Die Super-Bayern gegen den Chaos-HSV: Zum Auftakt der Bundesliga-Saison 2015/2016 könnten die Diskrepanz zwischen den beiden Gegnern kaum größer sein. Die Rollen beim Duell FC Bayern München gegen den Hamburger SV sind in der Münchner Allianz Arena heute Abend (20:30 Uhr live in der ARD und auf Sky sowie bei uns im Live-Ticker) jedenfalls klar verteilt. Die jüngsten Ergebnisse um den HSV lassen sogar das Schlimmste befürchten. Dem Hamburger SV bleibt nur übrig zu beten.

Besonders hoch scheinen die Hürden für den FC Bayern München nicht. Seit der Einführung des offiziellen Bundesliga-Eröffnungsspiels vor zehn Jahren halten die Münchener den Rekord für den höchsten Auftaktsieg, ein 3:0 gegen Borussia Mönchengladbach. Und einmal, vor über 40 Jahren, siegten die Bayern als Meister in ihrem ersten Saisonspiel 5:0 bei RW Oberhausen.

3:0, 5:0 - das klingt schon sehr beeindruckend. Im Vergleich zu einem 8:0 oder 9:2 erscheinen diese Resultate aber fast schon wieder wie knappe Ergebnisse. Es ist nicht übertrieben, den Hamburger SV als einen gern gesehenen Gast in der Allianz Arena zu bezeichnen. Da scheinen nicht nur Bayern-Siege programmiert, sondern Highlights der Bundesliga, wahre Happenings. Zumindest, wenn man es mit dem FC Bayern hält.

Hamburger SV wird zum Pannenklub

In den vergangenen fünf Heimspielen erzielten die Bayern 31 Tore gegen den HSV, eingepreist ist dabei schon ein relativ handelsübliches 3:1 aus der Saison 2013/14. Was sollte also heute Abend passieren, wenn die Bayern und der HSV die 53. Bundesliga-Saison eröffnen? Auf der einen Seite stehen die Bayern: einer der erfolgreichsten Klubs der Welt, derzeit zusammen mit Barca und Real Madrid auf vielen Ebenen das Nonplusultra des Weltfußballs.

Ein Verein, der mittlerweile schon Probleme damit hat, jede weitere souverän errungene Meisterschaft als Erfolg zu moderieren - so selbstverständlich eilen die Münchener in der Bundesliga von einem Rekord zum nächsten. Der seinen ohnehin schon unglaublich bestückten Kader nochmals aufgerüstet hat mit Spielern wie Arturo Vidal, Douglas Costa oder Joshua Kimmich. Der den erfolgreichsten Vereinstrainer der vergangenen Dekade an der Seitenlinie stehen hat. Und der in der Vorbereitung - die Niederlage im Supercup gegen Wolfsburg ausgeklammert - angedeutet hat, wie stark er zu diesem frühen Zeitpunkt der Spielzeit schon ist.

Der Hamburger SV hat, abgesehen von seinem klangvollen Namen, da kaum etwas entgegenzusetzen. In München wird sich ein Klub präsentieren, der die Reihe der Pleiten und Pannen der beiden vergangenen Spielzeiten in den wenigen Tagen vor dem Ligastart noch einmal auf ein neues, negatives Niveau ziehen konnte.

Kader des Hamburger SV nicht besser als in der Vorsaison

Der Umbau des Kaders war eine dringend notwendige Maßnahme. Allerdings musste der HSV alles dem Diktat des Sparens unterordnen. Von einer gezielten Verstärkung des Kaders scheinen die Hamburger weiter entfernt als von der deutschen Meisterschaft. Nach einigen hoffnungsvollen Testspielen wurden die Leistungen der Mannschaft immer schlechter und gipfelten in negativem Sinn in der mehr als peinlichen Pokalpleite beim Viertligisten Carl Zeiss Jena am vergangenen Wochenende.

Die so genannte "Rucksack-Affäre" mit verlorenen gegangenen und dem Boulevard in die Hände gefallenen, hochbrisanten Dokumenten, die man getrost als Dienstgeheimnisse bezeichnen darf, und das "T-Shirt-Gate" mit dem Abdruck eines Choreografie-Motivs von Ligakonkurrent Hertha BSC auf einem offiziell vertriebenen Fan-Shirt gaben den Klub in den zurückliegenden Tagen der Lächerlichkeit preis. Einmal mehr.

Selbst Sensationsaufsteiger Darmstadt 98 dürfte man momentan mehr Chancen bei einem Auftritt in München einräumen als diesem Chaos-HSV. Natürlich wollen die Bayern von alledem nichts wissen. Ihm wäre es lieber gewesen, auf einen im Pokal siegreichen Gegner zu treffen, sagte Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge. Und Pep Guardiola, ganz Gentleman, versuchte es zumindest mit einer geschichtlichen Einschätzung.

"Der HSV hat eine große Historie, eine große Geschichte", sagte er am Donnerstag. Und: "Sie hatten immer große Spieler." Guardiolas Lobeshymnen zielten aber voll und ganz auf die Hamburger Vergangenheit, der Bayern-Trainer war im Gegenzug kaum in der Lage, nennenswerte positive Aspekte der aktuellen Mannschaft herauszustellen.

HSV-Coach Bruno Labbadia strich nach dem Pokal-Aus in Jena die schlimme Körpersprache seiner Mannschaft heraus und ordnete recht öffentlichkeitswirksam am Tag darauf ein zusätzliches (Straf-)Training an. Dabei waren es in erster Linie offensichtliche taktische und spielerische Defizite, die sein Team gegen den Regionalligisten ins Hintertreffen brachten.

Hamburger SV gibt immer schlechteres Image ab

Die "Rucksack-Affäre" verschärft die Gangart hinter den Kulissen. Sportdirektor Peter Knäbel, dem die Dokumente offenbar gestohlen wurden, wolle "den Stahlhelm aufsetzen", um die schwierige Zeit zu überstehen. Dass sich Knäbel aber auch als "Bauernopfer" bezeichnet, deutet durchaus auf ein angespanntes Verhältnis zu den Gremien im Aufsichtsrat hin.

Das Image des Hamburger SV ist völlig abgegriffen, runtergewirtschaftet und nachhaltig beschädigt. In diesem Tohuwabohu, wo der Klub so vor sich hinsiecht und ein Abstieg von nicht wenigen als endliche Erlösung angesehen wird, muss die Mannschaft nun also zum übermächtigsten aller Gegner reisen. Womöglich vor mehreren hundert Millionen Zuschauern, schließlich wird das Eröffnungsspiel der Bundesliga in rund 200 Ländern live übertragen.

Hat Bruno Labbadia einen durchdachten Plan?

"Einstellung, Mentalität und spielerisches Vermögen müssen sich fundamental nach oben entwickeln", fordert Vorstandschef Dietmar Beiersdorfer von seiner Mannschaft. Derzeit macht sein oberster Angestellter Labbadia aber nicht den Eindruck, als hätte er einen durchdachten Plan zur Verwirklichung der hochtrabenden Pläne.

Knapp 10.000 HSV-Fans werden in München erwartet. Kaum einer dürfte an einen Sieg glauben. Labbadia sagt etwas anderes. "Ich finde mich nicht damit ab, einfach nur einigermaßen gut auszusehen und vielleicht einen Punkt mitzunehmen." Er muss so etwas sagen, er ist der Trainer.

Und vielleicht hat er ja auch diese eine Statistik im Kopf: Die Rekord-Bayern halten immerhin auch die Bestmarke für die höchste Auftaktniederlage eines Meisters überhaupt. 0:6 ging der FCB einst bei den Offenbacher Kickers ein und war das erste und bislang einzige Mal in seiner Historie Tabellenletzter der Bundesliga. Das war eine Sensation - nicht weniger benötigt der Hamburger SV heute Abend auch in München.