• In den letzten Jahren vergingen kaum Monate, in denen Fifa-Präsident Gianni Infantino keinen Anlass für Kritik an ihm respektive dem Weltfußballverband bot.
  • Mit der Vergabe der Weltmeisterschaft 2022 in das Emirat Katar hatte er nichts zu tun, wohl aber mit der Verteidigung und Rechtfertigung, die in den vergangenen Jahren stattgefunden hat.
  • Der 52-Jährige trat zuletzt immer mehr als Marionette Katars auf und kommt seinen eigentlichen Aufgaben immer weniger nach.
Eine Analyse
Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen von Manuel Behlert sowie ggf. von Expertinnen oder Experten einfließen. Informieren Sie sich über die verschiedenen journalistischen Textarten.

Am Samstag, einen Tag vor dem Eröffnungsspiel der WM 2022 zwischen Katar und Ecuador, fand in Al-Rajjan eine Pressekonferenz statt. Fifa-Präsident Gianni Infantino holte zu einem Rundumschlag aus, der viele Fragen aufwarf. Zum Beispiel, ob das, was Infantino den Medienvertretern da mitteilte, ernst gemeint war. Denn die Aussagen waren derart abstrus, dass ein entsprechendes mediales Echo nicht lange auf sich warten ließ.

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"Heute fühle ich sehr starke Gefühle, heute fühle ich mich als Katarer, heute fühle ich mich als Araber, heute fühle ich mich afrikanisch. Heute fühle ich mich homosexuell. Heute fühle ich mich behindert, heute fühle ich mich als Arbeitsmigrant." So eröffnete der 52-Jährige seine Pressekonferenz, teilte zudem mit, er habe auch schon Diskriminierung erfahren. Ein hochrangiger Fußballfunktionär, der seine Situation mit der von unterdrückten Frauen und Minderheiten vergleicht? Ein Skandal.

Nicht nur diese Aussagen irritierten. "Wer kümmert sich um die Arbeiter? Wer? Die Fifa macht das, der Fußball macht das, die WM macht das - und, um gerecht zu sein, Katar macht es auch", so Infantino weiter. Angesichts der wiederkehrenden Berichte und Studien über die schwierigen Arbeitsverhältnisse in Katar, der Ausbeutung, fehlende Entschädigungen und zahlreichen auf den Baustellen unter menschenunwürdigen Bedingungen verstorbenen Arbeitern ein fragwürdiges Statement.

Der Fifa-Präsident verfehlt seine Aufgaben

Dass der hochrangigste Funktionär des Weltverbandes versucht, Teile der Kritik am WM-Gastgeber herunterzuspielen, mag noch verständlich sein. Die Relativierung von Menschenrechtsverletzungen und Unterdrückung ist aber ein kolossaler Schlag ins Gesicht derjenigen, die von Diskriminierung betroffen sind.

Die Hoffnung auf Verbesserungen bestand bei den Betroffenen offenbar wirklich, weil die gesamte Welt während des Turniers auf Katar blickt. Eine Hilfe sind die Aussagen des Fifa-Präsidenten dabei nicht, im Gegenteil. Es wird ein Bild gemalt, das nicht real ist. Die eigentlichen Verhältnisse werden nicht dargestellt, die Realität verzerrt. "Indem Gianni Infantino berechtigte Kritik an der Menschenrechtslage beiseite schiebt, weist er den enormen Preis zurück, den Arbeitsmigranten zahlen mussten, um sein Flaggschiff-Turnier zu ermöglichen – sowie die Verantwortung der FIFA dafür", erklärte entsprechend auch Steve Cockburn, Leiter der Abteilung für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte bei Amnesty International nach Infantinos Rede am Samstag.

In den letzten Monaten entstand zunehmend der Eindruck, dass Infantino seine eigentlichen Aufgaben verfehlt. Er tritt nicht als Präsident des Weltverbandes, sondern eher als WM-Botschafter Katars auf. Dass er seit Beginn des Jahres einen Wohnsitz im Land hat, passt ins Bild. Infantino versucht nicht, zu einer Verbesserung der Verhältnisse beizutragen, er verschleiert und relativiert die Probleme des Landes.

Nur eine Marionette von Katar?

Doch wie lässt sich das erklären? Ein wichtiger Aspekt dabei ist der Eigennutz. Der Einfluss des Emirats auf die Fifa ist in den vergangenen Jahren immer weiter gestiegen. Viele Sponsoren stammen aus Katar, TV-Sender beIN-Sports, mit Sitz in Doha, ist ein wichtiger Geldgeber, überträgt zahlreiche Spiele. Die Verbindungen zwischen dem Weltverband und dem Wüstenstaat sind groß, der Nutzen für beide Seiten vorhanden.

Das unterstreicht der Brief, den die Fifa im Namen Infantinos vor dem Turnier an die Teilnehmerverbände schrieb. Die Kernaussage: "Bitte lassen Sie nicht zu, dass der Fußball in jede ideologische oder politische Schlacht hineingezogen wird." Die Botschaft war schnell klar, die Protagonisten auf dem Platz sollen ruhig sein, sich ihrer Rolle bewusst sein und sich auf den Fußball konzentrieren. Kritik ist unerwünscht.

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Gianni Infantino in den letzten Monaten mehr und mehr einer Marionette von Katar gleicht. Diese WM ist von einer Sportswashingstrategie par excellence geprägt und der Fifa-Präsident führt diese als Protagonist im Sinne des Gastgeberlandes perfekt aus. Bei der nächsten Wahl zum Präsidenten des Weltverbandes hat der 52-Jährige übrigens keinen Gegenkandidaten.

Verwendete Quellen:
  • "Tagesschau.de": FIFA-Chef zu Kritik an WM: Infantino kritisiert westliche Doppelmoral
  • "Express.de": Skandal-WM in Katar?
  • "Tagesspiegel.de": Gianni Infantino wohnt jetzt auch in Katar
  • "The Athletic": Gianni Infantino’s letter about the World Cup is lamentable, irrational and dumbfoundingly stupid
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