Jan Böhmermann meldete sich am Freitagabend aus der Sommerpause zurück und in der Zwischenzeit ist viel passiert. Die Fußball-EM der Frauen, das Treffen zwischen Trump und Putin, die Waldbrände in Südeuropa und in Deutschland ist jemand seit Wochen als vermisst gemeldet: die Neutralität.

Christian Vock
Eine Kritik
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Da ist er wieder. Fast hätte man vergessen, dass der späte Freitagabend im ZDF Jan Böhmermann und seinem "ZDF Magazin Royale" gehört. Am 13. Juni dieses Jahres verabschiedete sich Böhmermann nämlich bereits in die Sommerpause, also vor gut zweieinhalb Monaten. Allerdings war die Abschiedsfolge ein Konzertmitschnitt des Rundfunk-Tanzorchesters Ehrenfeld, auf Satire im ZDF musste man also sogar noch eine Woche länger warten. Zumindest auf die Satire von Jan Böhmermann.

Denn während der die Füße hochlegen durfte, überbrückte Kabarettist Till Reiners die Lücke mit seiner neuen Show "Till Tonight". Eine gute Wahl der ZDF-Verantwortlichen, zeigte Reiners doch mit einer Mischung aus scharfem Stand-up, politischer Satire und einem lockeren Talk, dass die Late-Night-Show alles andere als tot ist, nein, sie ist sogar quicklebendig. Es würde einen also sehr wundern, wenn man sich beim ZDF nicht schon längst Gedanken darüber macht, ob man für Reiners nicht an einer anderen Stelle noch ein Plätzchen im Programm hat.

"Alle müssen neutral sein, nur Klöckner darf rechts sein"

Nun herrscht aber erst einmal wieder Jan Böhmermann über den Satire-Freitagabend und in den steigt der Moderator über den aktuellen Themenschwerpunkt der "Zeit" ein. "Ich wollte in der aktuellen 'Zeit' nachlesen, wer schuld ist am Rechtsruck: nämlich links", erklärt Böhmermann und hält dann die Titelseite der aktuelle "Zeit"-Ausgabe in die Kamera. "Sind die Linken selber schuld?" ist dort zu lesen.

Er selbst habe sich bereits im Urlaub gefragt "Was, wenn die Zeiten von links und rechts vorbei sind? Was, wenn es kein links und kein rechts mehr gibt, sondern nur noch: neutral" und dann festgestellt, dass sich bereits andere mit dieser Frage beschäftigt haben. Zum Beispiel Mariam Lau von der "Zeit", die im Mai dieses Jahres in einem Post auf X schrieb: "Vielleicht läuft die entscheidende Bruchlinie heute nicht mehr zwischen rechts und links. Sondern zwischen 'Brokenism', ja oder nein – also zwischen denen, die Systemsprenger sind und denen, die das eben nicht sind."

Weiter geht es mit Zitaten, diesmal von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner: "Demokratie lebt. Sie ist kein Fertighaus, sondern ist ein Bauwerk, an dem wir arbeiten müssen und das tun wir", erklärte Klöckner im Juni in einem Interview, was Böhmermann ironisch wie folgt kommentiert: "Und wer das für ein schiefes Bild hält, der ist einfach nicht neutral genug." Damit man die Ironie dieses Satzes noch besser versteht, bringt Böhmermann noch ein Zitat, diesmal von Robert Habeck: "Alle müssen neutral sein, nur Klöckner darf rechts sein", sagte Habeck in einem Interview mit der "taz" und mit diesen Worten biegt Jan Böhmermann endlich in die Richtung ein, in die er eigentlich will.

Linnemann stärkt Klöckner den Rücken und attackiert Habeck

Bundestagspräsidentin Julia Klöckner sieht sich Kritik von Robert Habeck ausgesetzt. Unterstützung bekommt sie nun von CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann.

Beendet Demokratie unsere Demokratie?

"Wie neutral müssen wir in Zukunft werden? Kann unsere Demokratie unsere Demokratie retten? Oder beendet Demokratie unsere Demokratie?", fragt Böhmermann und die Antwort liefert eine Julia-Klöckner-Persiflage, nämlich die fiktive Dr. Carola Knöckler, Demokratie-Expertin der Franz-von-Papen-Stiftung, Bad Kreuznach. Nicht umsonst wählt Böhmermann den ehemaligen Reichskanzler als Namensgeber der Stiftung, gilt von Papen doch als Steigbügelhalter Hitlers.

Denn auch, wenn es ein bisschen dauert, kommt die fiktive Knöckler zum Kern der Botschaft, auf die Böhmermann hinaus will: "Darum lasst uns leidenschaftlich streiten: Ausländer gegen besorgte Bürger. Ehrliche Landwirte gegen Klimaterroristen. Sozialschmarotzer gegen fleißige Milliardäre und Steakhouse-Erbinnen gegen Kinder." In Deutschland, so die Interpretation, ist etwas verrutscht. Im gesellschaftlichen Diskurs und in der Wahrnehmung, was falsch und was richtig ist.

Wenn Tausende Landwirte wegen der Streichung von Subventionen die Straßen blockieren, ist das in Ordnung. Wenn junge Menschen dasselbe in einer viel kleineren Größenordnung machen, um darauf hinzuweisen, dass wir uns gerade selbst zerstören, werden sie in die Nähe von Terroristen gerückt. Neutral ist irgendwie anders. Die Wahrnehmung, dass so etwas eben nicht neutral ist, ist in den letzten Jahren allerdings verloren gegangen – wie zuletzt das Beispiel von Julia Klöckner zeigte, als sie sich weigerte, zum CSD auf dem Reichstag die Regenbogenfahne zu hissen.

Was Julia Klöckner unter "neutral" versteht

Oder als Julia Klöckner ein CDU-Sommerfest auf dem Firmengelände von Frank Gotthardt besuchte, Finanzier der rechten Plattform "Nius", von der Klöckner dort behauptete, sie sei der "taz" "nicht so sehr unähnlich". "Es ist ja auch nicht so sehr unähnlich, jemandem zur Begrüßung die Hand zu schütteln oder ihn auf die U-Bahn-Gleise zu schubsen. Das ist ja beides eine Begegnung zwischen Menschen. Neutral. Eine journalistische Zeitung ist nicht so sehr unähnlich wie ein rechtsradikales Hetz- und Hass-Portal", kommentiert Böhmermann Klöckners windschiefen Vergleich.

Die Bestandsaufnahme ist also gemacht, aber woran liegt es, dass neutral plötzlich nicht mehr neutral ist, dass sich alles ein ganzes Stück weit nach rechts geschoben hat? Eine erste Antwort findet Böhmermann in einem Beitrag auf "tagesschau.de". Dort heißt es: "Vor Kurzem wurde eine Strategie der AfD öffentlich, wie sie ins Kanzleramt kommen will – nämlich mit Kulturkampf und Spaltung." Eine wenig überraschende Einschätzung und so fragt Böhmermann zu recht ironisch und mit der "Zeit" in der Hand: "Hä? Ich dachte, die Linken sind schuld. Kulturkampf und Spaltung kommt von rechts?"

Damit es nicht zu banal wird, zeigt Böhmermann eine Präsentation der AfD aus diesem Sommer, wie genau diese Strategie aussehen soll, überschrieben mit "Brandmauer stürzen". Dazu gehört, den "Kulturkampf" schüren, die Regierungskoalition auseinander zu treiben und die Union stärker unter Druck zu setzen. "Interessant. An unserem lebendigen Bauwerk Demokratie wird also nicht nur gebaut, da stehen auch Leute mit ‘ner Abrissbirne daneben und wedeln mit dem Bohrhammer", kommentiert Böhmermann.

Zeit für eine andere Frage

Und die demokratischen Parteien? Die machen sich laut Böhmermann auch die Hände an unserer Demokratie schmutzig, etwa wenn Innenminister Alexander Dobrindt trotz eines Urteils des Berliner Verwaltungsgerichts an seiner Zurückweisungspraxis von Asylsuchenden festhält. "Wo ist eigentlich die SPD?", stellt Böhmermann die nicht unberechtigte Frage nach dem Verhalten des Koalitionspartners und spricht mit der weiteren Frage "Wie soll das denn jetzt weitergehen in der Koalition?" noch einmal den Fall der Verfassungsrechtlerin Frauke Brosius-Gersdorf an.

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"Doch recht olle Kamellen, oder?", kann man da nicht ganz zu Unrecht fragen. Zumindest, wenn man das "ZDF Magazin Royale" für an aktuelle Themen gebunden hält. Ist es aber nicht. Dafür gibt es andere Shows und so können sich Böhmermann und sein Team durchaus erlauben, Themen, die in die Sommerpause der Show aktuell waren, noch einmal aufzugreifen, ohne dabei alt auszusehen. Zumal es Böhmermann in diesem Fall gar nicht um eine erneute Aufarbeitung, sondern um Generelles geht.

Denn hinter all den aufgeführten Beispielen wie Julia Klöckners "Neutralität", der Strategie der AfD, dem Verhalten von Alexander Dobrindt oder dem Fall Brosius-Gersdorf steht etwas viel Größeres. Wenn nämlich selbst Demokraten nicht mehr wissen, was "neutral" bedeutet, weil links gleich nicht-neutral, rechts aber neutral sei, dann sollte man laut Böhmermann nicht mehr "links oder rechts?" fragen, sondern sich eine ganz neue Frage stellen, um zu sehen, wo der andere wirklich steht: "Demokratie oder nicht?"