Der Worte sind genug gefallen nach dem niederschmetternden 3:3 in Stuttgart. Nie zuvor hat man Edin Terzic so angefasst und wütend erlebt und obwohl sich Dortmunds Trainer sichtlich um Fassung und eine nüchterne Analyse bemühte: So ganz wollte das nicht funktionieren nach einem der schlimmsten Spiele in der jüngeren Dortmunder Vergangenheit.

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Auch Sportchef Sebastian Kehl schien für seine Verhältnisse wie paralysiert, setzte wie sein Trainer auch einige verbale Spitzen – um Dampf abzulassen und in der guten Hoffnung, dass dieser einmal mehr hoffnungslose Fall einer Mannschaft endlich wieder aufwachen möge.

Das Spiel in Stuttgart war nach jenen bei den Bayern und im Pokal in Leipzig das dritte innerhalb von nur zwei Wochen, das einen neuen Tiefpunkt bedeutete: Weil nicht nur das Ergebnis ernüchternd war, sondern auch die Leistung phasenweise indiskutabel.

Nach Monaten der herausragenden Ergebnisse und in der Regel auch ansprechenden Leistungen nimmt sich der BVB ausgerechnet in der Schlussphase der Saison seine nächste Krise und offenbart Probleme, die längst gelöst schienen. Die zu diesem Klub aber offenbar gehören wie die Farben Schwarz und Gelb.

Einstellung und Haltung

Sebastian Hoeneß hatte offenbar ein sehr gutes Gespür. Nicht nur für seine Mannschaft, sondern auch für die des Gegners. "Es steht 0:2 und die sind ein Mann mehr. Die denken, dass sie einen Haken dran haben und nehmen uns nicht mehr ernst. Wir haben hier eine Riesenchance. Ein Tor, und hier brennt's!" Das soll Hoeneß nach Sport1-Informationen seinen Spielern im Wortlaut gesagt haben.

Tatsächlich kam es exakt so, wie vom gegnerischen Trainer vorhergesagt. Mit zwei Toren Vorsprung und einem Spieler mehr auf dem Platz hatte bei der Borussia in Abwesenheit des zur Pause ausgewechselten Mats Hummels niemand mehr so richtig Lust, seine Arbeit vernünftig zu verrichten. Aus Sorglosigkeit wurde Arroganz, dazu kam eine Prise Pech bei mehreren eigenen Torchancen.

Die große Fahrlässigkeit, mit der die Mannschaft zwei wertvolle Punkte gegen einen dezimierten Gegner verschenkte, wie sie den VfB immer wieder Nadelstiche setzen ließ, deutet auf ein massives Problem hin, das Terzic längst bereinigt glaubte.

Diese Mannschaft hat ein Kopfproblem, kann weder in großen Spielen mit dem Druck und Widerständen umgehen noch die besten Voraussetzungen mit einer nüchternen, pragmatischen Leistung in den entsprechenden Erfolg ummünzen. Weil sie offenbar immer noch nicht reif genug ist und schneller überheblich wird, als der Trainer ein paar Worte auf den Platz rufen kann.

Die fehlende Disziplin

Auf dem Silbertablett bekam der BVB trotz aller Verfehlungen in der zweiten Halbzeit doch noch den Sieg serviert. Gio Reynas Tor hätte zwar die Leistung der zweiten Halbzeit nicht vergessen gemacht, in der Tabelle und mit Blick auf das Titelrennen gegen die Bayern aber die Ausgangslage deutlich verbessert und vielleicht sogar einen Schub für die letzten Spiele gegeben. Wenn es denn der Siegtreffer gewesen wäre.

Was sich in den paar Minuten der Nachspielzeit nach Reynas Tor aber abspielte, war ebenso unerklärlich wie unverzeihbar. Wie der viel zitierte Hühnerhaufen ordneten sich die Dortmunder Spieler an. Ein paar hatten die fixe Idee, den Gegner in der letzten Spielminute hochzupressen, alle anderen hielten sich lieber tief in der eigenen Hälfte auf.

So konnte sich Stuttgart von der rechten auf die linke Seite und dann wieder zurück auf die rechte Seite spielen, ohne einen langen Ball schlagen zu müssen. Dortmunds Pressing war auseinandergerissen, eine Ordnung nicht erkennbar. Warum sich der Achter Jude Belingham im höchsten Tempo aus seiner Position bewegt, war ebenso rätselhaft wie Maroc Reus' Trab durch das Zentrum.

Dass dann Raphael Guerreiro, als linker Verteidiger nominiert, plötzlich zwei Linien zu hoch postiert war und stattdessen der linke Außenstürmer Reyna dessen Job auf der linken Abwehrseite übernehmen musste, ist auf diesem Niveau und in einer solchen Spielsituation durch nichts zu entschuldigen. Soumaila Coulibalys missratener Klärungsversuch war dann nur noch die letzte einer ganzen Reihe von schlimmen Aktionen.

Wo ist die Führungsstärke?

Edin Terzic hat in der zweiten Halbzeit insgesamt fünf Wechsel vorgenommen und es ist richtig, dass der Trainer vier Spieler ins Rennen warf, die erst 20 Jahre oder jünger sind. Es ist ebenfalls richtig und verstörend zugleich, dass der Trainer die Partie von außen nicht mehr beruhigen konnte und vielleicht besser den ballsicheren Mo Dahoud für eine der zentralen Positionen im Mittelfeld eingewechselt hätte, um den Ball auch mal länger zu halten und dem Gegner mit ein paar Stafetten die Lust am wilden Spiel zu nehmen.

Und trotzdem kann man das auch von jenen Spielern erwarten, die beim Schlusspfiff auf dem Platz stehen. Zumal mit Gregor Kobel, Emre Can, Guerreiro und Reus immer noch genug Erfahrung und auch – zumindest vermeintliche – Führungsstärke auf dem Platz war.

Wie schlecht es um diesen Faktor aber in Stuttgart stand, verdeutlichte der Gegentreffer in der Schlusssekunde fast wie zum Beweis noch einmal mit Nachdruck. Während Guerreiro im Niemandsland unterwegs war, hatte Reus offenbar wenig Lust, das eigene Tor vehement zu verteidigen. Dafür zeigte er unmittelbar nach dem Tor ziemlich eindeutig, was er vom Abwehrverhalten der Restverteidigung hielt.

Nach so einem Tiefschlag abzuwinken und den Mitspielern zumindest nonverbale Vorwürfe zu machen, ist ein fatales Signal – und das genaue Gegenteil dessen, was man vom Kapitän einer Mannschaft erwarten darf.

Verwendete Quellen:

  • www.sport1.de: Kabinen-Brandrede enthüllt!
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