Der Tod eines Naturheilgurus enthüllt im Wiener "Tatort" die knallharten Wirtschaftsinteressen seiner Branche. Leider schmerzt in "Krank" nicht nur Kommissar Eisners Rücken.

Eine Kritik
von Iris Alanyali

Kommissar Eisner hat's im Rücken, und dieser "Tatort" schmerzt. Und nicht nur wegen der Wortspiele. Sondern zum Beispiel auch deshalb, weil die Schmerzen des Kommissars so gar keinen anderen Zweck zu haben scheinen, als auf das Thema der Folge "Krank" zu verweisen. Er liegt gelegentlich verkrampft auf dem Sofa im Büro und muss sich die Frotzeleien seiner Kollegin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) anhören, das war's.

Moritz Eisners Schmerzen sind offenbar so stark, dass er sich zur Untersuchung in die Röhre eines MRT begibt – und aus Platzangst sofort wieder verlässt. Trotzdem kann er aber beherzt durch den gesamten Fall stiefeln. Später werden die Ermittlungen ihn in die Praxis eines Physioenergetikers führen, auch dessen Hilfe lehnt er ab. Kommissar Eisner (Harald Krassnitzer) mag also weder Schul- noch Alternativmedizin – und in einer unentschiedenen Mitte schlingert der ganze "Tatort".

"Tatort" aus Wien: Kampf zwischen Schul- und Alternativmedizin als zentrales Motiv

Dabei birgt das Thema viel Zündstoff: Es geht um den Kampf zwischen Alternativ- und Schulmedizin, der zwischen den jeweiligen Verfechtern bekanntlich wie ein Glaubenskrieg geführt wird – welche Ausmaße der Streit annehmen kann, das lässt sich in Corona-Zeiten ja gerade wieder auf den Straßen und nicht nur in den sozialen Medien beobachten. Aber "Krank" nutzt diese Auseinandersetzung, um ein ganz anderes Thema zu erzählen.

Der "Tatort" beginnt mit der Ermordung eines Mitbegründers von "Medicina Lenia", einem erfolgreichen Zentrum für alternative Therapien. Peter Simon (Christian Schiesser) war Humanenergetiker (ein Beruf so exotisch, dass die Autokorrektur des Presseheftes der ARD aus ihm lieber einen Humangenetiker gemacht hat). Er stand vor Gericht, weil seine fünfjährige Tochter ums Leben kam, obwohl ihre Krankheit mit schulmedizinischen Mitteln höchstwahrscheinlich leicht hätte kuriert werden können. Der Diskussionsstoff dafür allein hätte für einen "Tatort" gereicht, wird hier aber nur gestreift.

Nach seinem Freispruch kommt Simon aus dem Gerichtsgebäude und wird erschossen. Kurz darauf stirbt auch der Gründer von "Medicina Lenia" Jan Fabian (Peter Raffalt) unter fragwürdigen Umständen. Dessen rechte Hand, der Naturtherapeut Christoph Thiel (Till Firit), hat direkt davor Jan Fabian in einer Talkshow als Scharlatan bezeichnet.

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"Krank": In Tunika gehüllte Wirtschaftsinteressen

Als Eisner und Fellner anfangen, hinter die lichtdurchflutete Naturholzkulisse von "Medicina Lenia" zu gucken, wird schnell klar: Das Esoterik-Spa mag in seinen Wald- und-Wiesen-Werbevideos noch so menschenfreundlich säuseln, im Kern ist es ein Unternehmen wie jedes andere. Man trägt Tunika, aber die hat tiefe Taschen. Was mit fließenden Gewändern kaschiert wird, sind ziemlich harte Geschäftsinteressen, Gier und Intrigen.

Darum geht es in dem Drehbuch von Rupert Henning, nicht um Glaubenskriege. Ein spannendes Thema und ein neuer Dreh für den oft erzählten Streit um Globuli und Aspirin. Das Problem des Films liegt eher in den zerfahrenen Bestrebungen, aus einem Wirtschaftskrimi ein menschelndes Drama zu machen.

Von den Machenschaften bei "Medicina Lenia" erfahren wir durch die trockene Recherche der Kommissare und ihres Assistenten Manfred Schimpf (Thomas Stipsits). Gerichtsmediziner Werner Kreindl (Günter Franzmeier) trägt die Schulmedizinerseite bei – immerhin tut er das sehr unterhaltsam, die Szenen in der dank zahlreicher Leichen und Assistenten herrlich lebendigen Obduktionshalle sind Höhepunkte des Films. Ebenso wie die Auftritte des lakonischen Verfassungsschützers Gerold Schubert (Dominik Warta): "Ich habe umgesattelt, von Korinthenkacker auf Besserwisser." Mit Eisner pflegt Schubert eine passiv-aggressive Feindseligkeit und kickt in dieser Folge Schimpf als Sidekick locker zur Seite.

"Tatort" aus Wien: Mehr Talkshow als waschechter Krimi

Im Wesentlichen ist dieser "Tatort" mehr Talkshow als Krimi, weil so viel erklärt wird. Sogar die tiefere Deutung der Auflösung. Es ist nie ein gutes Zeichen, wenn eine Kommissarin höchstpersönlich über die moralische Ebene ihres Falles sinniert, anstatt diesen für sich sprechen zu lassen. Besonders peinlich aber wird es, wenn der Erklärdialog dadurch bebildert wird, dass Bibi Fellner Moritz Eisner zu einem Bild führt, einem an einer Wand hängenden Bild. Ohne, dass der Spaziergang für die Handlung irgend einen anderen Sinn hätte.

Rupert Henning fungiert auch als Regisseur und war an seinem Text eindeutig interessierter als an den bewegten Bildern. Die wirken aufgesetzt, voller verkrampfter Versuche, die Story aufzupeppen. Mit verwirrenden Vor- und Rückschauen zum Beispiel. Mit überflüssigen Figuren. Einem Bösewicht, der in seinem gut sitzenden Anzug stets griffbereit eine ausgewachsene Sprühdose mit Betäubungsmittel zu tragen scheint. Und Verfassungsschützer Schuberts Rolle in "Krank" hat damit zu tun, dass der erschossene Simon eine Ex-Frau hat, die zur kolumbianischen Guerilla gehört und jetzt als Racheengel für ihre tote Tochter durch Wien huscht. Das guckt sich genauso albern an, wie es hier klingt.

Dieser "Tatort" tut weh. Da helfen weder Globuli noch Aspirin, aber wenigstens das unterhaltsame Zusammenspiel sämtlicher Ermittler: Lachen ist eben doch die beste Medizin.

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