch am Anfang des vorigen Jahrhunderts änderten sich die Ausführungsbestimmungen, und seitdem sind sie im Wesentlichen gleich geblieben. Geändert wurden nur Kleinigkeiten.

Wissenswertes rund um die Elfmeterausführung

Beim Elfmeter gilt beispielsweise Folgendes:

  • "Aus einem Strafstoß kann direkt ein Tor erzielt werden", heißt es in der Regel. Kann, nicht muss – eine indirekte Ausführung ist demzufolge ebenfalls möglich. Der große Johan Cruyff hat sich das im Dezember 1982 bei einem Spiel seines Klubs Ajax Amsterdam dann auch zunutze gemacht, wie ein Video zeigt.
  • Der Schütze muss eindeutig bestimmt sein. Es ist also nicht erlaubt, dass unangekündigt ein anderer Spieler den Elfmeter ausführt als derjenige, der für alle ersichtlich der Schütze sein wird. Ein Verstoß gegen diese Anweisung führt zu einer Gelben Karte für den "falschen" Schützen und zu einem indirekten Freistoß für den Gegner.
  • Außer dem Torwart und dem Schützen müssen sich alle Spieler außerhalb des Strafraums und des Teilkreises vor dem Strafraum befinden, das heißt: mindestens 9,15 Meter vom Ball entfernt sein. Zudem müssen sie sich hinter dem Elfmeterpunkt und innerhalb des Spielfeldes aufhalten. Das führt automatisch dazu, dass es beim Strafstoß kein Abseits geben kann.
  • Der Schütze muss den Ball mit dem Fuß nach vorne spielen. Ein Schuss mit der Ferse ist erlaubt, sofern sich der Ball in Richtung des Tores bewegt. Wird der Ball beim Elfmeter nicht nach vorne gespielt, muss der Schiedsrichter das Spiel unterbrechen und dem Gegner einen indirekten Freistoß zusprechen.
  • Der Schütze darf den Ball erst wieder spielen, nachdem dieser von einem anderen Spieler berührt wurde. Das bedeutet auch: Schießt er den Ball gegen einen Torpfosten oder die Querlatte und verwandelt er den Abpraller, der ohne weitere Berührung zu ihm gelangt ist, zählt der Treffer nicht. Stattdessen gibt es einen indirekten Freistoß für den Gegner.
  • Der Strafstoß ist die einzige Spielfortsetzung, die auch dann noch ausgeführt werden muss, wenn die Spielzeit in der ersten oder zweiten Hälfte bereits abgelaufen ist.

Dem Schützen ist mehr erlaubt als dem Torwart

Wie die Bezeichnung schon verdeutlicht, handelt es sich beim Strafstoß um eine Strafe für ein Vergehen – und zwar in der torgefährlichsten Zone. Durch den ungehinderten Schuss aus elf Metern in zentraler Position und mit dem Torwart als einzigem Gegner soll kompensiert werden, was vorher regelwidrig verhindert wurde, nämlich eine Tormöglichkeit.

Das ist auch der Grund, warum der Schütze trotz der genannten Einschränkungen bei der Ausführung mehr tricksen darf als der Torhüter. Der Strafstoß ist eine Sanktion, deshalb geht es auch nicht um Chancengleichheit zwischen den beiden.

Finten während des Anlaufs sind zulässig

Finten während des Anlaufs sind dem Schützen ausdrücklich gestattet, dazu zählen auch das Verzögern, Abstoppen und Unterbrechen. Das war nicht immer so, weshalb noch heute so mancher glaubt, der Anlauf müsse fließend erfolgen.

Nicht erlaubt ist es dem Schützen, nach vollendetem Anlauf einen Schuss nur anzutäuschen. Konkret heißt das: Wenn er das Standbein neben den Ball gesetzt und mit dem Schussbein ausgeholt hat, muss er auch "durchziehen".

Bricht er die Schussbewegung ab, dann handelt es sich nicht mehr um eine Finte, sondern um eine Unsportlichkeit, die eine Gelbe Karte und einen indirekten Freistoß nach sich zieht. Diese Variante ist allerdings so gut wie nie zu sehen.

Der Torwart wiederum muss sich bei der Ausführung des Elfmeters zumindest mit einem Teil eines Fußes auf oder über der Torlinie befinden, mit dem anderen Fuß darf er sich nach vorne bewegen. Diese Regelung gilt seit Saisonbeginn, zuvor musste der Keeper sogar mit beiden Füßen auf der Linie bleiben.

Verstößt der Torhüter gegen diese Bestimmung und wehrt er anschließend den Ball ab, wird eine Gelbe Karte fällig, und es gibt eine Wiederholung des Strafstoßes – jedenfalls in der Theorie.

Bei Verstößen während der Ausführung ist es komplex

In der Praxis sind die Referees bei Verstößen im Zusammenhang mit der Elfmeterausführung meist recht nachsichtig, wenn die Regelübertretungen nicht zu offensichtlich sind. Das Regelwerk sieht eigentlich das folgende Vorgehen vor:

  • Verstoßen Mitspieler des Schützen gegen die Spielregeln, etwa durch ein zu frühes Vorlaufen, und geht der Ball nicht ins Tor, dann gibt es einen indirekten Freistoß für das verteidigende Team. Wird dagegen ein Treffer erzielt, dann kommt es zu einer Wiederholung des Strafstoßes.
  • Umgekehrt verhält es sich, wenn Mitspieler des Torwarts gegen die Spielregeln verstoßen: Geht der Ball nicht ins Tor, dann wird der Strafstoß wiederholt. Wird dagegen ein Treffer erzielt, dann zählt er.
  • Wenn Spieler beider Mannschaften gegen die Spielregeln verstoßen, dann wird der Strafstoß grundsätzlich wiederholt – es sei denn, einer der Spieler begeht ein schwereres Vergehen. Beispiel: Der Schütze täuscht die Schussbewegung nur vor, gleichzeitig ist ein Verteidiger zu früh in den Strafraum gelaufen. Weil es für die Täuschung eine Gelbe Karte gibt, für das vorzeitige Eindringen in den Strafraum jedoch nicht, wird auf indirekten Freistoß für die Verteidigung entschieden.
  • Eine Sonderregelung gilt für den Fall, dass sowohl der Torhüter als auch der Schütze gegen die Regeln verstoßen. Fällt ein Tor, dann wird der Schütze verwarnt, und es kommt zu einem indirekten Freistoß – schließlich ist das Vergehen des Keepers ohne Auswirkung geblieben. Geht der Ball dagegen nicht ins Tor, bekommen beide Spieler die Gelbe Karte, und es gibt eine Wiederholung.

Kaum jemand wünscht sich ein penibleres Vorgehen

Das ist regelphilosophisch betrachtet alles logisch, aber es ist auch komplex – und in einer Stresssituation, die der Elfmeter für den Schiedsrichter darstellt, nicht leicht umzusetzen. Vermutlich ist auch das ein Grund, warum die Unparteiischen die Dinge beim Strafstoß gerne ihrem Lauf überlassen und nur bei sehr deutlichen Verstößen eingreifen.

Das mag man monieren, schließlich haben die Regeln ihren Sinn. Andererseits ist die Akzeptanz von Klubs, Spielern und der Öffentlichkeit für diese recht liberale Regelauslegung groß. Kaum jemand wünscht sich ein penibleres Vorgehen. Und das beeinflusst natürlich die Praxis der Unparteiischen. Zum Schaden des Fußballs ist es nicht.

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