Der Abgang von Jérôme Boateng beim FC Bayern war schon beschlossene Sache. Doch jetzt kommt noch mal Bewegung in die Personalie. Es gibt gute Argumente, warum der FC Bayern den Vertrag des Weltmeisters von 2014 schnell verlängern sollte.

Steffen Meyer
Eine Kolumne
von Steffen Meyer
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Kaum jemand ist beim FC Bayern wohl schon so oft abgeschrieben worden wie Jérôme Boateng. Zu alt. Zu langsam. Nicht mehr motiviert genug.

Viele Urteile waren hart. Manche hatten einen wahren Kern. Mehrfach stand er in München vor dem Aus.

Vor drei Jahren hätte wohl niemand mehr darauf gewettet, dass Boateng im Frühjahr 2021 zum Stammpersonal des Rekordmeisters zählt. Geschweige denn, dass in München eine Diskussion läuft, ob der Vertrag nicht sogar verlängert werden sollte.

Boateng eine Bank in der Bayern-Defensive

Boateng ist derzeit eine Bank in einer ansonsten unsicheren Defensive. Am Samstag brachte er die Münchner in der Bundesliga gegen die TSG Hoffenheim (4:1) mit seinem ersten Bundesligatreffer seit drei Jahren auf die Siegerstraße. Es wäre fahrlässig vom FC Bayern diesen Boateng ziehen zu lassen.

Um es klar zu sagen: Boateng ist mit 32 Jahren nicht mehr der Spieler der Jahre 2013 bis 2015, als er mit Sicherheit zu den besten und komplettesten drei bis fünf Innenverteidigern der Welt zählte. Aber Boateng hat einen Weg gefunden, seine Spielweise weiterzuentwickeln.

Die nachlassende physische Dominanz früherer Jahre muss er mit besserem Stellungsspiel kompensieren. Auf der anderen Seite ist die Ungeduld früherer Jahre einer neuen Gelassenheit und Schnörkellosigkeit gewichen, die einem Starensemble wie den Münchnern sehr guttut.

Er spielt weniger Pässe und vor allem deutlich weniger lange Bälle als früher. Dafür ist seine Erfolgsquote in den vergangenen beiden Jahren mit über 88 Prozent so gut und sicher wie noch nie.

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Müller für Boateng-Verbleib

Boateng gehört mit Manuel Neuer, Javi Martinez, Thomas Müller und David Alaba in München zu einer kleinen Gruppe von Spielern, die bereits zwei Mal die Champions League gewonnen hat. Gemeinsam mit Neuer und Müller gewann er auch den Weltmeistertitel 2014.

Vor allem Müller und Boateng könnten unterschiedlicher kaum sein und haben dem Rekordmeister doch im vergangenen Jahrzehnt jeweils auf ihre Art ihren Stempel aufgedrückt. Kein Wunder also, dass auch Müller sich bereits öffentlich für Boateng positioniert hat.

"Jerome ist schon lange an meiner Seite - und es schadet auch nichts, wenn er noch länger auf mich aufpasst", sagte Müller am Mikro des TV-Senders "Sky" nach der Partie gegen den FC Schalke am 18. Bundesliga-Spieltag. Das war scherzhaft gemeint, wird aber in München genau registriert.

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Die Defensive der Münchner, die in dieser Saison einige Probleme hatte, steht im Sommer vor einem Umbruch. Alaba wird den Verein aller Voraussicht nach verlassen. Bei Niklas Süle gehen die Meinungen über seine Leistungsfähigkeit derzeit etwas auseinander.

Lucas Hernandez hat bisher immer noch nicht konstant Fuß fassen können. Alphonso Davies kämpft derzeit mit gewaltigen Formproblemen und bei Benjamin Pavard stellt sich über kurz oder lang die Frage, ob das Dauerexperiment auf der Rechtsverteidigerposition eigentlich die beste Lösung für alle Beteiligten ist oder ob es nicht einen spielstärkeren Außenverteidiger braucht.

Pavard könnte dann verstärkt ins Zentrum der Viererkette rücken. Der 18-jährige Tanguy Nianzou wird derweil mit Vorschusslorbeeren überschüttet, konnte bisher auch verletzungsbedingt aber wenig zeigen. Gerüchte um eine Verpflichtung von Leipzigs Dayot Upamecano halten sich derweil nachhaltig.

Boateng könnte gerade im Umbruch ein wichtiger Faktor werden

Das sind sehr, sehr viele Ungewissheiten für einen Klub, der jedes Jahr den Anspruch hat in drei Wettbewerben um den Titel mitzuspielen. Boateng kennt das System in München. Wenn Alaba geht, ist er der mit Abstand erfahrenste und kampferprobteste Abwehrspieler.

Und er zeigt derzeit Woche für Woche, dass er nicht nur nach wie vor mithalten kann, sondern ein stabilisierender und gewinnbringender Faktor ist. Darauf sollten die Münchner beim Neuaufbau der zukünftigen Defensive nicht freiwillig verzichten. Boateng wäre gerade in einem solchen Umbruch Gold wert.

Inzwischen hat sich Bayern-Vorstand Hasan Salihamidžić öffentlich immerhin zu ergebnisoffenen Gesprächen mit Boateng bekannt. Ein wichtiger Faktor wird sicherlich die Gehaltsfrage sein.

Boatengs Verhandlungsposition verbessert sich

Boatengs laufender Vertrag wurde 2015 geschlossen. Da war Boateng mit 27 auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft und der Fußball weit weg von einer Corona-Pandemie, die auch am FC Bayern nicht spurlos vorbeigeht. Boateng wird in diesem Jahr 33. All das wird sich in einem möglichen Angebot der Münchner widerspiegeln.

Vielleicht sollten die Münchner deshalb auch aus eigenem Interesse nicht allzu lange warten, um Boateng doch noch über den Sommer 2021 hinaus in München zu halten. Denn wenn er so weiterspielt wie aktuell und sogar Tore schießt wie am Wochenende, verbessert sich ausschließlich seine Verhandlungsposition.

Nicht nur deshalb: Der FC Bayern sollte sich einen Ruck geben und mit Boateng verlängern.

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