• Der Nationalmannschaft laufen die Fans in Scharen davon. Sie schauen sich lieber eine Trödelshow im ZDF statt eines Länderspiels an.
  • Das 0:6 in Sevilla gegen Spanien hat nichts dazu beigetragen, diesen Trend etwas mehr als ein halbes Jahr vor dem EM-Auftakt umzukehren.
  • Dass Länderspiele keine Feiertage mehr sind, liegt aber nicht nur an den Ergebnissen. Wir haben fünf Gründe untersucht.

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Die Nationalmannschaft im Quotenkampf mit der ZDF-Sendung "Bares für Rares", da kann eigentlich nichts schiefgehen. Oder?

Am 11. November zog Deutschlands einst bedeutendstes Fußballteam tatsächlich den Kürzeren. Während sich die DFB-Elf zu einem 1:0-Sieg in einem Freundschaftsspiel gegen Tschechien mühte, schauten mehr Menschen die Trödelshow mit Moderator Horst Lichter.

Sechs Tage später wurden diese Menschen in ihrem Desinteresse an der Nationalmannschaft bestätigt. Deutschland verlor in Sevilla mit 0:6 gegen Spanien. Eine sportliche Niederlage von historischem Ausmaß. Es war die höchste seit dem Jahr 1931. "Ein rabenschwarzer Tag" sei das gewesen, sagte Bundestrainer Joachim Löw hinterher. Die Nationalmannschaft hat keinerlei Werbung in eigener Sache betrieben. Die Fans liefen ihr aber – siehe die Einschaltquoten für parallel laufendes Programm – bereits zuvor in Scharen davon. Dafür gibt es fünf Gründe.

Zuviel Fußball: Die Fans sind satt

Die Begeisterung für den Fußball erwächst meist über einen Klub, und schon an diesem haben sich viele Fans inzwischen sattgesehen: Von Freitag- bis Montagabend gibt es Bundesliga und 2. Bundesliga, von Dienstag bis Donnerstag laufen Champions League und Europa League – und dann geht alles wieder von vorne los.

Ein fußballerischer Overload, den die Coronakrise verschärft hat: Die sogenannten Länderspielpausen sehen viele Fans deshalb inzwischen als Fußballpause an.

Am Ende des Corona-Länderspieljahres 2020 steht Bundestrainer Joachim Löw angesichts eines 0:6 in Sevilla gegen Spanien deutlicher in der Kritik als jemals zuvor. Der DFB aber betont, mit ihm bis zur EM weiterzumachen.

Es fehlen Identifikationsfiguren

Diese Pause brauchen auch die am meisten beschäftigten Spieler, beispielsweise die des FC Bayern München oder Borussia Dortmunds. Genau diese Spieler sind es, die Löws Gerüst in der Nationalmannschaft bilden und mit denen sich die meisten Fans auch identifizieren.

Die Belastung der vielen Spiele aber zwingt Löw zur Rotation. Kaum ein Länderspiel findet noch zweimal in Folge mit derselben Formation statt. Der Fan vermisst seine vertrauten Gesichter, verliert den Überblick und die Lust, zuzuschauen.

Und weil Löw im Zuge des Umbruchs auch die Weltmeister Thomas Müller, Jerome Boateng und Mats Hummels aussortiert hat, sind nicht mehr viele Spieler übrig, mit denen die Zuschauer Erinnerungen an große Erfolge wie den WM-Titel 2014 verbinden. Bis Talente wie Leroy Sané oder Timo Werner zu Publikumslieblingen heranreifen, wird es noch etwas dauern.

Affären, Skandale und fehlender Aufklärungswille

Ein früherer Publikumsliebling hat sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen: Franz Beckenbauer, der "Kaiser". Er gilt als verstrickt in die "Sommermärchen-Affäre", die einen dunklen Schatten auf die WM 2006 in Deutschland wirft.

Sie steht am Beginn einer Reihe von Skandalen: Der ehemalige DFB-Präsident Reinhard Grindel sah sich zum Rücktritt gezwungen, als publik wurde, dass er eine teure Luxusuhr von einem ukrainischen Oligarchen geschenkt bekommen hatte.

Nachdem Mittelfeldmann Mesut Özil vor der WM 2018 gemeinsam mit Recep Tayyip Erdogan, dem Staatsoberhaupt der Türkei, für ein Foto posiert hatte, entstand eine bundesweite Debatte, in der sich der DFB lange nicht positionieren wollte. Letzten Endes erklärte der frustrierte Özil seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft.

Vor wenigen Wochen gab es eine Razzia in den DFB-Geschäftsräumen in Frankfurt: Verdacht auf Steuerhinterziehung. Und die "Sommermärchen-Affäre", finden viele, wurde nie mit der nötigen Transparenz aufgeklärt.

Das alles passt nicht zum Selbstbild des DFB, der Vorbild und ein Motor der Integration sein möchte. Viele Fußballfans wenden sich daher genervt ab.

Marketing am Fan vorbei

Sie tun es auch, weil sie mit einer PR-Kampagne des DFB nichts anfangen können. Aus der Nationalmannschaft sollte "Die Mannschaft" werden. Dieser Begriff aber steht für Überkommerzialisierung, Arroganz und fehlendes Verständnis für die sogenannte Basis.
Wer etwa Eintrittskarten für große Turniere kaufen will, muss Mitglied im "Fan Club Nationalmannschaft" werden - und weil die Tickets nach einem Treuepunktesystem vergeben werden, ist nicht einmal das sicher. So schreitet die Entfremdung zwischen Fans und Nationalmannschaft immer weiter voran. Dass die Stadien bei Spielen der Nationalelf schon vor Corona nur noch selten ausverkauft waren, dürfte höchstens noch einige DFB-Verantwortliche überraschen.

Trotz vieler Stars vom FC Bayern kein attraktiver Fußball mehr

Wer Stadien füllen und Konkurrenzprogramme im TV chancenlos machen möchte, muss natürlich vor allem mit seinem Fußball begeistern.

Bundestrainer Löw orientiert sich diesbezüglich gerne am Stil des erfolgreichsten deutschen Fußballklubs, dem FC Bayern. Der liefert ihm auch das Gros seiner Auswahl: Manuel Neuer, Niklas Süle, Joshua Kimmich, Leon Goretzka, Serge Gnabry und Leroy Sané.

Leroy Sané gehört am 17. November 2020 in Sevilla gegen Spanien beim historischen 0:6 zu jenen deutschen Spielern, von denen eine Menge zu erwarten war, die aber nichts davon lieferten.

Als Welttrainer Pep Guardiola an der Säbener Straße wirkte, spielte auch die DFB-Elf einen dominanten Ballbesitzfußball. Der aber hat seit dem Debakel bei der WM in Russland 2018 ausgedient. Löw befindet sich im Zuge seines personellen Umbaus der Nationalmannschaft derzeit auf der Suche nach einer prägenden und erkennbaren Spielidee.

Die Zahl der Fans, die ihm dabei zuschauen wollen, sinkt. Dies liegt vor allem auch an Darbietungen wie dem 0:6 in Sevilla gegen Spanien.

Bundestrainer Joachim Löw äußert sich zu möglicher Sorge um seinen Posten

Nach dem historischen 0:6 in Sevilla gegen Spanien steht Joachim Löw mehr denn je in der Kritik und am Pranger. Nach 14 Jahren im Amt stellt sich die Frage nach der weiteren Haltbarkeit des Bundestrainers - er aber gibt sie weiter. (Teaserbild: picture alliance / GES / Angel Martinez) © ProSiebenSat.1