• Erwin Kostedde stürmte für mehrere Bundesligisten sowie in Belgien und Frankreich, wurde Meister und Torschützenkönig.
  • Mitte der 70er-Jahre wurde er zum ersten schwarzen Nationalspieler Deutschlands.
  • Dennoch fühlte er sich stets als Außenseiter. Darüber, über Rassismuserfahrungen und über die Liebe zu seiner Frau spricht er im Interview.

Mehr Fußballthemen finden Sie hier

Erwin Kostedde war der erste schwarze Nationalspieler Deutschlands. Mitte der 1970er-Jahre absolvierte der Münsteraner drei Spiele für die DFB-Auswahl. Als Jugendlicher und später auch als Bundesligaprofi musste der Sohn eines in Deutschland stationierten GIs und einer Deutschen rassistische Beleidigungen über sich ergehen lassen.

Auf dem Rasen jedoch war Kostedde kaum zu stoppen. Für den Meidericher SV, Kickers Offenbach, Hertha BSC, Borussia Dortmund und Werder Bremen erzielte er 155 Treffer in 297 Spielen. Zudem wurde er 1971 als Stürmer von Standard Lüttich Torschützenkönig in Belgien und holte diesen Titel 1980 als Spieler von Stade Laval auch in Frankreich. Zu seinem 75. Geburtstag am 21. Mai haben wir mit Kostedde gesprochen.

Herr Kostedde, Sie haben zuletzt wieder einige Aufmerksamkeit erfahren. Sie waren in der Amazon-Doku "Schwarze Adler" zu sehen und es ist eine Biografie über Sie erschienen.* Waren Sie überrascht, dass sich noch viele Menschen für Ihr Leben interessieren?

Erwin Kostedde: Was heißt überrascht. Ich wusste es schon, dass das mal an die Öffentlichkeit kommt, da das Thema mit der Hautfarbe immer totgeschwiegen wurde. In der Doku habe ich gesagt, dass 50 Prozent der Deutschen wunderbar sind und 50 Prozent sind schlecht, wenn es um die Hautfarbe geht. Das war vielleicht ein bisschen viel, aber ich habe viel erlebt. Und da habe ich so gedacht, 50 Prozent würden gerne sehen, dass ich gar nicht da wäre.

Die genaue Zahl ist vielleicht auch nicht entscheidend, es geht ja vor allem um das Gefühl …

Ja, vielleicht etwas hoch gegriffen, aber wenn ich daran denke, was ich so erlebt habe, dann kann das schon stimmen.

Sie kamen über Münsteraner Jugendteams in den 60er-Jahren in den Profifußball. Wie muss man sich diese Zeit vorstellen? Wie gingen Mitspieler und Fans mit Ihnen um?

Also als Fußballer bei Preußen Münster habe ich nicht viel Negatives erlebt. Ich muss dazu sagen: Als ich jung war, war ich kein Profi. Ich hatte andere Dinge im Leben, die ich nicht hätte machen sollen. Ich hatte Nebenschauplätze wie Alkohol, Disko und Frauen. Ich habe nicht wie ein Profi gelebt.

Sie haben einmal gesagt, dass Ihnen als junger Spieler alles zu Kopf gestiegen sei. Haben Sie das damit gemeint?

Auch. Auch als ich beim MSV Duisburg war. Am Anfang habe ich tolle Spiele gemacht, das ist mir zu Kopf gestiegen. Aber ich lebte da auf einem Zimmer in Duisburg. Wenn ich nach dem Training nach Hause kam, war ich alleine und dann bin ich in die Stadt gegangen. Wie das so ist, war dann Alkohol im Spiel. Am Anfang hatte ich gute Spiele, doch dann bin ich nicht mehr zum Training gekommen. Wenn ich da einen gehabt hätte, einen Freund, eine ältere Person, die mich vom Nachtleben zurückgehalten hätte, dann hätte ich es eher geschafft. Dass ich richtiger Profi wurde, habe ich meiner Frau Monique zu verdanken. Als ich geheiratet habe, war das Leben als Junggeselle sowieso vorbei, aber ich bin dann auch nicht mehr nachts losgezogen. Das war der Verdienst meiner Frau.

"Man kann sich gar nicht vorstellen, wie mich die Menschen und Zuschauer in Offenbach mochten."

Und es ging mit Ihrer Karriere – vielleicht, wie Sie sagen, mit Verzögerung – weiter bergauf. Wo hatten Sie aus Ihrer Sicht die sportlich erfolgreichste Zeit?

Das war bei Standard Lüttich, aber emotional bei Kickers Offenbach. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie mich die Menschen und Zuschauer in Offenbach mochten. Ich habe Spiele gemacht, die waren Weltklasse, ich habe Spiele gemacht, die waren grottenschlecht. Aber die haben mich nie ausgepfiffen. In Lüttich war ich dreieinhalb Jahre und war dreimal Meister, einmal Torschützenkönig. Doch ich hatte nie das Gefühl, dass ich dazugehörte.

In Offenbach wurden Sie von den Fans geliebt. Auch nach Ihrer Karriere hatten Sie dort Kultstatus. Aber wie war es mit den gegnerischen Fans? Gab es viele rassistische Beleidigungen?

Es kam nie so aus meiner Seele raus, wie mich die Fans empfangen haben. Beispiele kann ich Ihnen nennen: Die Spiele von Offenbach gegen Eintracht Frankfurt. Wir sind 1972 aus der zweiten in die erste Liga aufgestiegen und haben früh gegen Frankfurt gespielt. Und da habe ich gehört, wie mich die Frankfurter sowas von kaputtgemacht haben. "Zehn Schwule und ein N*****" haben die gesungen. Das vergesse ich in meinem Leben nicht. Da habe ich gezeigt, dass ich Charakter habe. Wir haben 3:2 gewonnen, ich mache alle drei Tore. In Frankfurt genau das Gleiche. Wir kommen mit dem Bus und sie haben es wieder gesungen. Da habe ich nur gewunken und wir haben 3:0 gewonnen. Ich mache zwei Tore und hole einen Elfmeter raus.

Das war der sportliche Mittelfinger von Ihnen.

Aber ganz genau.

Können Sie sich noch erinnern, wie Sie für die Nationalmannschaft nominiert wurden?

Klar. Da habe ich gedacht: Das gibt es doch gar nicht. Meine Frau hat nur zu mir gesagt, dass sie immer wusste, dass ich Nationalspieler werde. Ich habe nicht daran geglaubt. Ich wollte Nationalspieler werden. Ich hätte auch vorher gespielt, wenn ein Herr Müller [Gerd; Anm.d.Red.] nicht dagewesen wäre.

"Ich hatte das Gefühl, Helmut Schön war von mir nicht so überzeugt."

Gab es auch Stimmen, die gegen Ihre Nominierung waren?

Ja, natürlich. Da habe ich aber nicht richtig hingehört. Ich glaube nicht, dass ich unter Helmut Schön Nationalspieler geworden wäre. Mein erstes Spiel war auf Malta. Da war der Schön krank und Jupp Derwall als Co-Trainer hat mich nominiert. Ich hatte das Gefühl, Helmut Schön war von mir nicht so überzeugt. Das kann auch Einbildung gewesen sein, aber ich glaube, wäre der Jupp Derwall nicht gewesen, wäre ich kein Nationalspieler geworden.

Aber es ist ja gut gelaufen: Es waren drei Spiele, die kann Ihnen niemand nehmen.

Gut gelaufen, na ja, ich habe kein gutes Spiel gemacht. Ich habe keine Ablehnung gespürt, aber ich gehörte nicht dazu. Auch die Berichte von Journalisten darüber, dass jetzt ein Schwarzer für Deutschland spielt, waren irgendwie negativ. Im Nachhinein sagte ich mir: Wärst du bloß kein Nationalspieler geworden. Obwohl das mein Jugendtraum war. Ich wollte immer den Adler tragen.

Haben Sie die Nationalmannschaft in den letzten Jahren verfolgt? Sie ist viel diverser geworden.

Mit der Zeit hat sich das verändert. Es sind ja auch viele Schwarze Nationalspieler geworden. Das ist schon anders als früher. Nur, ich bin nicht bei der Nationalmannschaft dabei. Ich weiß nicht, wie da gesprochen wird. Es ist besser geworden, das glaube ich schon. Nur eins: Nicht alle gehen konform, dass Schwarze in der Nationalmannschaft spielen. Auch Spieler, meine ich. Ich will keine Namen nennen, aber ich weiß das.

Lesen Sie auch: Jens Lehmann: Unschöner Einblick in den Alltagsrassismus beim Fußball

Um auf Ihr Leben zurückzukommen: Nach Ihrer Karriere lief nicht alles glatt. Besonders in den Schlagzeilen war der Justizskandal im Jahr 1990, als Sie mehrere Monate zu Unrecht in Untersuchungshaft saßen. Wie waren in dieser Zeit Ihre Erfahrungen mit Rassismus in Deutschland?

Als man mich freigesprochen hat, war der Saal in Münster proppenvoll. Dann hat der Richter das Urteil gesprochen und da haben die alle gejubelt. Da habe ich doch geguckt. Vorher gab es Begegnungen mit Leuten, die gesagt haben, dass sie es nicht glauben. Aber hinterm Rücken haben sie getuschelt: "Der war das, der war das." Das fand ich fies. Daher war ich doch überrascht, als der ganze Saal nach dem Freispruch gejubelt hat. Ich habe bemerkt, dass die Leute mich mochten. Sicher habe ich Fehler gehabt. Viele sagen auch, dass ich mein Talent in den frühen Jahren weggeschmissen hätte. Und das stimmt, das ist richtig. Da war ich mit mir nicht im Reinen. Gott hat mir die Hautfarbe geschenkt, aber Gott hat mir auch das fußballerische Können geschenkt. Das habe ich am Anfang weggeschmissen. Fußball war meine einzige Chance im Leben. Aber es gab auch Gutes.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel meine Frau. Ich bin dunkel, meine Frau war rotblond. Da waren viele, viele hinterher (lacht). Da habe ich die als Schwarzer bekommen. Das haben viele auch nicht verstanden. Selbst mein Schwiegervater war erst dagegen. Das war auch ein Kampf für mich, das war auch ein Kampf für meine Frau, weil viele gesagt haben: "Was will die mit dem Schwarzen?" Da meine Frau so viele Chancen anderswo hatte, Millionäre und alles. Da kommt der Schwarze und heiratet sie. Das hatte vor allem mit meiner Hautfarbe zu tun, nicht mit meiner Lebensweise, die vorher nicht gut war. Als ich geheiratet habe, habe ich wie ein treuer Ehemann gelebt. Ich habe dann auch für meine Frau gespielt, weil sie es auch verdient hat. Weil viele Leute gesagt haben: "Der ändert sich nie." Aber ich habe mich geändert. Da habe ich gedacht, wenn man sauber durchs Leben geht, dann wird man auch belohnt. Es klingt komisch, ist aber so.

"Ich hätte meine Frau nicht heiraten dürfen"

Bedauern Sie auch gewisse Dinge?

Als ich 20 war, habe ich mein Leben kaputtgemacht. Das in Duisburg, das bleibt hängen. Die Leute nehmen das alles mit und erzählen ihren Kindern, dass ich um die Häuser gezogen bin. Das hätte ich nicht machen dürfen, auch als ich allein war. Das ist etwas, das ich mir vorwerfe. Jetzt kommt etwas, was ich noch nie erzählt habe: Manchmal habe ich meiner Frau gesagt, dass es eine Sünde von mir war, dass ich sie geheiratet habe. Ich habe oft darüber nachgedacht, was ich da gesagt habe. Aber im Nachhinein habe ich meiner Frau viel Unheil gebracht durch meine Hautfarbe. Das ist ein komischer Satz. Ich habe mich mit meiner Frau toll verstanden, doch irgendwie kam immer meine Hautfarbe dazwischen. Ich bin an den Punkt gekommen, dass ich sie nicht hätte heiraten dürfen. Da hätte sie ein schöneres, besseres Leben gehabt. Es ist schwer zu verstehen.

Haben Sie sich denn 1990 noch als Außenseiter gesehen, als die Menschen im Saal von Münster jubelten?

Das waren Leute, die mich kannten. Ich bin in Münster groß geworden. Ich hatte nicht nur Feinde, sondern auch Freunde. Ich hatte so einschneidende Erlebnisse in Münster, da habe ich noch heute Tränen in den Augen. So gute Menschen gibt es da.

Sie haben später häufig die Spiele von Preußen Münster im Stadion verfolgt. Wie sind Ihnen die Fans da begegnet?

Mich kannten ja viele vom Sport her. Viele wollten mit mir über Preußen Münster reden. Es gab dort wirklich gute Menschen. Nicht nur die, die gesagt haben "Der Kostedde wird nie was. Der Schwarze, was will der hier?" Es gab Leute in Münster, die mich vielleicht nicht geliebt, aber akzeptiert haben. Meine Leistung und wie ich aussehe akzeptiert haben. Ich kann Ihnen das gar nicht so erklären, was man fühlt, wenn das nicht so ist.

Versuchen Sie es.

Man fühlt irgendwie, dass man kein Mensch ist. Du bist kein Mensch. Viele haben mich auch betitelt: "Guck mal, der Affe da." Das ist in jungen Jahren ein Gefühl, das kann ich gar nicht beschreiben. Ich habe nichts gemacht. Nur durch meine Hautfarbe werde ich ausgegrenzt. Ich kann tolle Sachen machen und werde ausgegrenzt. Wenn ich falsche Sachen mache, was ich im Leben auch gemacht habe, werde ich ausgegrenzt. Was will man da machen?

*Alexander Heflik: "Erwin Kostedde. Deutschlands erster schwarzer Nationalspieler", Verlag Die Werkstatt, 208 Seiten

Trailer zu "Schwarze Adler": eine Dokumentation über Rassismus im deutschen Fußball

Der abendfüllende Dokumentarfilm SCHWARZE ADLER lässt Schwarze Spielerinnen und Spieler der deutschen Fußballnationalmannschaft ihre persönlichen Geschichten erzählen. Welchen Weg haben sie hinter sich, bevor sie dort ankamen, wo wir ihnen zujubeln? Welche Hürden mussten sie überwinden? Welchen Vorurteilen und Anfeindungen waren sie ausgesetzt – und wie war das früher, wie ist es heute?
Interessiert Sie, wie unsere Redaktion arbeitet? In unserer Rubrik "Einblick" finden Sie unter anderem Informationen dazu, wann und worüber wir berichten, wie wir mit Fehlern umgehen und woher unsere Inhalte kommen.