Seit dieser Saison gilt offiziell: Nicht jede "Notbremse" ist rotwürdig. Das scheint sich aber noch immer nicht überall herumgesprochen zu haben, wie sich am Wochenende in zwei Bundesliga-Partien gezeigt hat.

Alex Feuerherdt, Schiedsrichter
Meine Meinung

Aufregung am 25. Spieltag in den Strafräumen von Augsburg und Frankfurt: In Augsburg brachte Marwin Hitz, der Torhüter der Gastgeber, Mike Frantz im eigenen Sechzehner per Grätsche zu Fall und verhinderte so, dass der Freiburger den Ball ins leere Tor schiebt. In Frankfurt ließ David Abraham den Hamburger Filip Kostic unsanft zu Boden gehen und nahm ihm ebenfalls eine vielversprechende Einschussmöglichkeit.

Die Unparteiischen entschieden jedoch unterschiedlich: Strafstoß und Gelb gab es gegen Hitz, während nach Abrahams Tackling die Partie weiterlief, weil der Schiedsrichter kein Foul gesehen hatte. Viele äußerten die Ansicht, dass es in beiden Szenen eine Rote Karte hätte geben müssen – nämlich jeweils wegen einer "Notbremse".

Anscheinend ist noch nicht überall angekommen, dass sich die Regel bei der Verhinderung einer offensichtlichen Torchance des Gegners durch ein Foul im eigenen Strafraum seit dieser Saison teilweise geändert hat.

Lange Jahre galt: Wer im Sechzehnmeterraum nach Ansicht des Referees die "Notbremse" zieht, verschuldet nicht nur einen Elfmeter, sondern wird darüber hinaus des Feldes verwiesen und muss anschließend einige Spiele aussetzen. Dabei war es unerheblich, um welche Art von Foul es sich handelte.

Warum Abraham (nur) Gelb verdient gehabt hätte

Dass ein solches Vergehen ausnahmslos immer gleich drei drastische Konsequenzen hat – Strafstoß, Rot, Sperre –, empfanden viele als zu hart. Deshalb milderten die obersten Regelhüter die Regelung im vergangenen Sommer, dem Wunsch mancher Verbände folgend, etwas ab.

Wenn eine "Notbremse" im Strafraum im Kampf um den Ball geschieht, gibt es jetzt – außer einem Elfmeter – nur noch eine Verwarnung, also die Gelbe Karte. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn ein Spieler oder der Torwart den Ball bei einer Grätsche knapp verfehlt und stattdessen den Gegner trifft.

Wird jedoch eine klare Torchance durch ein Foul im Strafraum verhindert, bei dem der Einsatz nicht dem Ball galt – wie etwa bei einem Halten, Ziehen oder Stoßen –, dann ist weiterhin Rot fällig. Diese Strafe gibt es außerdem nach wie vor für ausnahmslos jede "Notbremse" außerhalb des Sechzehnmeterraums.

Das heißt: David Abrahams Grätsche gegen Kostic im eigenen Strafraum hätte neben dem eigentlich fälligen Elfmeter auch eine Verwarnung nach sich ziehen müssen. Nur eine Verwarnung, weil das Foul für jeden offensichtlich im Kampf um den Ball geschah, auch wenn dadurch eine klare Tormöglichkeit verhindert wurde.

Grenzfall Hitz: Rot kann, Gelb muss

Nicht so klar war dagegen, welche Karte Marwin Hitz für seine "Notbremse" verdient hatte. Es gibt Argumente für die Ansicht, dass der Augsburger Torwart bei seinem Tackling keine Chance mehr auf den Ball hatte und es ihm nur noch darum ging, Mike Frantz unfair am Schuss auf das verwaiste Tor zu hindern.

Man kann jedoch auch der Meinung sein, dass Hitz mit seiner Grätsche einfach einen Tick zu spät kam, aber sehr wohl vorhatte, den Ball zu treffen. Die Zeitlupe legt eher die erste Einschätzung nahe, die Realgeschwindigkeit die zweite. Und deshalb war die Entscheidung von Schiedsrichter Sascha Stegemann, nur Gelb zu zeigen, mindestens vertretbar.

Die Szene in Augsburg zeigt aber auch, dass die neue "Notbremsen"-Regelung den Schiedsrichtern mehr abverlangt als die alte. Denn bis zu dieser Saison mussten sie nur beurteilen, ob die Verhinderung einer offensichtlichen Torchance durch ein Foul vorliegt oder nicht.

Jetzt müssen sie bei einer "Notbremse" außerdem einschätzen, ob das Vergehen im Kampf um den Ball passiert ist oder ob es keinen Ballbezug hatte. Wie man sieht, ist das nicht immer leicht, weil es nicht immer eindeutig ist. Deshalb sind längst nicht alle Unparteiischen mit dieser Änderung glücklich. Und viele Spieler und Beobachter sind es ebenfalls nicht.