Rapid Wien erlebt zur Zeit eine der größten Krisen seiner Vereinsgeschichte. Michael Krammer startete 2013 mit dem Anspruch, in Europas Top 50 mitzuspielen. Drei Trainer später spielen die Hütteldorfer gegen den Abstieg.

Eine Philosophie ist etwas für Wissenschafter mit kauzigem Bart und dürren Fingern, die sich nur von Knäckebrot ernähren: So scheint man es zumindest beim SK Rapid Wien zu sehen. Von einer nachhaltigen Entwicklung keine Spur.

In der Bundesliga hat es bisher gereicht, hinter Red Bull Salzburg Zweiter zu werden, da man ja die Ausrede hatte, finanziell weitaus schwächer zu sein als der Ligakonkurrent.

Die Euroleague-Auftritte waren vor der Winterpause stets überraschend positiv, der Abfall danach meist auch. Die aktuelle Saison hat indes mit Damir Canadis Beurlaubung ihren negativen Höhepunkt erreicht.

Rapid braucht eine Philosophie

Mike Büskens und Damir Canadi hatten beide das gleiche Problem: Sie fanden nicht den richtigen Zugang zu dem, was Rapid ausmacht.

Während der gebürtige Düsseldorfer Büskens Kampf und Einsatz an erste Stelle setzte und von der Mannschaft Gehorsam verlangte, ist Canadi Berichten zufolge unter anderem wegen seiner Art, mit Menschen umzugehen, bei den Grün-Weißen gescheitert.

Abstiegsmodus aktivieren

Was beiden misslang, soll jetzt Interimstrainer Goran Djuricin schnellstmöglich schaffen: die spielerische Linie von Rapid zu finden.

Djuricin muss rasch eine Spielweise finden, die den Ansprüchen an Rapids Spielstil gerecht wird und - essentieller - den Modus Abstiegskampf aktiviert. Hier wäre es denkbar, dass man zum altbewährten 4-2-3-1 zurückkehrt, dabei Jungspieler wie Manuel Thurnwald und Maximilian Wöber mit einbindet und gebrochene Spieler wie Louis Schaub und Christoph Schösswendter wieder aufbaut.

Rapid muss die nächsten Spiele nicht brillieren, zumal es am Samstag gegen den starken Tabellenzweiten Altach geht, aber eines ist unabdingbar: Punkte holen.

Welcher Verein will Rapid sein?

Auf lange Sicht gesehen ist jetzt für die Rapid-Verantwortlichen die Zeit gekommen, zu entscheiden, was für ein Verein man sein möchte - und auch dahingehend zu handeln.

Geschäftsführer Fredy Bickel ist ein Kenner des Schweizer Fußballs. Das Modell Basel ist eines, an dem sich Rapid orientieren kann.

Die Hütteldorfer sind keine abwartende Kontermannschaft, sondern eine, die mit Ballbesitz kreative Lösungen sucht und Pressing betreibt. Der Rekordmeister braucht Spieler, die diese Vereinsphilosophie auch fußballerisch leben können.

Schnelle und torgefährliche Außenverteidiger, umsichtige Mittelfeldspieler, die es verstehen, die einzelnen Mannschaftsketten zusammenzuhalten. Und Innenverteidiger, die die Spieleröffnung nicht bloß als einen Pass nach außen verstehen.

Job zu vergeben

Wie stets, wenn bei Rapid ein Trainerposten frei wird, fallen Namen, die eine Rapid-Vergangenheit haben. Andreas Herzog oder Didi Kühbauer zum Beispiel. Es soll, so fordern Fans in sozialen Medien, der alte Rapid-Geist heraufbeschworen werden.

Die genaue Bedeutung dieser Phrase ist nicht ganz klar und wohl jedem frei interpretierbar, aber Begriffe wie "Rennen, Kämpfen und Grätschen" fallen da wohl ebenso hinein wie "mit Stolz das grün-weiße Dress tragen". Sicherlich wäre es eine populäre Entscheidung einen gestandenen Ex-Rapidler auf die Trainerbank zu setzen, doch die Sinnhaftigkeit eines solchen Unterfangens bleibt fraglich.

Didi Kühbauer hatte als Trainer der Admira einen Punkteschnitt von 1,59, als Wolfsberg-Coach bis 2015 einen von 1,37 (Vergleich-Rapid Trainer: Zoran Barisic: 1,76, Peter Pacult: 1,79).

Andreas Herzog ist eine Unbekannte, da er bisher nur als Co-Trainer auftrat oder U-Mannschaften (Österreich U21: 1,61 Punkte bei 28 Spielen, USA U23: 1,36 Punkte bei 11 Spielen) betreute.

Am Anfang steht das System

Welche Trainerpersönlichkeit soll Rapid übernehmen? Vor der Beantwortung dieser Frage muss der Verein erst einmal klären, welches System er spielen möchte. Viererkette mit Forcierung der Flügelspieler, eine Dreierkette, die in Ballabwesenheit zur Fünferverteidigung mutiert. Zentral gesteuerter Angriffsfußball, Überfallfußball à la Dortmund, sicherer Ballbesitz oder eine Adaption mehrerer Varianten?

Eine Umstellung auf ein neues System wird als konsequenten Schritt zur Folge haben müssen, dass eine neutrale Sichtung des Spielermaterials vorgenommen wird, Spieler, die nicht zur Philosophie passen abgegeben und neue Spieler ergänzend verpflichtet werden. Relativ frei von den Wünschen eines neuen Trainers (mit dem sich die Rapid-Führung natürlich absprechen kann).

Passend zur Spielidee muss folglich auch ein Coach geholt werden, der mit Systematik und Feinheit an die Spieler herangeht, sie nicht versucht zu brechen, um Machtstrukturen aufzubauen und mehr als nur ein stures Spielsystem beherrscht.

Modell Hoffenheim in Wien?

Ein Modell Hoffenheim, wie es mit Julian Nagelsmann erfolgreich praktiziert wird, wäre mit Djuricin auch denkbar. Doch ob es in diese Richtung gehen kann, werden erst die nächsten Spiele zeigen. Es gilt zu beobachten, wie Rapid sich aufstellt, wie es agiert und ob die Trennung von Canadi neue Kräfte und neues Selbstvertrauen freisetzt.

Laut Bickel wäre so etwas denkbar, dennoch scheint es so, als ob der Rapid-Sportchef den derzeitigen Basel-Trainer Urs Fischer favorisiert (in 92 Spielen ein Punkteschnitt von 2,2).

Die Synergien von Vereinsphilosophie, dazu passenden Fußballspielern und einem flexiblen Trainer der neuen Schule und mit der Qualität zu überzeugen (im Gegensatz dazu, von sich überzeugt zu sein) könnten Rapid in die gewünschte Richtung führen, sofern man den Mut und die Weitsicht hat, im modernen Fußball anzukommen.

Dass ein Trainer eine Mixtur aus Vaterfigur und Strategiefuchs sein muss, sollte den Verantwortlichen klar sein, wenn sie sich die Erfolgsgeschichten aus anderen Ländern ansehen. Eines ist hoffentlich bei Rapid angekommen: Die Zeit der Brüller ist vorbei.