Jahrelang war der FC Bayern in der luxuriösen Situation, sich in der Kaderplanung vor allem darauf konzentrieren zu können, Investitionen in den Kader zu tätigen, um die Mannschaft zu verstärken. "Wir sind kein Verkaufsverein." Das war ein geflügeltes Wort in München. Und dieses Selbstbewusstsein konnte man sich auch leisten.

Steffen Meyer
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Taktisch brachte dies dem FC Bayern in vielen Situationen einen gewaltigen Vorteil. Wer nicht auf Transfereinnahmen angewiesen ist, kann es sich erlauben, bei Vertragshandlungen zu pokern und das sensible Gehaltsgefüge im Blick zu halten.

Corona-Pandemie verändert vieles

Inzwischen hat sich das jedoch ein wenig geändert. Richtig bleibt: Der FC Bayern ist nicht auf Transfereinnahmen angewiesen. Aber sie sind trotzdem ein deutlich wichtigerer Faktor, wenn es darum geht, die Mannschaft Jahr für Jahr zu verstärken. Die Corona-Pandemie geht auch am FC Bayern nicht spurlos vorbei. Das machte Finanzchef Dreesen am Donnerstagabend auf der Jahreshauptversammlung der Münchner ziemlich klar.

Und deshalb schmerzte es schon, dass die Münchner im Sommer mit David Alaba und Jerome Boateng zwei Spieler verloren haben, die selbst auf einem angespannten Markt die Ausgaben für Dayot Upamecano (ca. 42,5 Millionen Euro) und Marcel Sabitzer (ca. 15 Millionen Euro) durchaus hätten refinanzieren können.

Im kommenden Sommer droht nun eine ähnliche Situation. Mit Niklas Süle und Corentin Tolisso könnten erneut zwei Spieler den Verein ablösefrei verlassen, die zusammen sicher um die 50 Millionen einbringen würden, wenn man es darauf ankommen lassen würde.

Um nicht missverstanden zu werden: Es geht nicht darum, es darauf anzulegen, Spieler teuer zu verkaufen. Aber es geht darum, sich durch frühzeitige Vertragsverlängerungen in Situationen zu bringen, in denen man mehr Handlungsspielraum hat. Und wenn Spieler dann wechselwillig sind, müssen frühzeitig Lösungen gefunden werden, von denen der FC Bayern profitiert.

Neben Süle und Tolisso sind dabei auch Marc Roca oder Michael Cuisance zu nennen. Beide haben keine realistische Chance auf Einsatzzeiten in München. Auch hier können Verkäufe für alle Seiten sinnvoll sein, die allerdings bisher nicht klappten. Andere Spieler wie Adrian Fein oder Joshua Zirkzee wurden dagegen wiederholt verliehen.

Der letzte größere Transfer, den die Münchner realisieren konnten, war der Verkauf von Thiago Richtung Liverpool. Und schon hier hatten viele das Gefühl, dass die damals etwas mehr als 20 Millionen Euro Ablöse für einen Spieler wie Thiago eher am unteren Rand der Skala anzusiedeln sind.

Hoeneß fordert frühzeitigere Planung

Der Fokus liegt hier natürlich auf Sportchef Hasan Salihamidzic. Ehrenpräsident Uli Hoeneß äußerte sich unlängst im 11Leben-Podcast ebenfalls dazu, dass die Münchner an ihrer Transferbilanz arbeiten müssen. Wenn auch aus anderer Richtung: "Ich bin nie in den Urlaub gefahren, wenn nicht alle Transfers gemacht waren. Das haben wir dem Hasan auch schon gesagt: So viele Aktivitäten im August, das finde ich nicht gut. Weil das ist meistens teuer", so Hoeneß.

Der Auftrag an den Münchner Sportchef ist also klar. Ohnehin wird spannend, wie der FC Bayern angesichts der veränderten Rahmenbedingungen durch die Corona-Pandemie in Zukunft seine Kader-Strategie anpasst. Klar ist: Man wird nicht mit finanzkräftigen Konkurrenten aus England oder Paris mithalten können und wollen.

Deshalb braucht es einen eigenen Weg aus Weiterbildung eigener Talente, frühzeitigen Transfers von Spielern, die noch kurz vor dem Durchbruch stehen, und dem einen oder anderen Top-Spieler im mittleren zweistelligen Millionenbereich. Einnahmen durch wechselwillige Spieler können hier nur helfen.

Der FC Bayern muss in dieser Lage auch lernen, klug zu verkaufen. Möglicherweise schon in diesem Winter.

Mehr aktuelle News zum FC Bayern finden Sie hier

Buhrufe und Pfiffe: Jahreshauptversammlung des FC Bayern endet im Chaos

Buhrufe, Pfiffe und sogar lautstarke "Hainer raus"-Rufe haben für ein beispielloses Ende der Mitgliederversammlung des FC Bayern gesorgt. Das Thema Katar spaltete - Ehrenpräsident Uli Hoeneß verließ die Jahreshauptversammlung sichtlich verstört.