Während seiner Hoffenheimer Zeit bekam Julian Nagelsmann den Spitznamen "Baby Mourinho" verpasst. Einige Jahre später trifft er nun in der Champions League auf jenen Trainer, dem er eigentlich überhaupt nicht gleicht.

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Julian Nagelsmann weiß, was ihn bei José Mourinho erwartet. "Er ist in allen Bereichen abgezockt. Er macht gewisse Dinge in der Coaching Zone mit Kalkül", sagte der Trainer von RB Leipzig vor dem Achtelfinal-Hinspiel der Champions League bei Tottenham Hotspur.

Kommt es zu den berüchtigten Psychospielchen des Portugiesen, will Nagelsmann am Mittwoch (21:00 Uhr/DAZN) dagegenhalten - bis der Schiedsrichter einschreitet. "Dann sitzen wir beide auf der Tribüne und essen eine Bratwurstsemmel", sagte der 32-Jährige grinsend.

Mourinho fasziniert Nagelsmann: "Er hat eine Aura, die einen fesseln kann. Ich freue mich sehr darauf, ihn mal kennenzulernen."

In seiner Hoffenheimer Zeit bekam der Coach der Sachsen von Tim Wiese sogar den Spitznamen "Baby Mourinho" verpasst. Das war durchaus positiv gemeint. Aber die Vergleiche hinken. "Ich denke nicht, dass unsere Philosophien identisch sind", meinte Nagelsmann.

Hier der eigentlich stets gut gelaunte Anführer der Leipziger Tempofußballer, der sich gern am eigenen Offensivspektakel berauscht. Dort der Chefzyniker aus Portugal, dessen Spielweise sich in den vergangenen Jahren oft auf das Destruktive beschränkte. Und darauf, Titel zu gewinnen.

José Mourinho hat bisher zweimal die Champions League gewonnen

Während bei Nagelsmann die Meisterschaft mit Hoffenheims U19 als größter Erfolg in der Statistik steht, hat Mourinho allein die Champions League bereits zweimal mit verschiedenen Clubs (2004 mit Porto, 2010 mit Inter Mailand) gewonnen. Hinzu kommen insgesamt acht Meisterschaften in Portugal (mit dem FC Porto), Spanien (Real Madrid), England (FC Chelsea) und Italien (Inter Mailand). Kurzum, der Mann muss niemandem mehr etwas beweisen.

Dennoch ergriff den Spurs-Anhang nicht gerade eine Euphoriewelle, als der 57-Jährige Mitte November die Nachfolge von Mauricio Pochettino antrat. Nach einem kleinen Durchhänger hat Tottenham jedoch die Kurve gekriegt und ist wettbewerbsübergreifend seit sieben Spielen ohne Niederlage.

Und das ohne den verletzten Stürmer-Star Harry Kane, der auch in den beiden Spielen gegen Leipzig fehlen wird. Der Engländer hatte sich Anfang des Jahres einen Oberschenkelmuskelriss zugezogen.

"Wir hatten unsere Schwierigkeiten ohne Harry, aber wir haben mittlerweile einen Weg gefunden, ohne ihn gut zu spielen und Tore zu schießen", sagte Mourinho nach dem 3:2 bei Aston Villa.

Der Siegtorschütze, der frühere Bundesliga-Profi Heung-Min Son, der zusammen mit seinen Teamkollegen den Ausfall Kanes bisher gut kompensiert hatte, fällt nun mit einem Armbruch ebenfalls mehrere Wochen verletzt aus. Ein schwerer Schlag für die Engländer, hatte der Südkoreaner in der Gruppenphase der Champions League doch in sechs Spielen fünf Tore erzielt und ein weiteres vorbereitet.

Der Tottenham-Coach gab sich jedoch zuversichtlich und entschied sich im Angesicht der Verletzung gegen das Aufgeben und für das Kämpfen.

Auch Leipzig tritt im wohl modernsten Fußballstadion der Welt nicht in Bestbesetzung an. Während es bei den Spurs im Sturm mangelt, gehen Nagelsmann die Verteidiger aus. Da Willi Orban und Ibrahima Konaté ohnehin länger fehlen und Dayot Upamecano eine Gelbsperre absitzt, muss sich der 32-Jährige eine Abwehrreihe ohne Innenverteidiger basteln. Upamecano machte zuletzt durch starke Leistungen auf sich aufmerksam und wurde sogar mit dem FC Bayern in Verbindung gebracht.

Julian Nagelsmann muss in der Abwehr improvisieren

Weil die Bühne für Ethan Ampadu noch zu groß ist, dürfte eine Not-Lösung mit den Nationalspielern Lukas Klostermann und Marcel Halstenberg als zentrale Bausteine einer Viererkette die sinnvollste Option sein. "Wir sind jetzt zwei Spiele ohne Gegentor geblieben. Wenn wir das in den nächsten Spielen auch schaffen, sind wir happy", sagte Klostermann.

Was RB jedoch die größten Sorgen bereiten dürfte, ist, dass Tottenham mittlerweile den Mourinho-Fußball angenommen hat. Die Spurs spielen nicht sonderlich schön und haben nur in Ausnahmefällen mehr Ballbesitz als der Gegner. Am Ende gewinnen sie aber trotzdem.

Dieser Pragmatismus, der Siege über alles stellt, gibt dem Vorjahresfinalisten auch in der Königsklasse Hoffnung. "Ich bin guter Dinge. Unser Trainer war schon oft in der Situation und seine Erfahrung wird den Spielern helfen", sagte der frühere Nationalspieler und Tottenham-Verteidiger Ledley King. Dennoch werde Leipzig eine schwere Aufgabe sein.

Von der Qualität Leipzigs hatte sich Mourinho, der mit seinem neuen, äußerst kurzen Haarschnitt Gesprächsstoff lieferte, beim 0:0 in München persönlich ein Bild gemacht. "Das ist ein gutes Zeichen, dass ein Startrainer wie er das selbst macht. Er steht mit beiden Beinen auf dem Boden", meinte Nagelsmann. Er dürfte gespannt sein, welches Gesicht von Mourinho er kennenlernen wird. (lh/dpa)

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