Der Anteil von Hansi Flick am Erfolg des FC Bayern ist nicht hoch genug zu bewerten. Ohne ihn stünde der FC Bayern höchstwahrscheinlich nicht kurz vor dem Gewinn der Champions League.

Steffen Meyer
Eine Kolumne
von Steffen Meyer
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Wenn alles normal gelaufen wäre, säße Hansi Flick am Sonntag wohl irgendwo in der Rhein-Neckar-Region und würde den Kampf um die Krone in der Champions League aus der Ferne verfolgen. Und wenn alles normal gelaufen wäre, hätte der FC Bayern dabei wahrscheinlich nur eine Nebenrolle gespielt.

Im Fußball läuft es aber oft nicht normal. Und so steht Flick mit dem FC Bayern kurz vor einem historischen Erfolg in der Geschichte des Klubs. Das zweite Triple nach 2013 ist zum Greifen nah. Eine Entwicklung, die noch vor etwas mehr als einem Jahr weder für den Klub noch für den 55-Jährigen absehbar war. Heute ist sie für alle Seiten ein Glücksfall. Denn Flick ist der Architekt des Münchner Erfolgs.

Dass es überhaupt dazu kam, war nicht gerade logisch und folgerichtig, sondern eher eine Verkettung von Zufällen und Misserfolgen. Denn eigentlich war Flicks Plan mal ein ganz anderer. Nach seiner erfolgreichen Zeit als Co-Trainer und Sportdirektor beim DFB unterschrieb Flick im Sommer 2017 einen langfristigen Vertrag bei der TSG Hoffenheim. Nicht als Trainer, sondern als Geschäftsführer Sport. Für fünf Jahre ‒ also bis 2022 ‒ verpflichtete er sich damals bei der TSG, die bei seiner Ankunft noch von Julian Nagelsmann trainiert wurde. Flick sollte eine Ära prägen, den Klub ins nächste Jahrzehnt führen. Am Ende scheiterte diese mit großen Vorschusslorbeeren begonnene Partnerschaft schon nach wenigen Monaten. Es passte nicht so recht.

Flicks Aufgabenbeschreibung war unklar. Es ruckelte hinter den Kulissen. Die Episode wurde als peinliches Missverständnis bewertet, auch weil sich alle Seiten über die genauen Gründe ausschwiegen. Flicks guter Ruf, den er sich vor allem als fleißiger, mannschaftsdienlicher Co-Trainer von Jogi Löw erarbeitet hatte, bekam ein paar Kratzer.

Flick ersetzt Kovac schon nach wenigen Monaten

Nur, weil Flick in Hoffenheim so schnell und überraschend scheiterte, war er wenige Monate später frei, als der FC Bayern für die Saison 2019/2020 einen Co-Trainer für Niko Kovac suchte. Der ehemalige Assistent von Jupp Heynckes, Peter Hermann, zog sich zurück und Bayern landete bei der Suche nach einem Nachfolger bei Flick. Der kennt nicht nur viele Spieler aus der Nationalmannschaft, sondern spielte in den 80ern auch selbst fünf Jahre in München. Das Paket stimmte also und für Flick bot sich die Möglichkeit, wieder näher an einer Mannschaft zu arbeiten als bei seinen letzten Stationen in Hoffenheim und als Sportdirektor beim DFB.

Flick ordnete sich in München unter und arbeitete Cheftrainer Kovac zu. Loyal und im Hintergrund. So, wie jahrelang bei Jogi Löw. Bayern jedoch spielte im Herbst phasenweise grauenhaften Fußball. Nach einer Niederlage gegen Hoffenheim in der Liga vermieden die Münchner nur knapp Blamagen gegen Piräus in der Champions League und in Bochum im Pokal. Als der FC Bayern dann am 2. November am Tiefpunkt der kurzen Kovac-Ära 1:5 gegen Frankfurt verlor, zogen die Münchner Bosse die Reißleine. Kovac musste gehen und Flick sollte die Mannschaft, die zu diesem Zeitpunkt nur Tabellenvierter war, eine Woche vor dem Spitzenspiel gegen Dortmund als Interimscoach stabilisieren. Auch, weil ad hoc kein anderer Top-Trainer für die Bayern verfügbar war.

Zum ersten Mal seit 15 Jahren, als Flick die TSG Hoffenheim als Trainer in die Regionalliga führte, stand er damit als Chefcoach in der Verantwortung. Und was Flick aus dieser Herausforderung machte, könnte als eine der beeindruckendsten Trainer-Leistungen in die Fußball-Geschichte eingehen.

Flick richtet Bayern wieder auf

Vom ersten Spiel an sah man den positiven Einfluss von Flick. Wirkte die Mannschaft unter Kovac noch verunsichert, schlecht ausbalanciert und abgesehen von einer ordentlichen defensiven Organisation ohne klare Spielidee, impfte Flick dem Team sofort Selbstvertrauen und vor allem klare taktische Prinzipien ein.

Flick etablierte eine Spielphilosophie im 4-3-3 oder 4-2-3-1 mit klaren Strukturen, aber gleichzeitig Freiheit für die einzelnen Mannschaftsteile. Mehr Abschlüsse, mehr Tore, weniger Gegentore. Der Flick-Effekt wurde schnell sichtbar. Vor allem das deutlich besser organisierte Pressing der Münchner veränderte das Spiel zum Positiven. Bayern erlaubte den Gegnern weniger Pässe bis zu einem Ballgewinn, gewann Bälle deutlich höher und schloss schneller nach Ballgewinn ab. Alles Effekte des aggressiveren Pressings als zuvor unter Kovac. Das ist für eine Mannschaft zwar mehr Aufwand, erleichtert aber auf der anderen Seite das Spiel, wenn die Wege zum Tor gegen häufig tiefstehende Gegner kürzer und direkter werden.

Dazu etablierte Flick an verschiedenen Orten des Spielfelds stärkere Dreiecksbildungen durch bessere Halbraumbesetzungen, die es den spielerisch starken Bayern ermöglichen, sich durch Überzahlsituationen beinahe mühelos aus Drucksituationen zu befreien.

Auch individuell machte Flick die Bayern stärker. Thomas Müller spürt wieder das Vertrauen für sein unorthodoxes Spiel und bereitete laut "transfermarkt.de" so viele Tore vor wie noch nie. Jerome Boateng agiert wieder sicher und stark wie zuletzt vor Jahren. Und auch die Breakout-Saison von Alphonso Davies kam nicht von ungefähr. Es ist ein wiederkehrendes Muster in Bayerns Spiel, zunächst die rechte Seite zu überlagern, den Gegner dorthin zu locken, und dann durch eine schnelle Spielerverlagerung auf die linke Seite Davies den Raum zu ermöglichen, die er für seine spektakulären Sprintvorstöße nutzen kann.

Die Verbesserungen in Bayerns Spiel waren so eklatant, dass die Münchner Bosse Flick frühzeitig vom Interimscoach zum Cheftrainer beförderten und ihn mit einem Vertrag bis 2023 ausstatteten. Auch die Mannschaft hatte sich früh öffentlich für eine dauerhafte Zusammenarbeit mit Flick ausgesprochen. Das sprach Bände.

FC Bayern: Nur noch ein Schritt bis zum großen Triumph

Nun steht Flick vor seinem Meisterstück. Seit dem Restart des Spielbetriebs tritt die Mannschaft gierig auf wie seit Jahren nicht mehr. Zu dem guten, variablen Spielsystem kam in den vergangenen Monaten auch eine wahnsinnige Intensität im Spiel hinzu, die zum Beispiel den FC Barcelona vor wenigen Tagen im Viertelfinale komplett an die Wand drückte.

Die Mannschaft, die gespickt ist mit Spielern, die alle Titel des Weltfußballs bereits gewonnen haben, rennt, schreit, fightet, als ginge es um den ersten Pokal ihrer Karriere. Diese Mischung aus spielerischer Qualität, taktischer Finesse und extremer Intensität zeichnet diese Mannschaft aus. Es ist diese Mischung, die eine Siegesserie von 20 Siegen in Folge und ein historisches 8:2 gegen Barcelona ermöglicht hat. Die Spieler mögen dieselben sein wie vor einem Jahr unter Kovac, doch die Mannschaft ist trotzdem nicht wiederzuerkennen. Im positivsten Sinne. Das ist vor allem Flicks Verdienst. Unabhängig davon, wie das Finale am Sonntag ausgeht.

Denn so ein Finale ist kaum berechenbar. Wenn es normal läuft, dürften die Bayern in der Form der letzten Wochen am Ende den Titel tatsächlich nach München holen. Ausruhen sollte sich darauf jedoch keiner. Denn im Fußball und im Leben läuft es oft nicht normal. Dass Hansi Flick nun als Cheftrainer des FC Bayern nach Pokalsieg und Meistertitel im Finale der Champions League steht, ist dafür der beste Beweis.

Verwendete Quellen:

  • transfermarkt.de: Leistungsdaten Thomas Müller

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