"Wie arbeitet Deutschland?" Klingt eigentlich nach einer einfachen Frage, doch die Antworten sind natürlich höchst unterschiedlich. Die Redaktion von "Stern TV" hat am Donnerstagabend versucht, diese vielfältigen Antworten irgendwie einzufangen. Das ist mal gelungen, allerdings auch mal weniger.

Christian Vock.
Eine Kritik
Diese Kritik stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Es hätte ein bisschen normaler beginnen können. Doch die ersten Minuten des "Stern TV Spezial" gehören am Donnerstagabend Felix von der Laden und der ist Youtuber. Und Influencer. Und Longboarder. Und Arbeitgeber. Und Quereinsteiger im Motorsport ist er auch noch. Er selbst sagt im Gespräch mit Moderator Marco Schreyl, er sei "Filmemacher". Ja, es hätte in der Tat ein bisschen normaler beginnen können, denn auch wenn es einem nicht so vorkommt, ist Youtuber sicher nicht der häufigste Beruf in Deutschland.

Aber andererseits: Was ist denn schon ein "normaler" Beruf? Feuerwehrmann? Tierärztin? Pilotin? Also das, was man so als Kind werden wollte, als man noch nicht wusste, was ein Systemadministrator ist? Um das und Anderes herauszufinden, hat sich die "Stern TV"-Redaktion diesmal in einer Sonderausgabe den deutschen Arbeitsmarkt vorgenommen und gefragt: "Wie arbeitet Deutschland?"

Die Moderatoren Pinar Atalay und Marco Schreyl.

Vier Stunden lang stellen die Moderatoren Pinar Atalay und Marco Schreyl verschiedene Berufe vor, machen Zuschauer-Umfragen, sprechen mit Experten, porträtieren Arbeitende und Arbeitssuchende, widmen sich Unterthemen wie aussterbenden Berufen und gucken sich ein paar Zahlen zur Arbeitswelt an.

Annina Hering: "Aktuell ist die perfekte Situation, um sich einen neuen Job zu suchen"

Zum Beispiel mit Annina Hering. Die ist Arbeitsmarktforscherin bei einem großen Online-Jobportal und malt ein rosiges Bild des deutschen Arbeitsmarktes: "Aktuell ist die perfekte Situation, um sich einen neuen Job zu suchen", sagt Hering und erklärt, wie viele Stellenangebote es gerade auf ihrem Portal gebe und meint: "Diese Zahl ist ja einfach der Hammer." Das liege vor allem am demographischen Wandel, also weil viele Menschen in Rente gehen, aber weniger junge Menschen in den Arbeitsmarkt nachkommen. Der Fachkräftemangel tue sein Übriges, aber eigentlich sei es ein Arbeitskräftemangel, denn Menschen aller Qualifikationen seien gesucht. "Die Unternehmen bewerben sich eigentlich bei den Jobsuchenden", meint Hering.

Das mag alles richtig sein und ist auch erst einmal nicht anzuzweifeln. Es wäre aber ein bisschen seriöser gewesen, wenn man eine Arbeitsmarktforscherin gefunden hätte, die kein Interesse daran hat oder haben könnte, die Funktionen des Portals ihres Arbeitgebers zu nennen. Und der es gelegen kommt, wenn der Arbeitsmarkt gerade sehr arbeitnehmerfreundlich ist, also dazu einlädt, sich über ein Jobportal wie das ihres Arbeitgebers eine neue Stelle zu suchen. Das heißt nicht, dass die Aussagen von Frau Hering falsch sind, ein Geschmäckle aber bleibt.

Einen Beigeschmack ganz anderer Art haben die verschiedenen Schwerpunkte, die die Redaktion setzt. Natürlich kann man keine vierstündige Show machen, indem man den deutschen Arbeitsmarkt mit allerlei Statistiken, Fakten und Infografiken abbildet. Daher ist es klar, dass sich das Themen-Spezial inhaltliche und visuelle Anker suchen muss, um sich diesem vielfältigen Thema Arbeitsmarkt irgendwie annähern zu können. Die Frage ist daher nur, wie diese Anker dann in der Praxis aussehen. Und da gibt es Licht und Schatten.

Frank Thelen: "Wer das nicht nutzt, der wird sterben"

Licht gibt es dort, wo der Zuschauer tatsächlich Handfestes mitnehmen konnte. Zum Beispiel beim Thema "Zukunft der Arbeit". Dort kommt Investor Frank Thelen zu Wort, der den meisten aus der "Höhle der Löwen" bekannt sein dürfte. Thelen haut hier markige Sätze raus und schießt dabei auch mal übers Ziel hinaus. Etwa, wenn er über Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, 3-D-Druck oder Blockchains sagt: "Wer das nicht nutzt, der wird sterben. Das wird ähnlich sein wie die Dinosaurier." Denn auch wenn noch nicht alle Details dazu geklärt sind, wissen wir doch recht zuverlässig, dass die Dinosaurier nicht ausgestorben sind, weil sie sich dem 3-D-Druck verweigert haben.

Ein bisschen differenzierter hätte es da schon sein können, aber Thelens Verdienst ist es, den Zuschauern hier Mut zu machen, dass man die Veränderungen des Arbeitsmarktes erstens positiv gestalten kann und zweitens Begeisterung für die ganzen Möglichkeiten dieser Veränderungen wecken sollte. Ergänzt wird das durch die Ausführungen von Stefan Sell, Arbeitsmarktexperte der Hochschule Koblenz. Der ruft in Erinnerung, dass die Veränderungen auch neue Jobs schaffen und ergänzt: "Was sich verschiebt, ist die Art und Weise der Beschäftigung."

Noch mehr Licht gibt es, als die Unternehmensgründerin Eva-Maria Meijnen porträtiert wird, deren Firma bald eine Milliarden-Bewertung erreicht. Das ist nicht deshalb interessant, weil es die Erfolgsgeschichte einer Frau ist, denn nur ein Idiot würde glauben, dass Frauen so etwas nicht schaffen. Nein, interessant ist die Geschichte von Meijnen, weil hier über die Diskriminierung von Frauen in Führungsetagen im Speziellen und auf dem Arbeitsmarkt im Generellen gesprochen wird. Und hier erklärt Meijnen, dass diese Diskriminierung nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit ist: "Wir nehmen uns total viel Chancen in diesem Land."

"Stern TV Spezial": Fragen, die nicht gestellt wurden

Weniger spannend wird es allerdings dort, wo es weniger um harte Themen geht, sondern um solche, die sich zwar gut erzählen lassen, deren Mehrwert für den Zuschauer aber eher gering ist. Zum Beispiel der aussterbende Beruf des Daubenhauers. Da wird dann im Studio ein Fass gebaut, was zwar nett aussieht, aber mit der Arbeitswelt in Deutschland nur am Rande zu tun hat – schließlich ist es ja ein aussterbender Beruf. Ähnliches gilt für das Dutzend Kindergartenkinder, die erzählen sollen, was sie mal werden wollen. Das ist amüsant – nur machen Schreyl und Atalay nichts daraus. Dabei geben ihnen die Kinder hier eine Steilvorlage, als sie beispielsweise erzählen, dass sie Mama werden wollen.

Das wäre eigentlich eine willkommene Gelegenheit gewesen, um über wichtige Fragen zu sprechen. Zum Beispiel über den Nutzen von Arbeit für die Gesellschaft. Warum zum Beispiel reproduktive Arbeit wie Betreuungsarbeit für Kinder nicht nur weniger angesehen, sondern auch unbezahlt ist. Warum verdient eine Mutter nichts, ein Investmentbanker aber Abertausende? Wie sieht es mit Arbeit im Ehrenamt aus? Wie mit den Renten? Was ist mit Hartz IV und seinen Folgen? Das "Stern TV Spezial" hatte eigentlich reichlich Zeit auch für solche Fragen, daher war es schade, dass stattdessen lieber ein Fass im Studio gebaut wurde.

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