Von der Fast-Insolvenz zur europäischen Spitzenmannschaft: Borussia Dortmund hat eine der erstaunlichsten Comeback-Geschichten des Fußballs hingelegt. Vor 15 Jahren entging der Verein nur knapp dem Absturz in die Kreisliga.

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Ein Jahresumsatz von 489,5 Millionen Euro, hochkarätige Spieler wie Jadon Sancho sowie Erling Haaland und jede Saison Titelambitionen - Borussia Dortmund zählt zu den Top-Vereinen von Europa. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass der BVB kurz vor der Pleite stand.

Als Hans-Joachim Watzke im Jahr 2005 seinen Dienst als Geschäftsführer antrat, war der Verein ein wirtschaftlicher Trümmerhaufen. "Für mich war damals die Frage, ob es uns in drei Monaten überhaupt noch gibt", erzählt er in der Amazon-Doku "Inside Borussia Dortmund".

Borussia Dortmund: 122 Millionen Euro Schulden

"Du hattest kein Geld, hattest 122 Millionen Euro Schulden, du spieltest in einem Stadion, das einem Commerzbank-Fonds gehörte. Die Mannschaft war auch nicht mehr gut, weil wir kein Geld hatten - es war ein Horror-Trip", führt Watzke fort.

Wie der Verein überhaupt so viele Schulden aufbauen konnte? Der Journalist und BVB-Experte Oliver Müller erklärt: "In der Mannschaft spielten relativ teure Profis wie Tomas Rosicky, Jan Koller oder Marcio Amoroso. Spieler, die die finanziellen Möglichkeiten von Borussia Dortmund überschritten, wenn sich der Verein nicht immer für die Champions League qualifiziert."

Der Super-GAU trat ein: Im August 2003 scheiterte der BVB in der Champions-League-Qualifikation am FC Brügge. Auch in den acht Spielzeiten danach verpasste Dortmund die "Königsklasse". Während die Einnahmen sanken, blieben die Kosten hoch - nicht nur für die Mannschaft, sondern zum Beispiel auch für den Stadionausbau. Die Zahlungsunfähigkeit stand unmittelbar bevor.

FC Bayern rettete Dortmund vor Zahlungsunfähigkeit

Ausgerechnet der FC Bayern München, eigentlich der große Konkurrent des BVB, half Dortmund in dieser Notsituation. Bayern-Präsident Uli Hoeneß verriet: "Als sie (die Dortmunder, Anm. d. Red.) mal gar nicht mehr weiter wussten und Gehälter nicht mehr zahlen konnten, haben wir ihnen ohne Sicherheiten zwei Millionen gegeben für einige Monate."

Es war eine Mammut-Aufgabe, Borussia Dortmund finanziell wieder auf eigene Beine zu stellen. Der Verein stellte im März 2005 ein Sanierungskonzept auf. Dieses musste allerdings von dem Stadioneigentümer abgesegnet werden. "Hätten die Fondszeichner nicht mit mehr als 75 Prozent unserem Sanierungskonzept zugestimmt, wäre an dem Tag Schluss gewesen", erzählt Watzke.

"Ich hätte am nächsten Morgen zum Amtsgericht gehen und Insolvenz anmelden müssen. Damals hätte das noch geheißen: sofortiger Abstieg, Kreisliga C." Statt des Absturzes in den Provinzfußball erfolgte die vielleicht erstaunlichste Comeback-Geschichte des deutschen Fußballs.

Schulden abgebaut, Stadion zurückgekauft

Innerhalb von nur fünf Jahren baute Borussia Dortmund Verbindlichkeiten von 125 Millionen Euro ab und kaufte das Stadion zurück. Auch der sportliche Erfolg kam wieder: 2011 gewann Dortmund die deutsche Meisterschaft, 2012 sogar das Double mit Meisterschaft und Pokal.

Eine Entwicklung, die nicht vorauszusehen war. Nach der Fast-Insolvenz hatte Watzke Borussia Dortmund zunächst einen Sparkurs aufgesetzt. Die alternden Top-Stars wurden abgegeben, der Spieleretat gekürzt.

"Sportlich war das sicherlich riskant, aber wirtschaftlich die einzige richtige Entscheidung", sagte Watzke später im "Handelsblatt". Im Ligabetrieb spielte Borussia Dortmund einst nur noch eine untergeordnete Rolle.

Mit Jürgen Klopp kam die Wende

Der Tiefpunkt in der Bundesliga: Die Saison 2007/2008 schloss der BVB lediglich auf dem 13. Tabellenplatz ab. Trainer Thomas Doll zog die Konsequenz und trat zurück. Sein Nachfolger: Jürgen Klopp.

"Ich war davon überzeugt, dass seine authentische Art gut zu uns und ins Ruhrgebiet passen würde", sagte Sportdirektor Michael Zorc gegenüber der "Frankfurter Allgemeine" zu der Verpflichtung von Klopp.

"Die Art, wie er Fußball spielen lässt, hatte mir zudem imponiert. Bei ihm hatten wir sofort den Eindruck, dass es genau passen könnte. Also waren wir relativ sicher, den richtigen Mann gefunden zu haben. Er hat diese Vermutung danach hundertprozentig bestätigt."

Vollgas-Fußball

Klopp stand vom ersten Tage an für Vollgas-Fußball. Seine Mannschaft sollte Druck auf den ballführenden Spieler ausüben und dann schnell kontern. Damit stellte der BVB ein Gegengewicht zum FC Bayern München dar, die auf Ballbesitzfußball setzten.

Auch wenn Klopp als der damalige Erfolgsgarant von Borussia Dortmund gilt, hatte auch die Nachwuchsabteilung und das Scouting des BVB großen Anteil daran. Eigengewächse wie Mario Götze, Kevin Großkreutz, Nuri Sahin oder Marcel Schmelzer und für wenig Geld verpflichtete Spieler wie Robert Lewandowski, Shinji Kagawa oder Mats Hummels entwickelten sich in Dortmund zu Superstars und brachten den Verein zurück auf die Landkarte des europäischen Spitzenfußballs.

Gleichwohl weiß Watzke, dass Dortmund mit dem Zeitpunkt des wirtschaftlichen und sportlichen Turnarounds auch Glück hatte: "Wäre die Finanzkrise (von 2007, Anm. d. Red.) zwei Jahre früher gekommen, hätte das das Aus bedeutet."

Verwendete Quellen:

  • Amazon-Prime-Doku: "Inside Borussia Dortmund"
  • WDR: "BVB: Zweithöchster Umsatz der Vereinsgeschichte"
  • Welt: "Wie Bayern Dortmund 2005 vor der Pleite rettete"
  • Handelsblatt: "Frühere Finanzkrise hätte das Aus bedeutet"
  • Frankfurter Allgemeine: "Wir schielen nicht einmal zu den Bayern"
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