Jupp Heynckes feiert 75. Geburtstag: Die Karriere einer Bundesliga-Legende

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Jupp Heynckes hat sich beim FC Bayern München mit dem Gewinn des Triples 2013 ein Denkmal gesetzt. Damals ist der ehemalige Weltklassestürmer bereits 68 Jahre alt. Wir erinnern auch an seine Karriere außerhalb der bayerischen Landeshauptstadt. Sie begann daheim in Mönchengladbach.

1964/65 stürmt der damals 20-jährige Jupp Heynckes mit der so genannten "Fohlenelf" von Borussia Mönchengladbach in die Bundesliga: "Diese Saison war wie ein Rausch", schwärmt er später. "So etwas habe ich in meiner ganzen Karriere nie mehr erlebt."
Mit der Deutschen Meisterschaft aber will es in Gladbach in den ersten Bundesligajahren trotz stürmischen Fußballs nicht klappen. Heynckes wechselt des Geldes wegen nach Hannover. Dort versinkt er trotz 25 Toren für drei Jahre im Mittelmaß der Bundesliga.
Ohne Heynckes gewinnt Gladbach 1970 seinen ersten Bundesligatitel. Nach seiner Rückkehr beginnt die Eroberung Europas - zumindest an gewissen Abenden. Inter Mailand wird 1971 mit 7:1 überfahren. Ein Büchsenwurf aber macht das Traumspiel zunichte. Acht Jahre später revanchiert sich Heynckes als Trainer und wirft Inter aus dem UEFA-Pokal.
Man sieht sich im Leben immer zweimal. Für Heynckes und den FC Bayern, den großen Konkurrenten der 70er Jahre, reicht das gar nicht. Davon später mehr. Heynckes gelingt es als Stürmer, in Spielen gegen die Bayern, Frankfurt und Schalke Meister zu werden und sie später als Trainer zu übernehmen.
Als Nationalspieler erlebt Heynckes die WM 1974 im eigenen Land - und verletzt sich bereits im zweiten Gruppenspiel gegen Australien (im Bild). Anschließend kommt Heynckes für den späteren Weltmeister nicht mehr zum Einsatz, dafür acht Jahre später auf eine WM-Briefmarke. Die hier gezeigte Szene wählt die Post in Paraguay zur Endrunde 1982 als Motiv aus.
Sein Karrierefinale als Spieler fällt fulminant aus. Perfekter geht es nicht: Heynckes steuert am 29. April 1978 fünf Tore zum 12:0 über Borussia Dortmund bei. Das erste bereits nach 23 Sekunden zum 1:0. Es ist bis heute der höchste Sieg in der Bundesliga.
Die Anzeigetafel im Düsseldorfer Rheinstadion wird der Gladbacher Torflut so gerade Herr. "Wenn wir 5:1 gewonnen hatten und ich hatte kein Tor gemacht", beschreibt Heynckes seinen Ehrgeiz, "dann war ich sauer." Meister wird mit drei Toren Vorsprung aber der 1. FC Köln dank eines 5:0 beim Absteiger FC St. Pauli.
Nach 220 Bundesligatoren in 369 Bundesligaspielen setzt die Borussia den 33-jährigen Heynckes neben Cheftrainer Udo Lattek zur Saison 1978/79 als dessen Assistenten auf die Trainerbank. Lattek schimpft Heynckes "einen grenzenlosen Egoisten." Der wird trotzdem - oder gerade deswegen - 1979 in Gladbach und 1987 beim FC Bayern dessen Nachfolger.
Trainer-Legende Max Merkel lästert 1991 über Heynckes, dieser sei "der einzige Trainer, der nie eine Taschenlampe braucht." Niederlagen bringen Heynckes' Kopf zum Leuchten. "Osram" tauft ihn aus Versehen der ebenso geniale wie schlampige Gladbacher Wolfram Wuttke (Foto). Diesen Spitznamen wird Heynckes nie mehr los. "Ich war der Dumme", sagt Wuttke später, "dem das neben einem Journalisten rausgerutscht ist."
Wuttke ist nur einer der schwierigen Charaktere, mit denen Heynckes es in Gladbach zu tun bekommt. Uli Borowka, wie Wuttke EM-Teilnehmer 1988, wird dank Heynckes zum Profi. "Seine Menschenkenntnis war fast schon unheimlich", so Borowka.
Auch Lothar Matthäus gibt unter Heynckes sein Debüt in der Bundesliga. Fünf Jahre darauf verdirbt Matthäus vor seinem Abgang zum FC Bayern gegen die Münchner Heynckes dessen ersten Titel als Trainer. Im Endspiel des DFB-Pokals zielt Matthäus am 31. Mai 1984 im Elfmeterschießen gegen Jean-Marie Pfaff zu hoch.
Auch Stefan Effenberg erlebt im Sommer 1987 seine Feuertaufe in der Bundesliga unter Heynckes. Damals ist Matthäus schon drei Jahre lang ein Bayer. Effenberg kommt 1990 zum Rekordmeister nach München - dorthin geholt von Heynckes.
Sowohl Effenberg als auch Heynckes aber finden irgendwann zurück an den Gladbacher Bökelberg. Heynckes' zweite Amtszeit als Borussen-Trainer beginnt nach der WM 2006 mit großer Wiedersehensfreude und viel Euphorie, endet jedoch mit Morddrohungen der Fans. Heynckes geht am 31. Januar 2007.
Derartiger Hass begegnet Heynckes nicht mal während seiner Tätigkeit in Frankfurt. Dort sorgt er Ende 1994 für einen Paukenschlag, als er die Leistungsträger und Fan-Lieblinge Maurizio Gaudino, Augustine Okocha und Anthony Yeboah erst suspendiert und dann Gaudino und Yeboah verkauft. Vier Monate später muss Heynckes selbst seinen Hut nehmen.
Spanien, für den Spieler Heynckes Ort einer bitteren Niederlage (Europapokal-Aus bei Real Madrid im März 1976, Bild), wird für den Trainer Heynckes die zweite Heimat. In Bilbao, Teneriffa und Madrid wird aus dem "introvertierten Pedanten und Feldmarschall" (Wuttke) der Spielerversteher. Heynckes: "In Spanien bin ich gegenüber den Spielern sensibler geworden."
Höhepunkt ist der Gewinn der Champions League mit Real Madrid gegen Juventus Turin am 20. Mai 1998. Auf diesen Triumph hat Real seit 1966 gewartet. Trotzdem muss Heynckes die Königlichen anschließend verlassen. In der Liga hat Meister FC Barcelona sie um elf Punkte abgehängt.
Jüngere Fans aber verbinden Heynckes vor allem mit dem FC Bayern München. Bis zum historischen Triple 2012/13 ist es für Heynckes und den Rekordmeister allerdings ein weiter und verschlungener Weg. Von dem versucht Trainer-Novize Christoph Daum, rechts, den Routinier 1988/89 mit dem 1. FC Köln abzubringen, wird trotz aller Provokation auf und neben dem Feld aber lediglich Vizemeister.
Heynckes, 1987 an die Isar gewechselt, holt mit dem FC Bayern im zweiten Anlauf seine erste Meisterschaft als Trainer. 1987/88 gibt ihm noch Otto Rehhagel mit Werder Bremen das Nachsehen. Jener Rehhagel, den Heynckes zehn Jahre zuvor mit fünf Toren bei Gladbachs 12:0 über den BVB dort aus dem Traineramt geschossen hat.
1990 verteidigt Heynckes mit Bayern München den Meistertitel, den ein Jahr später sensationellerweise Pokalsieger 1. FC Kaiserslautern den Rothosen abjagt. Die schwere Krise der Saison 1991/92 aber ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht abzusehen.
Der ruhmreiche FC Bayern gerät in seiner schlimmsten Saison seit 1977/78, als Franz Beckenbauer das Weite gesucht hatte, sogar in Abstiegsgefahr. Nach einem 1:4 gegen Aufsteiger Stuttgarter Kickers geht Manager Uli Hoeneß das Rückgrat verloren, wie er später bedauert. Heynckes ist am 9. Oktober 1991 seinen Job los.