• Mercedes hat in der Formel 1 mit vielen Problemen und Baustellen zu kämpfen.
  • Zahlreiche Fragen sind offen: Wann bekommt man das Auto in den Griff? Wie lange hält Lewis Hamilton still?
  • Teamchef Toto Wolff bleibt trotz der aufkommenden "Trainerfrage" gelassen.

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Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Auch bei Lewis Hamilton übernahmen das andere. Denn der siebenmalige Weltmeister wurde beim vierten Saisonrennen in Imola nicht nur 13., sondern von Weltmeister Max Verstappen sogar überrundet. Dass Hamiltons Mercedes-Teamkollege George Russell als Vierter bewies, dass mit dem Silberpfeil doch etwas geht, machte es für Hamilton nicht besser.

"Sie (Mercedes, Anm.d.Red.) sind schon das ganze Jahr über langsam, also ist es nicht wirklich eine Überraschung", sagte Verstappen zur Überrundung seines letztjährigen WM-Rivalen. Einen Seitenhieb konnte sich auch Red Bulls Motorsportberater Helmut Marko nicht verkneifen. Er wurde von Sky Sports gefragt, was er denke, wie sich Hamilton gefühlt habe, als er vom Niederländer überholt wurde: "Vielleicht denkt er sich, er hätte letztes Jahr aufhören sollen", sagte Marko mit einem Grinsen.

Kratzer für das Hamilton-Image

Ans Aufhören wird Hamilton (noch) nicht denken, doch es brodelt in dem 37-Jährigen, das war in Imola zum Beispiel bei einem emotionalen Gespräch mit Teamchef Toto Wolff deutlich zu sehen. Es ist eine komplett neue Baustelle für Mercedes: Hamiltons eigentlich zementierte Rolle als Nummer eins bröckelt. Hamilton sei nicht mehr wiederzuerkennen, schrieb die italienische "Tuttosport", "das Image und das Prestige Hamiltons haben große Kratzer erlitten", hieß es bei der "Marca" aus Spanien. Hamilton hat den Titelkampf nach Imola offiziell abgehakt. Trotzdem bleibt die weitere Entwicklung brisant.

Denn der 37-Jährige ist mit 28 Punkten nur noch Gesamtsiebter, Russell, der bislang immer unter die Top Fünf gefahren ist, steht als Vierter bei 49 Zählern. Ex-Mercedes-Pilot Nico Rosberg plauderte bei Sky aus dem Nähkästchen. "Lewis hasst es, hinter seinem Teamkollegen zu landen", sagte Rosberg. "Selbst wenn man in der Rangfolge unter ihm steht, hasst er es sehr, hinter seinem Teamkollegen zu landen." Das werde die Spannung erhöhen, glaubt der Deutsche, "vor allem im Technikraum, wo Lewis immer mehr Druck machen wird. Es wird interessant zu sehen sein, wie sich die Situation entwickelt."

Hamiltons Rolle in Imola

Denn interessant ist schon jetzt, dass Wolff versucht, Hamilton zu schützen, indem er die Schuld an dem Debakel des Ex-Champions auf sich beziehungsweise Mercedes zieht. Doch laut Rosberg spielte Hamilton "definitiv eine große Rolle bei diesem schlechten Ergebnis an diesem Wochenende".

Natürlich nicht nur, denn das neu entwickelte Auto ist rund eine Sekunde langsamer als die Boliden der Konkurrenz. "Das Auto ist in der Theorie schnell und gut, aber in der Praxis können wir das nicht umsetzen. Wir können es nicht in dem Bereich fahren, in dem wir es brauchen", erklärte Wolff.

Neben dem im Vergleich zum Vorjahr nicht mehr so überlegenen Mercedes-Motor wird das sogenannte Bouncing – ein unkontrolliertes Hüpfen des Autos auf den Geraden – als Hauptproblem beim Mercedes angeführt. Die Fahrer bräuchten nach den Rennen einen Osteopathen, um alles wieder richtig zu ordnen, sagte Wolff. Russell bestätigte das in Imola: "Das Bouncing raubt einem wirklich den Atem. So extrem habe ich es noch nie erlebt", sagte der 24-Jährige, der mit seinem Rücken zu kämpfen hatte. "Wir werden das Problem definitiv lösen, aber das geht einfach nicht von einem Tag auf den anderen", erklärte Wolff.

Das böse Bouncing

Das Hüpfen ist ein Phänomen der neuen Autos, es ist ein Resultat diverser Faktoren wie die mechanische Abstimmung und die Aerodynamik. Durch Instabilitäten wie zum Beispiel Bodenwellen reißt die Saugnapfwirkung der Boliden ab und baut sich dann umgehend neu auf, das passiert in schneller Folge. Mercedes hat damit mehr zu kämpfen als die Konkurrenz, weil der W13 das Bouncing mit in die Kurven nimmt. Russell glaubt: "Wenn wir das in den Griff bekommen, dann sind 90 Prozent unserer Probleme gelöst." Den Knotenlöser hat Mercedes aber noch nicht gefunden, und was das Team am wenigsten hat, ist Zeit.

Und deshalb wird natürlich auch in der Formel 1 irgendwann mal die "Trainerfrage" gestellt. Wolff weiß, dass die Ansprüche der Silberpfeile nach acht Konstrukteurstiteln in Folge andere sind, als mit einem deutlichen Abstand nur noch die dritte Kraft hinter Red Bull Racing und Ferrari zu sein.

"Wir sind definitiv nicht schnell genug. Das muss man aushalten und damit umgehen können, aber gleichzeitig auch all die Energie in den richtigen Weg kanalisieren. Das versuche ich so gut wie möglich", sagte Wolff bei RTL/ntv. Man müsse sich immer selbst infrage stellen, so Wolff: "Motivation, Energielevel, ist der Spaß noch da?" Die Antwort: "Mir macht es Spaß, mir macht der Turnaround Spaß, jetzt schauen wir mal, ob uns der gelingt." Seine Schultern seien "breit genug für die Trainerfrage", stellte er klar.

Rosberg verteidigt Wolff

Rosberg springt seinem Ex-Boss zur Seite. "Toto ist einer der besten Teamchefs, die wir je in diesem Sport gesehen haben", betonte Rosberg bei Sky Sports F1. "Er ist sehr, sehr stark darin, die Leute zusammenzuhalten und zu motivieren. Natürlich hat er manchmal Wut-Ausbrüche, wie wir schon gesehen haben, aber ich glaube trotzdem, dass er der richtige Mann ist, um ein solches Team in einer so schwierigen Situation am Laufen zu halten." Denn klar ist angesichts der zahlreichen Baustellen: Der Spott der anderen ist im Moment das geringste Mercedes-Problem.

Verwendete Quellen:

  • TV-Übertragung Sky/RTL
  • Pressekonferenzen
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