In der neuen Sat.1-Show "Birgits starke Frauen" lädt Moderatorin Birgit Schrowange Frauen ein, um deren Geschichte zu erzählen. Ob die Frauen deshalb wirklich stark sind, spielt dabei aber überhaupt keine Rolle. Denn die Botschaft, die sie mitbringen, ist viel wichtiger.

Christian Vock.
Eine Kritik
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Es fängt nicht gerade verheißungsvoll an. "Hier in diesem Haus begegne ich in den nächsten Wochen ganz tollen, starken Frauen", erklärt Brigit Schrowange zu Beginn ihrer neuen Sat.1-Show "Birgits starke Frauen" und schon tauchen die ersten Fragen auf: Was meint Schrowange denn überhaupt mit "starke Frauen"? Wie definiert sie "stark"? Oder: Wenn es starke Frauen gibt, muss es in dieser Logik doch auch schwache Frauen geben und wenn ja, warum gibt sie dann nicht denen einen Platz in ihrer Sendung?

Da kann einen als Zuschauer ganz schnell das Gefühl beschleichen, dass es sich bei "Birgits starke Frauen" um eine Show handelt, in der mal wieder der Leistungsgesellschaft und ihren Werten von höher, schneller, weiter gehuldigt wird. In der Paradebeispiele der Selbstoptimierung zur Nachahmung vorgeführt werden. Und dieser Verdacht ist nicht ganz unbegründet, als Birgit Schrowange zunächst in genau diese Kerbe haut.

"Die härteste Feuerwehrfrau Deutschlands" habe sie eingeladen, dazu eine Frau, die "immer voll im Einsatz für die Tiere" sei und mit Rebecca Immanuel eine "preisgekrönte Schauspielerin", ja überhaupt könne man sich als Zuschauer auf "einige der interessantesten Persönlichkeiten Deutschlands" freuen. Das klingt doch alles nach dem üblichen Leistungsgedöns, bei dem nur stark ist, wer auch etwas geleistet hat und was Leistung ist, das bestimmen die Starken. Ein Nonsens-Teufelskreis, der unsere Welt zu dem gemacht hat, was sie ist.

It's a Man's World

Braucht es also wirklich eine Show, in der sich die Starken dieser Welt gegenseitig auf die Schulter klopfen, was sie denn nicht alles Tolles geleistet haben? Nein, braucht es natürlich nicht – aber das ist "Birgits starke Frauen" zum Glück auch nicht. Der erste Eindruck täuscht, denn es dauert nur ein paar Minuten, bis sich das wahre Ziel der Sendung zeigt und es ist Rebecca Immanuel, die dabei den Anfang macht.

"Weil ich finde, dass Frauen unsere Welt tragen", erklärt die Schauspielerin, warum ihr das Thema starke Frauen so wichtig ist. Frauen seien viel zu wenig sichtbar, dabei brauche man "die weibliche Kraft, um zusammen mit den Männern die Probleme dieser Welt zu meistern." Deshalb habe Immanuel den Wunsch, "dass wir die Frauen ermutigen, ihr Licht auf den Scheffel zu stellen, damit es für uns alle leuchtet."

Birgit Schrowange erfüllt ihr den Wunsch, aber weil heute niemand mehr sein Licht auf Scheffel stellt, sondern ins Fernsehen geht, hat die Moderatorin für diesen Zweck in ihre Show geladen. Gekommen sind neben Rebecca Immanuel Marie Schumann, die erwähnte Feuerwehrfrau, Sabine Werth, die Gründerin der Tafel e.V., Inga Günther, die das "Öko-Huhn der Zukunft" züchtet und Sängerin Mandy Capristo, die sich für Unterricht in mentaler Gesundheit engagiert.

Starke Geschichten bei "Birgits starke Frauen"

Die sechs Damen haben sich in einem gemütlichen Häuschen getroffen, plaudern auf dem Sofa und sehen sich neben den eigenen auch die Einspieler von zwei weiteren Frauen an. Zum einen von Monika Gutte, die sich mit 70 Jahren ihren Traum vom Singen verwirklicht hat und von Eva-Maria Weigert, die Tanzkurse für geflüchtete Kinder anbietet. Sie alle erzählen ihre Geschichte beziehungsweise lassen sie erzählen und plaudern dann ein paar Minuten in der Runde darüber.

Zum Beispiel über ebenjene Feuerwehrfrau, die das "nur" ehrenamtlich macht, denn hauptberuflich ist Marie Schumann Notärztin und trainiert darüber hinaus auch noch für Feuerwehrwettkämpfe. Oder die Geschichte von Mandy Capristo, die im Teenager-Alter mit ihrer TV-Casting-Band Monrose berühmt wurde. Doch Capristo ging über ihre Grenzen und litt unter Panikattacken. Nun hat sie zusammen mit Experten ein Programm zur mentalen Gesundheit entwickelt.

Die Geschichten der anderen Frauen sind nicht weniger beeindruckend. Etwa die von Sabine Werth, die in den 1990er Jahren den Grundstein für die Berliner Tafel e. V. und dann für viele weitere Tafeln in Deutschland legte. Eine Nummer kleiner lief es bei Monika Gutte, die in ihrem Leben den Traum vom Singen aus unterschiedlichen Gründen nie verwirklichen konnte, bis sie mit 70 Jahren endlich die Gelegenheit beim Schopf packte und nun mit anderen auf der Bühne singt.

Eva-Maria Weigert: "Tu Gutes und rede darüber!"

Das sind alles mindestens interessante Geschichten, die aber so gar nicht in die anfangs befürchtete "Mein Haus, mein Auto, mein Boot"-Kategorien passen, auch wenn sich Schrowange selbst von solchen Kategorien nicht ganz lösen möchte. "Macht dich das stolz, wenn du so O-Töne hörst?", fragt Schrowange etwa Feuerwehrfrau Schumann oder auch "Was hast du alles schon gewonnen?" Als ob das wichtig wäre.

Aber je länger die Frauen erzählen und ihre eigenen Geschichten reflektieren, umso mehr wird klar, worum es zumindest den Gästen eigentlich bei "Birgits starke Frauen" geht: Die Frauen wollen nicht bewundert werden oder die Idee von der Leistungsgesellschaft reproduzieren. Nein, sie wollen Inspiration sein. Für andere Frauen, aber nicht nur für Frauen. "Tu Gutes und rede darüber, weil: Wenn ich Gutes tue und darüber rede – das ermutigt viele Leute, auch Gutes zu tun", erklärt Eva-Maria Weigert vom Tanzprojekt Freudentanz.

Da wird dann schnell klar, dass die Kategorisierung als "stark" ein Irrweg ist, wie auch Mandy Capristo erklärt: "Man muss für sich selbst definieren: Was ist stark?" Und wenn man Stärke selbst definieren muss, dann, so das Fazit, dass man aus Folge eins von "Birgits starke Frauen" ziehen kann, ist es nur noch ein kleiner Schritt bis zur eigenen Suche, wofür man stark sein sollte: Um Gutes zu tun – für sich selbst oder für andere.

"Birgits starke Frauen" – seit dem 30. Mai immer montags um 20.15 Uhr in Sat.1