"Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" ist eine gut geölte Unterhaltungsmaschinerie. Die Promis packen willfährig ihre dunkelsten Geheimnisse aus, der Gewinner scheint schon festzustehen. Aber eine Kandidatin trotz der Vorhersehbarkeit.

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Datum: Thu Jul 23 00:00:00 CEST 2020
Eine Kritik
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Es gibt eine ziemlich genaue Trennlinie zwischen gutem und schlechtem Trash-TV. Und bevor jetzt die üblichen Einwände wie "Ich schaue so etwas nicht!" und "Ich habe gar keinen Fernseher mehr, fühle mich deswegen kulturell überlegen, kommentiere aber trotzdem jeden Artikel dazu" fallen. Ja, diese Unterschiede gibt es wirklich. Es ist die Anerkennung von Regeln, nach denen solche Formate funktionieren. Was erlaubt ist und was nicht. Was ausgestrahlt wird und was im Schnittraum bleibt.

In den letzten Jahren haben etliche Sendungen diese Grenzen überschritten. Es wurde gemobbt, sich angespuckt, Alkoholismus ausgeschlachtet, die Szenen immer und immer wieder gezeigt. Sogar die Landesmedienanstalt musste durchgreifen. Krawall als reines Mittel zum Zweck. Wenn es Quote bringt, ist es gut. Oder schlecht. Was in solchen Formaten irgendwie dasselbe ist. Nicht so "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!". Das Dschungelcamp funktioniert seit 18 Jahren nach strengen Regeln. Und wer die missachtet, fliegt.

Doch kein Star: Janina Youssefian überschreitet eine Grenze und fliegt

In der ersten Woche der aktuellen Staffel ließ sich das eindrucksvoll beobachten. Die beiden Teilnehmerinnen Linda Nobat und Janina Youssefian, argumentativ auf dem Stand zweier Teenager erstarrt, gerieten heftig aneinander. Youssefian, in der Vielfältigkeit ihrer Schimpfworte ihrer Kontrahentin eindeutig unterlegen, überschreitet irgendwann unter dem Hagel der Flüche ihres Gegenübers eine Grenze. Sie beleidigt Nobat rassistisch. Bereits am nächsten Tag wirft sie RTL aus "Ich bin ein Star - Holt micht hier raus!" In einer weiteren Szene weiß Moderator Daniel Hartwich offenbar nicht, dass die schwerkranke beste Freundin von Teilnehmerin Tina Ruland während der Dreharbeiten verstorben ist. Er macht eine unbedachte Bemerkung und entschuldigt sich am nächsten Tag dafür.

Diese beiden Ereignisse sind insofern bemerkenswert, weil RTL ganz anders mit ihnen hätte umgehen können. In anderen Formaten wäre die rassistische Entgleisung immer und immer wieder gezeigt worden, die trauernde Tina Ruland hätte ganze Folgen gefüllt. Stattdessen hakt "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" beides ab und macht weiter. Eine bewusste Entscheidung gegen die quotenträchtige Maximierung der Ereignisse.

Eine eingespielte Promi-Mannschaft

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum das Dschungelcamp in Staffel 15 immer noch so gut unterhält und konstant Quoten erzielt, die außer Fußball-Europa- und Weltmeisterschaften keiner mehr im linearen Fernsehen erringen kann. "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" ist eine gut geölte Unterhaltungs-Maschinerie, bei der es mittlerweile egal ist, wer daran teilnimmt.

Das zeigt sich in diesem Jahr so deutlich, wie nie zuvor. Allzu willfährig enthüllen die Prominenten ihre Abgründe. Zerbrochene Beziehungen zu Familienmitgliedern (Peter Althof und Eric Stehfest), der Verlust geliebter Menschen (Jasmin Herren), Missbrauch und Beziehungsprobleme (Harald Glööckler). Selbst die stets miesepetrig dreinschauende Anouschka Renzi verkündet am Ende der ersten Woche unter Tränen, dass ihr alles leid tue, sie leide am Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ADS.

Zu dieser Vorhersehbarkeit passt, dass es in diesem Jahr auch wieder eine Dschungel-Romanze gibt, deren einziger gemeinsamer Nenner ist, sich darin einig zu sein, aneinander vorbeizureden. "Du verstehst mich nicht", sagt Filip Pavlovic, in diversen "Bachelor"-Formaten gestählter Flirt-Profi in einer Folge. "Du mich auch nicht!", antwortet sein österreichisches Datingshow-Pendant Tara Tabitha. "Wie soll ich denn dich verstehen, wenn du mich nicht verstehst?", entgegnet Pavlovic. Eine rhetorische Endlosschleife philosophischen Ausmaßes, die den Geisteshorizont beider Beteiligter offensichtlich übersteigt. Die Zuschauer beenden das Elend, indem sie Tabitha als erste nach einer Woche aus dem Dschungelcamp wählen.

Es kann nur Eine(n) geben

Der Gewinner dieser Selbstdarstellungs-Scharade scheint schon jetzt festzustehen. Mit Zen-artiger Gelassenheit prallt am einzigen C-Promi-Hochkaräter von "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" alles ab. Harald Glööckler starrt jede Widrigkeiten hinfort. Nur wenn es Freundin Anouschka Renzi trifft, geraten die modellierten Gesichtszüge des Glitzer-Designers in Wallung und er stürzt sich in Konflikte, die eigentlich nicht seine sind.

Die Konstellation dieser beiden ist vielleicht die interessanteste im diesjährigen Dschungelcamp. Auf der einen Seite der Profi, der sich ganz dem Format hingibt. Selbst seinen schillernden Haarschmuck hat Glööckler in Vorbereitung auf "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" zu Hause gelassen. Auf der anderen Seite die komplette Verweigerungshaltung Anouschka Renzis, die zwar nicht der sympathischste Charakter der aktuellen Besetzung ist, aber der ehrlichste. Sie will partout nicht performen. Stattdessen kultiviert sie ihre miese Laune, gespeist aus der Erkenntnis, dass sie es offenbar doch nötig hat, an dieser Show teilzunehmen.

Besonders deutlich wurde das in der gestrigen Folge von „Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!“. Es ist der Abend der ersten Abstimmung unter den Zuschauern, wer gehen muss. Als verkündet wird, dass nicht sie, sondern Tara Tabitha das Camp verlässt, flucht Anouschka Renzi laut: "Scheiße!" Danach tröstet sie die konsternierte Österreicherin. Sie solle nicht traurig sein. Sie könne sich ja jetzt eine Woche im Hotel ausruhen. Die Gage bleibe gleich. Lohnen würde sich das Dschungelcamp eh nur, wann man als erster rausfliegt oder gewinnt. Die erste Option hat sich für Anouschka Renzi jetzt erledigt. Bleibt nur noch die Dschungel-Krone. Das wäre zumindest mal eine Überraschung.

Daniel Küblböck
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