90 Millionen Euro bezahlt Newcastle United für den Jungstar des VfB Stuttgart - das Dreifache seines Marktwerts. Die Premier League zeigt erneut, wer das Maß der Dinge ist.

Pit Gottschalk
Eine Kolumne
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Wochenlang warteten wir darauf, dass der VfB Stuttgart weich wird und plötzlich doch dem Millionen-Angebot des FC Bayern für seinen Jungstar Nick Woltemade erliegt. Seit gestern wissen wir, dass "der VfB Stuttgart alles richtig gemacht" ("Kicker") und sich "Max Eberl verrechnet" ("Tagesspiegel") hat. Woltemade wechselt nicht für 65 Millionen Euro Ablöse zu den Bayern, sondern für 90 Millionen Euro zu Newcastle in die Premier League.

Dass VfB-Boss Alexander Wehrle durch sein kühnes Pokerspiel 25 Millionen Euro mehr erlöst, ist nichts weniger als ein Meisterstück - und eine Blamage für Rekordmeister FC Bayern.

Verlierer des Woltemade-Pokers sind die Bayern – und Fußballdeutschland

Man wird jetzt viele Verrenkungen erleben und Beschwichtigungen lesen, wie die Bayern-Bosse ihre Niederlage am Transfermarkt erklären. Schon Florian Wirtz zog ja schon den FC Liverpool vor. Doch jede Form von Schadenfreude sollte man sich verkneifen. Denn Verlierer sind nicht allein die Bayern, sondern auch wir, die wir die Bundesliga lieben.

Deutschland verliert in kurzer Zeit den zweiten Jungstar an die Insel, weil dort besser bezahlt und, seien wir ehrlich, besserer Fußball gespielt wird. Es kann für einen Spieler keine Herausforderung sein, in München die x-te Meisterschaft von vielen zu feiern. Ein bisserl Spannung darf schon sein.

Junge Spieler wollen sich mit den Besten messen und nicht mit den Zweitbesten, die mal aus Dortmund, mal aus Leverkusen oder mal aus Leipzig kommen und auf Dauer niemals die Nummer 1 in Deutschland werden. Die Premier League verspricht Spannung und Spektakel; beides ging der Bundesliga im Jahrzehnt Bayern-Dominanz verloren.

Den Liga-Bossen ist nichts Besseres eingefallen, als den Bayern immer mehr Geld anzuweisen und mit der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich die Langeweile zu vergrößern. Hier ist die Wahrheit: Die Premier League ist attraktiver. Woltemade weiß das und wird es erleben.

Woltemade-Wechsel lässt FC Bayern kalt: "Sind sehr attraktiv"

Bayern München sieht sich trotz des bevorstehenden Wechsels seines Wunschspielers Nick Woltemade zu Newcastle United in einer starken Position, wie Christoph Freund vor dem Duell beim FC Augsburg am Samstag betonte.

Zur ganzen Wahrheit gehört aber auch: Man darf den Bayern umgekehrt auch gratulieren, dass sie nicht jeden Unsinn mitmachen. Woltemade hat mit seinen 23 Jahren bisher nicht viel mehr zu bieten als ein sehr gutes halbes Jahr in der Bundesliga. "Transfermarkt.de" taxiert den Marktwert auf 30 Millionen Euro. Bayern hatte das Doppelte geboten und stieg aus, bevor Newcastle mit dem Dreifachen um die Ecke kam.

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Man wollte nicht alles auf eine Karte setzen. Das ist schlecht für die Bundesliga, aber aus wirtschaftlicher Perspektive eine vernünftige Entscheidung. Nur wurde leider bestätigt, was Bayern-Sportdirektor Christoph Freund sagt: "Die Premier League spielt in einer anderen Liga."

Über den Autor

  • Pit Gottschalk ist Journalist, Buchautor und ehemaliger Chefredakteur von SPORT1. Seinen kostenlosen Fußball-Newsletter Fever Pit'ch erhalten Sie hier.
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Verwendete Quellen