Weil der Fußball fast weltweit ruht, entwickelt die Wettmafia neue Wege, um an Geld zu kommen. Experten befürchten: Die Gefahr durch Wettmanipulationen steigt.

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Trotz Corona rollte der Fußball auch am vergangenen Wochenende – zumindest in der weißrussischen Liga. Torpedo Zodino gegen Rukh Brest oder Isloch Minsk gegen FK Wizebsk zählten zu den Partien. Das Leben läuft in Weißrussland unbeeinträchtigt weiter, weil der Diktator Alexander Lukashenko das Coronavirus leichtfertig als "Psychose" abtut.

Wettumsätze in Weißrussland steigen um 60 Prozent

Das Interesse am weißrussischen Fußball ist groß. Das zeigt sich nicht nur an den voluminöseren Fernsehverträgen, sondern auch an den Sportwetten. Laut Informationen der Bild sind Wetten auf Spiele in Weißrussland um bis zu 60 Prozent gestiegen – einfach weil es keine Konkurrenz gibt.

Experten befürchten, dass damit auch die Gefahr durch Wettmanipulationen steigt. Dr. Markus Knasmüller ist Geschäftsführer des österreichischen Software-Unternehmen BMD Systemhaus. Der gerichtlich zertifizierte Sachverständige hat sich unter anderem auf Sportwetten spezialisiert und kann die Situation in Weißrussland daher gut einschätzen.

"Nachdem jetzt deutlich mehr auf weißrussische Spiele gewettet wird als bisher, würde eine Manipulation sicherlich mehr Sinn machen - auch weil sie weniger leicht auffallen würde", erzählt Knasmüller im Gespräch mit unserer Redaktion.

"Zudem ist es natürlich leichter, jemanden dazu zu bringen, ein Spiel zu manipulieren, umso weniger die Person selbst verdient. Bei Spielern in Weißrussland kann man davon ausgehen, dass die Verdienste eher nicht so hoch sind."

Fake-Spiele: Wenn Wettbetrüger selber Spiele inszenieren

Auch der Sportjournalist Benjamin Best sagt: "Für Wettbetrüger bestehen momentan gute Möglichkeiten, weil aktuell Fußballspiele in Ländern und Ligen angeboten werden, auf denen normalerweise kein großer Fokus liegt. In solchen Ländern ist es für kriminelle Organisationen einfacher, Fußballspieler oder Schiedsrichter zu manipulieren. In der Ukraine haben Wettbetrüger sogar Fake-Spiele auf dem Wettmarkt platziert."

Damit spricht Best auf Vorkommnisse an, die sich Ende März abgespielt haben: Laut einem Zeitungsbericht der "Welt" haben Wettbetrüger vier Spiele selber inszeniert. Francesco Baranca, der Ethikchef des ukrainischen Fußballverbands, hat Auffälligkeiten bestätigt: "Der Betrug derzeit ist apokalyptisch."

Fake-Spiele funktionieren folgendermaßen: Betrüger melden bei Wettanbietern Partien zwischen oft unterklassigen Vereinen an. Nehmen die Wettanbieter ein Duell ins Online-Wettangebot auf, das nicht im Fernsehen übertragen wird, schicken sie einen Scout zur Beobachtung des Spiels – ohne zu wissen, dass der Scout in den Betrug involviert ist.

Die Wettbetrüger wetten hohe Summen auf das jeweilige Spiel. Oft allerdings finden die Partien gar nicht statt. Oder es treten gar nicht die echten Teams an, sondern eingeweihte Fußballspieler. So oder so wird am Ende jenes Ergebnis dem Wettanbieter übermittelt, auf das die Betrüger hoch gesetzt haben.

Eine attraktive Kombination für Wettbetrüger

Die Sportradar AG in der Schweiz hat die Aufgabe, solche Betrügereien zu entlarven. Die Aufklärung von Wettmanipulationen zählt zu den Kernaufgaben des Dienstleisters. Angesprochen auf die Fake-Spiele in der Ukraine heißt es in einer Stellungnahme gegenüber unserer Redaktion: "Diese Art von Betrug ist relativ selten."

Gleichwohl vermutet auch Sportradar, dass Wettbetrüger derzeit vor allem in Weißrussland versuchen, Spiele zu manipulieren. "Auf die wenigen verbleibenden Fußballspiele verteilen sich hohe Wettumsätze. Parallel dazu erhöhen Wettanbieter bis zu einem gewissen Grad die Einsatzobergrenzen für Fußballspiele auf niedrigerem Niveau, um ihre Wetteinnahmen zu steigern."

Eine Kombination, die für die Wettmafia sehr attraktiv sei: "Wir können sicher sein, dass Wettbetrüger versuchen, die Situation für sich zu nutzen."

Vereine, Spieler und Schiedsrichter werden anfälliger für Wettbetrug

Mittelfristig könnte sich die Gefahr auch auf andere Länder ausweiten. "Durch die Coronakrise entstehen erhebliche Schäden für Vereine, Ligen, Entscheidungsträger und Spieler. Wir wissen, dass die Spielerlöhne zu den wichtigsten Faktoren zählen, inwiefern Spieler anfällig für Wettmanipulationen sind."

Das bedeutet laut Sportradar: "Es ist völlig klar, dass es kurzfristig ein erhöhtes Risiko für Annäherungen der Wettmafia an Spieler, Manager und Schiedsrichter geben wird, die kein Gehalt bekommen haben. Selbiges trifft auf Vereine zu, die ihre Spieler nicht mehr bezahlen können."

Immerhin: In Deutschland wird das Risiko von Wettmanipulationen Stand heute eher gering eingeschätzt. Der Experte Knasmüller sagt: "Da hier wohl zunächst nur in den obersten Ligen gespielt wird und dort trotz Corona hohe Gehälter gezahlt werden, ist das eher unwahrscheinlich. Außerdem wird natürlich gerade die deutsche Liga entsprechend von Sportradar überwacht."

Und von Sportradar heißt es: "Seit dem Hoyzer-Skandal existiert in Deutschland ein Betrugserkennungssystem, wodurch Spielabsprachen in der Bundesliga oder 2. Bundesliga sofort erkannt werden. Zudem drohen in Deutschland Gefängnisstrafen für Spieler, Schiedsrichter oder Trainer, die an Spielabsprachen beteiligt waren. Das verringert die Wahrscheinlichkeit – zumindest in den höheren Ligen."

Drohen Wettmanipulationen im Amateurfußball?

In den unteren Ligen hingegen wird, sobald wieder gespielt wird, weniger Geld verdient – oder gar keins. Hinzu kommt: Auch in Deutschland geraten viele Menschen durch die Coronakrise in finanzielle Schwierigkeiten.

Dazu zählen auch Amateur-Fußballspieler, die zum Beispiel ihren Arbeitsplatz verloren haben. Ob die Spieler dadurch anfälliger für Spielmanipulationen werden? "Davon ist leider sicher auszugehen", antwortet Knasmüller.

Dr. Markus Knasmüller ist Geschäftsführer des österreichischen Software-Unternehmen BMD Systemhaus. Der gerichtlich zertifizierte Sachverständige hat sich unter anderem auf Sportwetten spezialisiert und gibt dazu regelmäßig Interviews, zum Beispiel bei spox.com und anderen Medien
Benjamin Best arbeitet als Journalist, Filmemacher und Buchautor. Er schrieb zum Beispiel das Buch "Der gekaufte Fußball: Manipulierte Spiele und betrogene Fans". Als Experte für Wettbetrug waren seine Einschätzungen unter anderem auch in der Tagesschau zu sehen. Seine Filmbeiträge liefen unter anderem in der ARD Sportschau.

Verwendete Quellen:

  • Stellungnahme von der Sportradar AG auf Anfrage unserer Redaktion
  • Bild.de: In Weißrussland wird weiter Fußball gespielt
  • Welt.de: Wettmanipulatoren sollen Fake-Fußballspiele inszeniert haben
Teaserbild: © imago images/Reichwein