Auf Schalke gibt der Schiedsrichter zwei Elfmeter und arbeitet dabei nicht nur sehr gut mit dem Video-Assistenten zusammen, sondern liegt auch bei der schwierigen Kartenverteilung richtig. In Freiburg dagegen kommt es zu einem zweifelhaften Eingriff des Helfers vor dem Monitor. Die obersten internationalen Regelhüter wollen, dass sich die Video-Assistenten seltener einmischen.

Alex Feuerherdt, Schiedsrichter
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht von Alex Feuerherdt dar. Informieren Sie sich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht.

Bei aller Kritik an den Schiedsrichtern und ihren Video-Assistenten gibt es sie noch, die starken und richtigen Entscheidungen des Referees auch in schwierigen Situationen.

So wie am Mittwochabend in der Partie zwischen dem FC Schalke 04 und dem FC Augsburg (3:2). Zwei Strafstöße gab der Unparteiische Sven Jablonski in diesem engen Spiel innerhalb von vier Minuten. Beide waren korrekt. Dabei stellte der erste Elfmeter eine ganz besondere Herausforderung dar.

Nach 78 Minuten versprang dem Schalker Matija Nastasic im eigenen Strafraum der Ball bei der Annahme nach einer Flanke der Gäste, dadurch kam der Augsburger Michael Gregoritsch in den Besitz der Kugel und hatte die große Chance auf einen Treffer.

Doch dann setzte Bastian Oczipka zum Tackling an, Gregoritsch fiel, die Tormöglichkeit war dahin. War es ein Foul? Oder doch eine regelkonforme Rettungsaktion? Die Gastgeber schlugen den Ball ins Seitenaus, während die Augsburger den Referee bestürmten, der auf Weiterspielen entschieden hatte.

Doch wie bei solchen strittigen Strafraumszenen üblich, kam es zu einer Überprüfung durch den Video-Assistenten. Er hatte zu beurteilen, ob es eindeutig falsch war, keinen Elfmeter zu verhängen.

Was Bastian Dankert bei dieser Überprüfung sah, war, dass Oczipka bei seiner Grätsche nur den Fuß von Gregoritsch und nicht den Ball getroffen hatte. Schiedsrichter Jablonski erkannte deshalb doch noch auf Strafstoß – und zeigte dem Schalker die Gelbe Karte.

Keine "Notbremse" von Hitz

Auch das war völlig korrekt. Zwar handelte es sich um eine "Notbremse", aber eine solche wird seit dem Sommer 2016, wenn sie im Strafraum im Kampf um den Ball geschieht, nur noch mit einer Verwarnung bestraft statt mit einer Roten Karte. Der Gefoulte selbst verwandelte den Elfmeter zum 2:2.

Vier Minuten später zog der Schalker Amine Harit im Strafraum der Gäste mit dem Ball seitlich an Torhüter Marwin Hitz vorbei. Der Augsburger Schlussmann warf sich Harit in den Weg und traf ihn dabei am Fuß.

Diesmal zeigte der Unparteiische sofort auf den Elfmeterpunkt – eine zumindest vertretbare und in keinem Fall eindeutig falsche Entscheidung. Deshalb intervenierte Video-Assistent Dankert auch nicht.

Nicht wenige wunderten sich allerdings darüber, dass der bereits verwarnte Hitz nach diesem Foulspiel nicht mit der Gelb-Roten Karte vom Feld geschickt wurde. Doch auch das war richtig.

Denn bei seinem Rettungsversuch hatte sich der Torhüter, wie zuvor Oczipka auf der andere Seite, zum Ball orientiert. Wäre Hitz' Foul eine "Notbremse" gewesen, dann hätte er eine weitere Verwarnung – und damit Gelb-Rot – bekommen müssen.

Auf der Torlinie stand jedoch der Augsburger Martin Hinteregger, der einen Torschuss von Harit aus spitzem Winkel, zu dem es ohne das Foul höchstwahrscheinlich gekommen wäre, noch hätte klären können.

Somit hatte Marwin Hitz, regeltechnisch gesehen, nur einen aussichtsreichen Angriff der Hausherren mit unfairen Mitteln vereitelt. Für dieses Vergehen gibt es seit Beginn dieser Saison jedoch keine Verwarnung mehr, wenn es im Strafraum im Kampf um den Ball geschieht.

Deshalb durfte der Keeper weiterspielen. Gegen den Elfmeter von Daniel Calgiuri war er allerdings machtlos.

Zweifelhafte Intervention in Freiburg

Anders als auf Schalke gab es am Vorabend beim Spiel des SC Freiburg gegen Borussia Mönchengladbach (1:0) wieder einmal Aufregung über den Video-Assistenten, und das schon nach 18 Minuten.

Da nämlich kam der Freiburger Nils Petersen im Strafraum der Gäste bei einem Laufduell mit Jannik Vestergaard zu Fall. Schiedsrichter Deniz Aytekin stufte diesen Zweikampf nicht als Foul des Gladbachers ein, die Partie lief deshalb weiter, der Ball blieb im Spiel.

Es dauerte fast eine Minute, ehe der Referee von seinem Video-Assistenten Patrick Ittrich doch noch die Nachricht erhielt: Foul von Vestergaard, es muss einen Strafstoß geben. Diesen nutzte Petersen zum 1:0, bei diesem Ergebnis blieb es bis zum Ende.

Dass zwischen dem Sturz von Petersen und Ittrichs Intervention so viel Zeit verging, hatte einen nachvollziehbaren Grund: Es war sehr schwer einzuschätzen, ob ein Vergehen des Gladbacher Verteidigers vorlag.

Vestergaard war dem Freiburger Stürmer dicht auf den Fersen, aber hatte er ihn wirklich durch Beinstellen zu Fall gebracht? Oder war Petersen eher in der Laufbewegung mit seinem linken Bein unglücklich am linken Bein seines Gegenspielers hängen geblieben und dadurch aus dem Tritt gekommen?

Für diese Sichtweise spricht mehr. Wenn das aber so kompliziert zu beurteilen ist, war es dann wirklich ein klarer Fehler von Aytekin, nicht auf Strafstoß zu entscheiden? Das kann man bezweifeln.

Regelhüter wollen Eingriffsschwelle erhöhen

Es sind nicht zuletzt solche Fälle, die das zuständige International Football Association Board (Ifab) nun dazu gebracht haben, die Vorgaben für Eingriffe der Video-Assistenten zu modifizieren.

Diese sollen künftig nur noch dann intervenieren, wenn eine Entscheidung des Unparteiischen in spielrelevanten Situationen nicht nur "klar falsch", sondern auch "offensichtlich falsch" ist. "Offensichtlich" heißt: "für jeden der Beteiligten sofort erkennbar".

Was auf den ersten Blick wie eine lediglich kosmetische Änderung bei der Definition anmutet, soll in der Praxis die Eingriffsschwelle der Video-Assistenten erhöhen.

Denn bei einem Workshop mit denjenigen nationalen Fußballverbänden, die den Videobeweis derzeit testen, hat das Ifab moniert, dass die Helfer vor den Monitoren zu häufig zum Einsatz kommen – vor allem in Deutschland.

Doch das grundsätzliche Problem gebe es in allen beteiligten Verbänden, wie Ifab-Geschäftsführer Lukas Brud dem "Kicker" sagte. "Wir probieren etwas ganz Neues, daher will kein Schiedsrichter einen Fehler machen und bemüht den Video-Assistenten lieber einmal mehr als einmal zu wenig."

Mit Schulungen und Videobeispielen wollen die Regelhüter in dieser Beziehung mehr Sensibilität und eine Vereinheitlichung erreichen. Generell sieht das Ifab den Testverlauf aber positiv. Auch in den höchsten Ligen Englands und Spaniens sollen ab der kommenden Saison Video-Assistenten eingesetzt werden.

Bislang ist das außer in der Bundesliga auch in Italien, Portugal, Belgien, den Niederlanden, Polen, den USA, Australien, Südkorea und China der Fall. Ob der Videobeweis bei der WM in Russland im Sommer eingesetzt wird, steht noch nicht fest.