Innerhalb eines Jahres hat sich das ÖFB-Team vom Geheimfavoriten der EM zum Loser der WM-Quali entwickelt. Bei einem weiteren Ausrutscher wird Teamchef Marcel Koller kaum noch zu halten sein.

Sein 50. Länderspiel steht Marcel Koller bevor. Kein ausländischer Trainer hat die ÖFB-Auswahl je über so viele Spiele betreut.

Das Rekordspiel gegen Irland (Sonntag, 18:00 Uhr) könnte allerdings in einem Desaster enden. Bei einer Niederlage würde die Weltmeisterschaft 2018 in unerreichbare Ferne rücken. Es wäre die Talsohle der Negativentwicklung der vergangenen zwölf Monate.

Vom Geheimfavoriten zum EM-Prügelknaben

Im Vorfeld der Europameisterschaft 2016 in Frankreich zählte die österreichische Nationalmannschaft zu den Geheimfavoriten. In der EM-Quali waren Christian Fuchs, David Alaba und ihre Kollegen ungeschlagen.

Danach aber ging es rapide bergab. Bei der EM schied das ÖFB-Team mit nur einem mickrigen Punkt aus.

Keine Trendwende in WM-Quali

In der WM-Qualifikation setzte sich der Trend fort: Nach fünf Spielen hat die Mannschaft erst sieben Punkte auf dem Konto.

Besiegt wurden lediglich die kaum konkurrenzfähigen Nationalmannschaften aus Georgien und Moldawien. Vier Punkte beträgt der Rückstand auf den Gruppenersten Serbien und Verfolger Irland.

Nur der Gruppensieger qualifiziert sich direkt für die WM. Der Gruppenzweite kann über die Ausscheidungsspiele das WM-Ticket lösen.

Fehlt den Spielern die Motivation?

Doch sind die Akteure überhaupt dazu bereit, eine kraftraubende Aufholjagd zu starten?

Spieler wie Sebastian Prödl beschwerten sich, dass zu diesem späten Zeitpunkt noch ein Länderspiel angesetzt wurde. Nicht nur er wäre wohl lieber früh in den Urlaub gefahren.

Genau diese Einstellung stößt dem Teamchef sauer auf: "Es ist wichtig, dass sich jeder Gedanken darüber macht: Was will ich? Will ich beim Nationalteam dabei sein?", betonte Koller.

Teamchef "will kein Gejammer hören"

Das bedeute, "ein rot-weiß-rotes Herz zu haben, mit viel Leidenschaft und Hingabe. Ich erwarte Vollgas für Österreich und will kein Gejammere hören."

Die Worte mögen ihre Berechtigung haben, sprechen allerdings nicht für ein intaktes Verhältnis zwischen Trainer und Mannschaft.

Mehrere Leistungsträger fehlen

Erschwerend kommt hinzu, dass ausgerechnet in der entscheidenden Partie gegen Irland viele Spieler wegbrechen.

Top-Stürmer Marko Arnautovic und Mittelfeldspieler Stefan Ilsanker fehlen aufgrund einer Gelbsperre. Mit Alessandro Schöpf, Marcel Sabitzer und Marc Janko fallen weitere Eckpfeiler aus.

Und dann wäre da auch noch das Torhüter-Dilemma: Stammkeeper Robert Almer und Ersatzmann Andreas Lukse sind beide verletzt.

David Alaba ist fit

Immerhin hat sich Führungsspieler David Alaba nach überstandenen Knieproblemen fit gemeldet. Der 24-Jährige mag der individuell beste Spieler Österreichs sein, konnte sein Potential zuletzt aber selten abrufen.

Bei der EM war er das Gesicht der Krise. Auch beim FC Bayern München waren seine Leistungen in der zurückliegenden Saison mäßig.

Alabas Problem bei der Nationalmannschaft: Während er in München meist als Linksverteidiger agiert, setzt Koller ihn lieber zentral ein.

Doch diese Position lag Alaba meist nicht. Immerhin: Beim jüngsten Quali-Spiel gegen Moldawien spielte er im linken Mittelfeld und präsentierte sich dort in besserer Form.

Zu viel Nachsicht mit schwachen Spielern?

Das Positions-Wirrwarr um Alaba ist nicht der einzige Grund dafür, dass Koller in der Kritik steht. Der für seine kontroversen Meinungen bekannte ehemalige Nationalspieler Paul Scharner monierte im Gespräch mit "bwin", dass der Trainer an formschwachen Spielern festhalte.

"Zu Beginn seiner Zeit waren die Hälfte der Spieler bei ihren Klubs keine Stammspieler, und da hat er ihnen versprochen, dass er zu ihnen steht, auch wenn es mal nicht so läuft", sagte Scharner.

Diese Methode rächt sich laut dem Ex-Profi nun: "Wenn es dann zu einer EM-Endrunde geht und es spielen nicht die fitten und formstarken Spieler, weil er sich diese gegenseitigen Abhängigkeiten aufgebaut hat, wird das zu einem Problem."

Koller ist angezählt

Sollte die Qualifikation für die WM misslingen, dürfte Koller kaum zu halten sein.

ÖFB-Präsident Leopold Windtner ließ die Zukunft des Trainers im Interview mit "Spox" offen: "Ich will nicht mutmaßen, was wäre, wenn wir es nicht schaffen. Wenn es so ist, muss man die Situation analysieren und dann handeln."

Zum Ende einer gescheiterten Quali würde der Vertrag von Koller ohnehin auslaufen. Eine Verlängerung wäre nahezu ausgeschlossen.

Frisches Blut für Kollers Team

Denn eins ist klar: Die jüngsten Darbietungen der Österreicher sprechen nicht für den Trainer. Die Laufwege und das blinde Verständnis in der Offensive funktioniert genauso wenig wie das kollektive Defensiverhalten.

Vielleicht ist es sogar positiv, dass aufgrund der Ausfälle frischer Wind in die Mannschaft kommt. Mit Kevin Danso und Konrad Laimer sind sogar zwei Debütanten dabei.

Koller lobt auf der Verbandsseite die Trainingsleistung: "Das Team hat unsere Vorgaben sehr gut umgesetzt und ist konzentriert an die Sache herangegangen."

Hoffnungsträger gibt es trotz der Ausfälle. Stürmer Guido Burgstaller zum Beispiel hat im ersten Halbjahr 2017 beim deutschen Bundesligisten FC Schalke 04 neun Tore erzielt. Im Nationalteam ist er noch torlos. Das Spiel in Irland wäre eine gute Gelegenheit, das zu ändern.