Vor über 20 Jahren sorgte die diskriminierende Aktion einiger Bayern-Fans beim Spiel gegen Besiktas für einen Eklat. Vor dem Aufeinandertreffen beider Klubs in der Champions League entschuldigten sich jetzt die Fans des FC Bayern - und unterstützten die türkischen Ultras auf andere Art und Weise.

In den 90er Jahren war es noch so, dass man kurzentschlossen zu einem Champions-League-Spiel der Bayern ins Olympiastadion fahren und sich an der Tageskasse ein Ticket für zehn D-Mark kaufen konnte.

Kaum eine Partie war damals ausverkauft. Selbst in den K.o.-Runden gegen namhafte Gegner war es ein Kinderspiel, an bezahlbare Eintrittskarten zu kommen.

Auch die großen Bayern kennen also diese andere Zeit des Fußballs, als noch nicht jeder Testkick in der Arena bis auf den letzten Platz ausverkauft war.

In dieser Zeit waren auch in den Fanblöcken einige Unmöglichkeiten mehr möglich als heute. Die Einlasskontrollen waren lascher, eine organisierte Fan- und Ultra-Szene gab es nach heutigen Maßstäben nicht.

Im Grunde konnte eigentlich jede kleine Gruppe ihr eigenes Ding machen.

So kam es beim Champions-League-Spiel der Bayern gegen Besiktas im September 1997 zu einer viel beachteten "Choreographie" Hunderter Bayern-Fans, die bis heute als Skandal haften blieb und im Vorfeld der Neuauflage des Spiels der Bayern gegen Besiktas erneut ein Thema ist.

"Tüten-Choreo" schlägt hohe Wellen

In der Münchener Südkurve hielten damals im Gruppenspiel Hunderte von Bayern-Fans Einkaufstüten des Discounters "Aldi" in die Luft und ein Banner mit der Aufschrift "Aldi grüßt Kunden".

Zahlreiche Bayern-Fans garnierten ihre Darbietung mit "Ihr könnt zum Aldi fahr’n"-Gesängen.

Ende der 90er Jahre war der Lebensmittel-Discounter dem Klischee zufolge Anlaufstelle für Kunden allein aus ärmeren Gesellschaftsschichten - und eben für Ausländer. Heute kauft im Prinzip jeder auch mal im Discounter ein.

Die "Tüten-Choreo" der Bayern-Fans schlug hohe Wellen. Die Bilder versendeten sich um die Welt, vom offenen Rassismus war die Rede.

Grünen-Politker Cem Özdemir geißelte die Aktion mit scharfen Worten: "Hier wurden zwei Millionen Türken vor der Weltöffentlichkeit beleidigt, denn diese Provokation zielte auf alle in Deutschland lebenden Türken."

Die türkische Tageszeitung "Hürriyet" schrieb von "Rassismus auf der Tribüne", selbst der sonst eher nüchterne "Kicker" verurteilte die Aktion als "diskriminierend und dümmlich".

Die Bayern hatten ein Problem am Hals, Karl-Heinz Rummenigge ließ eiligst Anzeigen in großen türkischen Tageszeitungen schalten, um sich für die Aktion eines Teils seiner Fans zu entschuldigen.

Selbst beim türkischen Generalkonsulat musste Rummenigge antanzen, um sich zu entschuldigen.

Versöhnung in München

Dabei sei die Aktion aus einer Laune heraus entstanden, wie der Dachverband der Bayern-Fans nun - über 20 Jahre danach und wenige Tage vor dem erneuten Wiedersehen mit Besitkas - auf seiner Homepage schreibt.

"Tatsächlich war die 'Tüten-Choreo' eine recht spontane Aktion von einer Handvoll Jugendlichen, die danach ziemlich erschrocken darüber waren, was sie damit für einen Skandal ausgelöst hatten. Die Jungs waren einfach am Nachmittag vor dem Spiel in eine Aldi-Filiale gefahren und haben dort für 50 DM einen großen Karton Tüten gekauft."

Was blieb, waren aber die Bilder und entsprechende Reaktionen innerhalb der Fußballszene. Fans von Borussia Dortmund griffen die Verfehlung der Bayern auf und hielten beim Auswärtsspiel des BVB in München wenige Wochen später halb solidarisch, halb spöttisch "Lidl"-Tüten in die Höhe.

In der Türkei hallte der völlig missratene Scherz ebenfalls noch lange nach - weshalb sich die Bayern-Fans nun dazu aufgerufen sahen, sich über 20 Jahre später auch offiziell für die Sache zu entschuldigen.

Am Montagabend kam es in einem Münchener Kulturklub zu einem Treffen zwischen dem Dachverband Club Nr. 12, einiger Ultra-Gruppen und Vertretern der Besiktas-Ultras "Carsi".

Die Bayern-Fans hatten eingeladen, um sich zu versöhnen, nachdem sich Teile der Fans bei einem Kongress vor einigen Jahren schon nähergekommen waren.

Beim Rückspiel in Istanbul kam es damals zu tätlichen Angriffen türkischer Fans auf Anhänger der Bayern. Auch das wurde am Montagabend nochmals besprochen und aus der Welt geräumt.

Soldarität durch Ungehorsam

Dass "Carsi"-Ultras, eine der treibenden Kräfte bei den Demonstrationen gegen Staatschef Erdogan im Istanbuler Gezi-Park im Sommer 2013, überhaupt den Weg nach München machten, ist auch Teilen der Bayern-Fans zu verdanken.

Seit den schweren Ausschreitungen von Besiktas-Fans im Europapokalspiel in Lyon in der vergangenen Saison behält es sich Besiktas-Präsident Fikret Orman vor, das gesamte Kontingent an Gästekarten bei Auswärtsspielen seiner Mannschaft an den Gastgeber zurückzuschicken.

Streng genommen dürfte also am Dienstagabend kaum ein Besiktas-Fan im Stadion sein.

Gegen diese recht willkürliche Aktion des Klubpräsidenten haben sich Bayern- und Besiktas-Fans gewissermaßen solidarisiert.

Zumal die Bayern-Verantwortlichen ihrerseits schon vermerkt hatten, dass es besonders "intensive und strenge Einlasskontrollen" geben und "keine Person mit Fanartikeln von Besiktas" Einlass finden werde.

Fans, die ihr Ticket an einen Gäste-Anhänger weitergeben, erhalten "eine Ticketbezugssperre für künftige Spiele", so die Bayern weiter.

Die Ultras dürften trotzdem Mittel und Wege finden, um eine große Zahl an türkischen Fans Zutritt in die Arena zu verschaffen.

"Ich kenne keinen, der nicht ins Stadion geht - aber alle in Zivil", kündigt Mete Gür von den "Carsi"-Ultras schon an. "Es gibt auch Türken, die den FC Bayern unterstützen. Leute aufgrund ihrer Nationalität auszuschließen, wird nicht funktionieren."

Es ist anzunehmen, dass die Ultras beider Lager zwar in den Farben getrennt, in der Sache aber vereint agieren werden und am Ende auch mehrere Hundert, vielleicht sogar mehrere Tausend Besiktas-Fans in der Allianz Arena für Stimmung sorgen werden.

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