Im Finale der Europa League gegen den FC Sevilla geht es für den FC Liverpool und Jürgen Klopp um mehr als nur einen Pokal. Es geht um den erfolgreichen Start in eine neue Epoche. Und darum, für das Treiben auf dem Transfermarkt die nötigen Argumente zu sammeln.

"Ich weiß wie es ist, ein Finale zu spielen." Das sagte Jürgen Klopp keine 24 Stunden vor dem Endspiel der Europa League seines FC Liverpool gegen den FC Sevilla. Klopps Worte wollen Zuversicht ausstrahlen, einen unerschütterlichen Optimismus transportieren. "Je größer der Druck, desto cooler werde ich", fügte er hinzu.

Das mag man Klopp sogar abnehmen. In hektischen Phasen kann der sonst so aufbrausende Trainer plötzlich die Ruhe selbst sein. In den Tagen vor dem großen Spiel im Basel wollte er aber einen Umstand galant überspielen, der ihn nicht unbedingt als geborenen Gewinner solcher Finals ausweist.

Fünf Endspiele hat Klopp als Trainer mit seinen Klubs bisher erreicht - vier davon hat er verloren: mit Borussia Dortmund zweimal im DFB-Pokal und einmal in der Champions League sowie zuletzt mit Liverpool im Ligapokal. Lediglich der Pokalsieg in der Double-Saison des BVB vor vier Jahren tanzt da aus der Reihe. "Ich habe ein paar Silbermedaillen zu viel zu Hause", musste er zugeben.

Die erste Krönung steht bevor

Vielleicht will Klopp durch das offen zur Schau gestellte Selbstbewusstsein die "Scousers" mobilisieren. Liverpools Fans sind bereits in Horden im kleinen Basel eingefallen, Tausende von ihnen ohne Tickets für das Spiel.

Das erste große Finale seit der Niederlage gegen den AC Milan in der Königsklasse vor neun Jahren elektrisiert die "Red Army" auf der ganzen Welt. Über 100.000 Ticketanfragen habe es von den Fans der Reds gegeben - dabei beläuft sich das Kontingent auf gerade einmal rund 9.000 Karten pro Klub.

Die Leute kleben an Klopps Lippen. Die zu seiner Anfangszeit in Liverpool womöglich verfrüht formulierten Messias-Assoziationen haben sich offenbar längst bestätigt. Klopp hat die Anfield Road binnen weniger Monate komplett vereinnahmt. Was jetzt noch fehlt, ist die erste sportliche Krönung.

Die Liaison des Deutschen mit Englands Vorzeigeklub mag wunderbar verlaufen. Am Ende entscheiden dennoch Ergebnisse und Titel. Und da sich Klopp am Wochenende bei der letzten Chance, sich über die Liga für das internationale Geschäft zu qualifizieren, für die Total-Rotation von allen elf Stammspielern entschied, ist der Druck nicht kleiner geworden.

Sevilla als dickster Brocken

Für Liverpool geht es in Basel nicht nur um den neunten Triumph in einem europäischen Wettbewerb. Es geht insbesondere auch darum, für die kommende Saison doch noch in die Champions League einzuziehen. Der Sieger von Basel erhält das Ticket für die europäische Königsklasse. Und genau dorthin will der FC Liverpool nach Jahren der Tristesse auch wieder.

Mit Villarreal, Manchester United und natürlich Borussia Dortmund hat Liverpool einige Schwergewichte in dieser Saison ausgeschaltet. Der dickste Brocken aber dürften die Seriensieger aus Sevilla werden. In den letzten zehn Jahren haben die Andalusier sagenhafte vier Titel in diesem Wettbewerb gewonnen.

Die Mannschaft von Trainer Unay Emeri erwies sich unzählige Male als unkaputtbar und zeigte beinahe unglaubliche Nehmerqualitäten. Im Baseler St. Jakob-Park wird deshalb nicht weniger erwartet als eine Vollgas-Veranstaltung zweier Mannschaften, die problemlos als Mentalitätsmonster durchgehen.

"Wir wissen genau das über Sevilla, was man wissen muss", sagte Klopp auf der Pressekonferenz vor dem Spiel. "Sie haben eine tolle Truppe und Unay Emeri macht einen sensationellen Job. Aber wir sind auch nicht einfach ins Finale gebeamt worden. Wir haben uns das erarbeitet. Wir werden vorbereitet sein."

Parallelen zu den Anfängen beim BVB

Klopp und seinem Trainerteam mit Zeljko Buvac und Peter Krawietz gelingt es immer wieder, in den entscheidenden Sequenzen einer Partie einen Plan B oder Plan C zu präsentieren. Natürlich immer offensiv und wuchtig ausgerichtet, umgesetzt aber varianten- und bisweilen sogar trickreich.

"Zwei gute Klubs, zwei große Vereine spielen gegeneinander um einen großen Pokal. Das ist eine riesige Chance und wir werden alles tun, um sie zu nutzen. Wir müssen mutig sein, wir müssen organisiert sein und geduldig. Und wir müssen auch bereit sein, Fehler zu machen. Die gehören dazu. Und es wird entscheidend sein, wie wir damit umgehen", so Klopp.

Die Situation in diesen Tagen erinnert den 48-Jährigen wohl ein wenig daran, wie er in Dortmund die erste Zeit überstehen musste. Mit einem Spielsystem, das er nach und nach mit seinen Ideen anreichern konnte und einer Mannschaft, die nicht er zusammengestellt hatte.

Das wird sich in den kommenden Wochen ändern. Der neue TV-Vertrag der Premier League bietet fantastische finanzielle Möglichkeiten. Nur: Um die wirklich dicken Fische an Land zu ziehen, muss Liverpool zwingend auch international, in diesem Fall in der Königsklasse, dabei sein.

CL-Teilnahme als Grundpfeiler

Ansonsten bleiben Kandidaten wie etwa Mario Götze trotz aller Millionen eher ein Wunschdenken und Liverpool wird sich weiter in der Kategorie Loris Karius, der als neue Nummer eins kommen soll, umsehen müssen. Es hängt also weitaus mehr von der Partie gegen Sevilla ab als eine Trophäe im ohnehin schon gut gefüllten Schrank.

Es geht darum, den hohen Erwartungen auch mit den entsprechenden Resultaten gerecht zu werden. Das würde so vieles leichter machen im Hinblick auf die kommenden Jahre. Denn Klopps Weg bei den Reds hat gerade erst begonnen.

"Ich spüre natürlich den Druck dieses Spiels", sagte der Deutsche. "Aber ich spüre nicht den Druck, der meine komplette Arbeit in Liverpool begleiten soll. Ich hege da überhaupt keine Zweifel."

Nach nicht einmal einer Saison fühlt es sich schon so an, als gehöre Klopp zum Inventar eines der populärsten Klubs der Welt und zum Establishment des britischen Sports. Ryder-Cup-Kapitän Darren Clarke wünscht sich Klopp als Motivationsredner vor dem prestigeträchtigen Golf-Turnier gegen die USA im Herbst. Eine Ehre, die zuletzt Sir Alex Ferguson zuteil wurde. Und der musste ein Vierteljahrhundert dafür arbeiten.

Vielleicht darf Liverpool-Fan Clarke im September dann einen etwas schrägen Deutschen begrüßen. Oder sogar einen schrägen Deutschen, der mit seinem Klub endlich wieder einen großen Titel errungen hat.