Auch Julian Nagelsmann rückt nach dem Champions League Aus des FC Bayern in den Fokus. Die Schuld vor allem bei ihm zu suchen, wäre falsch.

Steffen Meyer
Eine Kolumne
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Der K.o. des FC Bayern im Champions-League-Viertelfinale gegen den FC Villarreal wird nachhallen beim erfolgsverwöhnten Rekordmeister. Viel wird in den Tagen nach dem von vielen als Blamage gewerteten Ausscheiden hinterfragt. Dazu zählt natürlich auch Coach Julian Nagelsmann. Gerade unter Bayern-Fans, aber auch bei dem ein oder anderen Kommentator, ist die Kritik am Trainer etwas lauter als erwartet. "Vercoacht", lautet das harte Urteil. Meist garniert mit einem Verweis auf die gute alte Zeit unter Hansi Flick bis zum vergangenen Sommer.

Klar ist: Eine am Ende wohl nicht zufriedenstellende Saison muss dringend aufgearbeitet werden. Der junge Bayern-Trainer ist dabei aber ein Teil der Lösung und nicht Teil des Problems.

Julian Nagelsmann ist zwar noch nicht mal ein volles Jahr in München, doch die Mechanismen beim Rekordmeister hat er bereits voll verstanden. Als "nicht ausreichend" bewertete der Coach kurz nach Schlusspfiff gegen Villarreal trotz der fast sicheren Meisterschaft in er Bundesliga die Gesamtbilanz der Saison. Zu früh das Ausscheiden in der Champions League. Zu klar die Niederlage im Pokal gegen Gladbach bereits in Runde Zwei. Das ist zu wenig.

Längst hat die Suche nach den Gründen begonnen. Auch Nagelsmann rückt dabei öffentlich in den Fokus. Die Einwechslung von Alphonso Davies kurz vor dem Gegentor zum 1:1 wird ihm angekreidet. Zu viele Gegentore. Zu viele Aussetzer in dieser Saison, wie Nagelsmann bereits vor dem Rückspiel gegen die Spanier selbst kritisierte. Ist da was dran?

Davies Einwechslung war nachvollziehbar

Zunächst zur Einwechslung von Davies. Hernandez musste offenbar angeschlagen runter und Villarreal hatte kurz zuvor sehr schnelle Spieler gebracht. Es ist absolut nachvollziehbar, dass Nagelsmann in dieser Situation auf den schnellen Linksverteidiger Davies setzt und nicht auf den völlig unerfahreneren Tanguy Nianzou, der die einzige echte Alternative gewesen wäre. Dass Davies wenige Sekunden später vor dem Ausgleich mit einem Schritt das Abseits aufhebt, ist im Nachhinein bitter, aber macht die Wechselentscheidung vorher nicht falsch. Hätte man noch bis zur Verlängerung warten können mit dem Wechsel? Vielleicht. Aber daraus jetzt eine größere Kritik abzuleiten, ist ziemlich wohlfeil.

Der wahre Grund für das Ausscheiden war das erschreckend schwache Hinspiel. Hier muss sich Nagelsmann in der Tat Fragen gefallen lassen, ob er die Mannschaft optimal auf den ballsicheren, kombinationsstarken Gegner bestmöglich vorbereitet hat. Bayern wirkte jedenfalls überrascht und nicht auf der Höhe. Das ist der Grund, warum die insgesamt gute Leistung im Rückspiel nicht ausreichte und ein später Treffer zum Ausgleich am Ende das Ausscheiden bedeutete.

Aber: Auch hier zeigt sich im Grundsatz eine Stärke von Nagelsmann. Er hat auf viele Probleme in dieser Saison richtig reagiert. Nach dem peinlichen 2:4 gegen Bochum stabilisierte er die Defensive, die fortan nicht überragte, aber in der Folge nie mehr als ein Gegentor kassierte.

Nach dem schwachen Hinspiel gegen Salzburg im Achtelfinale, stellte Nagelsmann die Mannschaft im Rückspiel deutlich besser ein und gewann am Ende hoch. Und auch gegen Villarreal zeigten die Münchner im Rückspiel eine deutliche Reaktion und erspielten sich trotz eines 10 Mann Abwehrbollwerks der Spanier vor dem Strafraum eine Vielzahl guter Abschlussmöglichkeiten. Paradoxerweise machten auch die Sorgenkinder Upamecano und Hernández in der Innenverteidigung im Rückspiel gegen Villarreal vielleicht ihre beste Partie zusammen.

Punkteschnitt besser als bei Heynckes und Flick

All das gehört in eine faire Bewertung der ersten Nagelsmann-Saison mit hinein. Sein Punkteschnitt in der Liga liegt aktuell bei rund 2,37 Punkten pro Partie. Das ist im Schnitt über der ersten van Gaal-Saison 2009/2010, über der ersten Heynckes-Saison 2011/2012, über der ersten Kovac-Saison 2018/2019 und auch leicht über der ersten vollen Flick-Saison 2020/2021. Dass er ein exzellenter Repräsentant des Clubs nach außen ist und in vielen kritischen Phasen mit seiner ruhigen, analytischen Art Feuer austrat, muss hier eigentlich gar nicht extra erwähnt werden.

Zudem verdeckt jede Diskussion um Nagelsmann, dass das eigentliche strukturelle Problem dieser Saison in der Kaderzusammenstellung zu suchen ist. Wenn man ehrlich ist, hatten die Münchner im Rückspiel gegen Villareal mit Gnabry und Davies nur zwei gleichwertige Möglichkeiten von der Bank zu wechseln. Die weiteren Optionen Choupo-Moting, Sabitzer, Nianzou, Tillman, Richards, Roca, Stanisic, Vidovic und Wanner sorgen in Europa nicht gerade für Angst und Schrecken.

Kader nicht mehr auf Triple-Niveau

Zudem ist der Kader teilweise schief zusammengestellt. Im zentralen Mittelfeld gibt es viele ähnliche Spielertypen, aber bis auf Musiala, der noch seine beste Position sucht, keine kleinräumige Alternative für sehr enge Räume. Ein auf hohem Niveau torgefährlicher Ersatz für Lewandowski oder als mögliche zweite Spitze in einem engen Spiel wie gegen Villarreal ist - bei allem Respekt vor Routinier Choupo-Moting - nicht im Kader. Auf den Außenverteidiger-Positionen fehlen sehr gute Alternativen zu Davies und Pavard. Der Kader ist nicht auf dem Niveau der Triple-Saison 2020. So ehrlich muss man sein. Hier müssen die Münchner ansetzen, wenn sie substanziell im Sommer etwas verbessern wollen. Wie schwierig das in Anbetracht ungeklärter Vertragssituationen (Lewandowski, Gnabry, Müller), hohen Gehaltsforderungen und keinem Spielraum für finanzielle Abenteuer wird, ist nochmal eine ganz andere Debatte.

Nagelsmann ist jedenfalls mittel- und langfristig der richtige Trainer, um den Umbruch in München zu organisieren, die Mannschaft spielerisch variabler zu machen und Spieler wie Upamecano, Hernández, Sané und Musiala zu stabilisieren und weiterzuentwickeln. Auch er muss natürlich an den Niederlagen gegen Villarreal und auch im Pokal gegen Mönchengladbach wachsen und seine Schlüsse für die Zukunft ziehen, doch die nun insgesamt eher schwächere Bayern-Saison vor allem an ihm festzumachen, wäre falsch und völlig übertrieben.

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