• Der ehemalige Formel-1-Pilot Marc Surer spricht im Interview mit unserer Redaktion über die deutschen Fahrer Sebastian Vettel und Mick Schumacher.
  • Außerdem verrät der Schweizer, welchem Auto er den Sprung nach ganz vorne zutraut und lobt das Team von Schumacher.
Ein Interview

Die neue Formel-1-Saison steht in den Startlöchern, sie beginnt bereits am Sonntag mit dem Großen Preis von Bahrain. Aufgrund von zahlreichen Regeländerungen beim Design der Autos könnte es einige Überraschungen geben. Der ehemalige Formel-1-Pilot Marc Surer spricht im Interview mit unserer Redaktion über die Veränderungen an den Autos, die Aussichten der deutschen Fahrer und welchem Team er es zutraut, an die Spitze vorzustoßen.

Herr Surer, inwieweit haben Sie die Testfahrten überzeugt, dass die Saison 2022 mindestens so spannend wird wie die letzte?

Marc Surer: (lacht) Die Testfahrten haben für mehr Fragezeichen gesorgt, als Antworten geliefert wurden. Positiv ist aber, dass das Feld etwas zusammengerückt zu sein scheint. Denn plötzlich gibt es Bestzeiten von Fahrern, die so nicht erwartbar waren. Ist das auch die Realität? Ich glaube nicht. Aber es sind offenbar noch nicht alle Teams perfekt vorbereitet, sodass es durchaus zu Beginn der Saison zu Überraschungen kommen kann.

Greifen die Veränderungen an den Autos für leichtere Überholmanöver in dem Maße, wie es sich die Formel-1-Bosse gewünscht haben?

Ja, auf jeden Fall. Es gab einige Szenen, in denen sich gezeigt hat, dass sich die Autos jetzt länger und dichter folgen können. Es scheint kein Problem zu sein, dass man eine Runde dicht hinter seinem Gegner herfährt. Das war in der vergangenen Saison undenkbar. Wie viel es sich wirklich verbessert hat, wird man erst nach dem ersten Rennen beurteilen können. Aus meiner Sicht wird das vor allem im Mittelfeld eine große Rolle spielen, weil es dort ohnehin schon immer eng zugeht. Und wenn die Autos jetzt besser standhalten hinter anderen Autos, dann wird dort wohl auch mehr gefightet werden.

Surer: "Mercedes hat noch Schwierigkeiten"

Seit Jahren prägt das Duell zwischen Mercedes und Red Bull die Spitze der Formel 1. Wer hat dort vor der Saison die Nase vorne?

Eindeutig Red Bull. Mercedes hat noch Schwierigkeiten, aber wenn es dann darauf ankommt, werden bei Mercedes die Probleme behoben sein. Aber es wird dort nicht tiefgestapelt, denn es ist optisch erkennbar, dass das Auto nicht ruhig liegt. Daher sind sie noch nicht perfekt aufgestellt. Das Hüpfen des Autos auf der Geraden haben Red Bull, Ferrari und McLaren behoben, Mercedes hingegen noch nicht. Aber bis zum Wochenende werden sie dafür eine Lösung gefunden haben und sind dann wieder in der Spitze dabei.

Gibt es noch ein drittes Team, das in den Zweikampf der Topteams eingreifen kann?

Auf jeden Fall Ferrari. Sie waren von Beginn an schnell und zuverlässig. Zudem stimmt mich positiv, dass sie schon bei den ersten Tests in Barcelona auf der Geraden sehr schnell waren. Sie haben also wieder Leistung in ihrem Motor, den sie komplett neu aufgebaut haben. Das war im Vorjahr das einzige Handicap. Daher werden Sie nun, aus meiner Sicht, von Beginn an vorne dabei sein. Sie wurden auch ein Stück weit selbst überrascht, wie gut es lief. Sie sind während der Tests auch nicht wirklich auf Zeitenjagd gegangen. Normalerweise müsste man auch McLaren dazu zählen, die in Barcelona furios starteten, aber in Bahrain Probleme mit der Bremse bei der Hitze hatten.

Worin liegt die Spannung in dieser Formel-1-Saison an der Spitze?

Die Frage wird sein, welches Auto-Konzept sich durchsetzen wird. Ferrari hat relativ große Seitenkästen. Mercedes hat quasi keine Seitenkästen und Red Bull liegt irgendwo dazwischen. Es muss abgewartet werden, welches Format sich durchsetzt und welches Auto damit ausbaufähig ist. Trotzdem könnte sich ein Vierkampf an der Spitze entwickeln, auch wenn es im Moment eher nach drei Teams aussieht.

Surer über Vettel-Team: "Mir fehlte die Steigerung"

Kommen wir zu den deutschen Piloten. Um Sebastian Vettel und Aston Martin war es während der Tests doch eher ruhig. Was ist von ihm zu erwarten?

Bereits bei den ersten Tests in Barcelona dachte ich, dass der Aston Martin gar nicht so schlecht ist, da dort sofort ansprechende Zeiten gefahren wurden. Mir fehlte aber die Steigerung bei den zweiten Tests in Bahrain. Die Frage ist, ob sie das nicht zeigen wollten, denn ich sah auch bei ihnen keinen Versuch auf eine schnelle Runde. Sind sie sich sicher oder sind sie einfach nicht schnell genug? Vettel machte einen sehr zufriedenen Eindruck und ich glaube, er kann das schon einschätzen. Wahrscheinlich ist das Auto besser, als es bei den zweiten Tests aussieht.

Wie sieht es bei Mick Schumacher aus? Ist der Haas etwas konkurrenzfähiger im Vergleich zur Vorsaison?

Ich habe bereits in der Vorsaison gesagt, dass der Haas in jedem Fall besser werden wird. Denn in diesem Jahr haben ehemalige Ferrari-Leute das Design gemacht. Das Auto wird einen Riesensprung ins Mittelfeld machen. Die Zeiten, die sie alleine in der Nacht gefahren haben in Bahrain müssen wir mit Vorsicht bewerten, da dort die Bedingungen komplett anders waren. Mit ihren Zeiten vom Tag, die mit den anderen Autos auf der Strecke gefahren wurden, liegen sie auf Platz sieben oder acht. Von ihnen erwarte ich mir den größten Sprung bei den hinteren Teams.

Surer: "Schumacher hat natürlich den Druck"

Wird das Duell mit seinem neuen Teamkollegen Kevin Magnussen für Schumacher eine große Herausforderung?

Es ist auf jeden Fall eine Herausforderung. Mit Magnussen hat er einen Maßstab im Team. Er kann auch von ihm lernen, denn Magnussen kennt das Team. Aber Schumacher hat natürlich auch den Druck, Magnussen zu schlagen. Wenn er jemals im Ferrari fahren will, muss er Magnussen schlagen.

Auf welches Team oder welchen Fahrer gilt es außerdem zu schauen?

Man muss Lando Norris und McLaren auf jeden Fall auf der Rechnung haben, sollten sie das Bremsproblem in den Griff bekommen. Dann ist er einer, der vorne reinfahren kann. Aber auch Valtteri Bottas kann das wahre Potenzial von Alfa Romeo zeigen. Das war vorher mit Giovinazzi und einem im Vorruhestand befindlichen Kimi Räikkönen nicht möglich.

Über die Person: Marc Surer fuhr von 1979 bis 1986 selbst in der Formel 1 und war anschließend einige Jahre als TV-Experte, unter anderem für Sky, tätig. Ein Motorschaden verhinderte 1985 einen Podestplatz für den Schweizer.

Mehr Formel-1-Themen finden Sie hier

Die Regeländerungen für 2022 geben den Formel-1-Rennern ein ganz neues Gesicht

Die Teams der Formel 1 sind selten in eine so ungewisse Zukunft gestartet wie 2022. Schon die Vorsaison standin manchem Motorhome, in den Werkstätten und Designstudios ganz im Zeichen der neuen Regeln. Sie greifen 2022. Und deshalb sehen die neuen Boliden so aus. © ProSiebenSat.1