Die deutsche Nationalmannschaft hat gegen Argentinien mit ihrem "neuen" Fußball eine Halbzeit lang alles im Griff, offenbart dann aber erneut Probleme in ihrer einstigen Spezialdisziplin.

Eine Kritik
von Uwe Berndt, Freier Autor

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Ein bisschen trostlos war das ja schon: Argentinien war zu Gast, es war ein sogenannter Klassiker verabredet zwischen der deutschen Nationalmannschaft und der Albiceleste, immerhin ja so etwas wie ein Dauerrivale der Deutschen. Nicht zufällig hatte der Deutsche Fußball-Bund Dortmund als Austragungsort für die Wiederauflage des WM-Finales von vor fünf Jahren gewählt, das Mekka des deutschen Fußballs und Heimstatt der ganz großen Spiele in der jüngeren Vergangenheit.

Womit die Verantwortlichen beim DFB nicht gerechnet hatten, war eine geradezu rätselhafte Verletzungs- und Krankheitswelle, die die eigene Mannschaft erfasste. Und weil auch bei den Gästen nicht nur Leo Messi fehlte, sondern ein gutes halbes Dutzend anderer Stammspieler, weil das Wetter wirklich mies war und der DFB offenbar nicht aus seinen Fehlern lernen mag, ergab sich ein eher tristes Bild: Nur 45.197 Zuschauer wollten die Partie live im Stadion verfolgen, mehr als 20.000 Plätze blieben frei. Bei Ticketpreisen zwischen 25 und 100 Euro allerdings auch kein Wunder.

Manchmal war es so ruhig in der Betonschüssel, dass man die Anweisungen der beiden Trainer auch auf der Gegengeraden hören konnte. Vielleicht lag das auch an den Eindrücken dieses beklemmenden Tages, vielleicht wäre eine Absage der Partie besser gewesen, nach dem, was ein paar Stunden zuvor in Halle an der Saale passiert war.

Es wurde aber gespielt und das aus deutscher Sicht sogar erstaunlich flüssig und flott. Die Rumpfelf ohne 13 Spieler fand schnell zusammen, auch die beiden Debütanten Robin Koch und Luca Waldschmidt fügten sich gut ein, ohne zu glänzen. Das war - mal wieder - einem anderen überlassen.

Erstmals kein Weltmeister in der Startelf

Serge Gnabry war der Spieler der ersten Halbzeit. Mit der Geschwindigkeit und Gewandtheit des Angrefers wussten die Gäste nichts anzufangen. Mehrere Male schnitt Gnabry einfach so durch die gegnerische Abwehr und unterstrich nicht nur seine derzeit beängstigend gute Form, sondern auch, dass er mit weitem Abstand der Spieler ist, der vom Umbruch und der von Joachim Löw proklamierten neuen Herangehensweise am meisten profitiert.

Das passte insofern ganz gut, weil die deutsche Mannschaft zum ersten Mal überhaupt keinen einzigen Weltmeister von 2014 mehr in ihren Reihen hatte. Nach über fünf Jahren war das auch das sichtbarste Zeichen der Umwälzungen. Vor allen Dingen die Offensivspieler nutzten die Bühne, um auf sich aufmerksam zu machen. Neben Gnabry durften auch Kai Havertz und Julian Brandt beginnen, von denen ja wahre Wunderdinge erzählt werden, die sie aber im DFB-Dress bisher noch nicht so zeigen konnten.

Gegen die ebenfalls im Umbruch befindlichen Argentinier zeigten die beiden ein paar Kostproben ihres Könnens, Havertz erzielte sogar ein Tor. Deutschland stand hinten sicher und konterte die Gäste einige Male blitzsauber aus. Es war also eine Halbzeit ganz nach dem Geschmack des Bundestrainers.

"Die erste Halbzeit haben wir sehr mutig gespielt, mit viel Tempo nach vorne", befand Löw nach dem Spiel am RTL-Mikrofon. Löw konnte tatsächlich auf eine bemerkenswerte Kadertiefe vertrauen und auf einen Emre Can, der eines seiner besten Spiele im Nationaltrikot machte und das als rechter Halbverteidiger.

"Ich bin der Meinung, dass wir eine überragende Mannschaft auf dem Platz hatten, obwohl viele Spieler absagen mussten. Gerade in der ersten Halbzeit hat man das gesehen", sagte Interimskapitän Joshua Kimmich, mit gerade einmal 24 Jahren, aber schon 45 Länderspielen der dienstälteste Spieler in der Startelf.

Das Ballbesitzspiel fehlt

Aber zur ganzen Wahrheit gehörte eben auch die zweite Halbzeit und da speziell die Phase ab der 60. Minute. Argentiniens Wechsel griffen, es entwickelte sich ein anderes Spiel und mit dem Anschlusstreffer von Lucas Alario kippte die Begegnung. Die Umstellung des Gegners hätte seine Mannschaft "nicht irritiert", sagte Löw und hielt sich stattdessen an einen Allgemeinplatz, der nicht nur schwammig war, sondern in der Analyse auch viel zu kurz griff: "Uns hat ein wenig der Mut gefehlt, weshalb wir nicht mehr in die Zweikämpfe gekommen sind."

Der Gegner oder die Zweikampfführung waren aber nicht das eigentliche Problem der deutschen Mannschaft. Sondern der Umstand, dass die Mannschaft auf dem Weg zu einer neuen Spielidee noch zwischen den Welten pendelt. Deutschland fehlte es in der zweiten Halbzeit an der nötigen Ruhe am Ball, am sicheren Ballbesitz- und Positionsspiel - also exakt an jenen Stilmitteln, die Löw nach dem WM-Debakel vor über einem Jahr nach und nach eindampfen will.

Vermutlich hätte die Mannschaft der Jahre 2012 bis 2018 sich solch ein Spiel nicht mehr entreißen lassen, weil Deutschland den Gegner schlicht kaputt kontrolliert hätte mit seiner Ballsicherheit. Nur war es nun aber mal wieder der Fall, dass die Spielkontrolle völlig weg war und der Gegner walten durfte.

Kimmich ist unzufrieden

"In der zweiten Halbzeit mussten wir für meinen Geschmack zu viel verteidigen", sagte Kimmich und sprach dann die entscheidenden Sätze: "In der zweiten Halbzeit haben wir zu früh die Bälle verloren, wir hatten auch nicht mehr so oft den Ball und kriegen hinten raus die zwei Tore. Das passiert uns in letzter Zeit öfters mit der Nationalmannschaft. Es war schon ein paar Mal der Fall, dass wir eine sehr gute erste und dann einer schwächere zweite Halbzeit gespielt haben."

In Spielen gegen die Niederlande gab Kimmichs Mannschaft schon doppelt den Sieg aus der Hand, jetzt gegen Argentinien wiederholte sich das Szenario erneut. Es bleibt Löws Königsdisziplin, das Beste aus zwei Welten zusammenzufügen.

Frankreich ist ja das Rollenmodell, die Benchmark, wie Oliver Bierhoff wohl sagen würde. Aber die Franzosen haben nicht nur flinke Angreifer, sondern auch eine überragende Körperlichkeit in ihrem Spiel und können sich selbst Pausen gönnen während der Partien - weil sie sich auf ihr Positionsspiel verlassen können.

Nur mit Konterfußball und Geschwindigkeit sind auf Topniveau jedenfalls kaum noch Spiele zu gewinnen. An einem wenig aufschlussreichen Abend war das vielleicht noch die wichtigste Erkenntnis.