Drei Spieltage vor Saisonende steckt der HSV wieder in der Krise. Sportchef und Spieler sprechen von einer plötzlichen Müdigkeit. Selbst Trainer Gisdol wirkt ratlos. Hoffnung macht einzig und allein das günstige Restprogramm.

Vor gut drei Wochen schien der Hamburger SV den Klassenerhalt fast sicher zu haben.

Sie waren seit neun Heimspielen ungeschlagen, hatten sogar Bayern-Bezwinger TSG Hoffenheim besiegt und vier Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz.

Auf die Frage einer Journalistin, ob beim HSV nun der Schlendrian einkehren könnte, reagierte Trainer Markus Gisdol genervt. "Hier wird keiner die Spannung verlieren, das ist ganz sicher", versprach er.

Die Realität sieht anders aus: Der HSV ist der einzige Bundesligist, der die vergangenen drei Spiele allesamt verloren hat.

Das 0:4 beim FC Augsburg am Sonntag war ein Debakel. Die Mannschaft zeigte keinen Willen, keine Aggressivität und kein Zusammenspiel.

Selbst Sportchef Jens Todt sagte bei Sky 90: "Es ist denkbar, dass die Mannschaft, nachdem sie sich über Monate hochgefahren und gute Ergebnisse eingefahren hat, nun etwas kopfmüde ist."

Rückkehr zum Relegationsplatz

Ein kleiner Rückblick: Obwohl der HSV im Sommer rund 33 Millionen Euro in neue Spieler investiert hat, legten sie einen katastrophalen Fehlstart hin. Die ersten zwölf Spieltage gelang kein einziger Sieg. Hamburg schien der sichere Absteiger zu sein.

Plötzlich aber erwachte der "Bundesliga-Dino" zum Leben. Europa-Anwärter wie RB Leipzig, Hertha BSC und der 1. FC Köln wurden bezwungen.

Doch das ist Vergangenheit. Der HSV ist nach der Klatsche in Augsburg zurück auf dem Relegationsplatz.

Auch Verteidiger Mergim Mavraj erklärt das mit einer gewissen Müdigkeit: "Die letzten Wochen haben viel Kraft gekostet, um wieder Anschluss zu finden. Das haben wir in den letzten drei Spielen gesehen."

Leistungseinbrüche und Verletzungsprobleme

Bei fast allen Leistungsträgern ging die Form rapide nach unten. Ein Paradebeispiel dafür ist Stürmer Bobby Wood.

Nach seinen starken Leistungen im Winter stand er laut Medienberichten auf dem Einkaufszettel von Borussia Dortmund.

Wood wechselte vorsichtshalber schon einmal die Agentur, hat nun den gleichen Berater wie Toni Kroos und Marco Reus.

Möglicherweise vergaß er dabei, sich auf den Fußball zu konzentrieren. Wood gelang seit der Winterpause nur ein einziges Bundesligator.

Hinzu kommen die Verletzungsprobleme: Torwart René Adler zog sich einen Rippenbruch zu und wird mindestens noch ein Spiel verpassen.

Top-Scorer Nicolai Müller (Knie) wird frühestens zum letzten Saisonspiel zurückkehren. Mittelfeldspieler Albin Ekdal kommt diese Saison gar nicht mehr zum Einsatz.

Der Spielplan als letzte Rettung?

Trainer Markus Gisdol scheint fast ein wenig ratlos zu sein, wie er den plötzlichen Negativlauf stoppen soll.

Noch vor einer Woche schloss er ein Kurz-Trainingslager aus. "Die Mannschaft funktioniert ja", sagte er.

Nun plötzlich die Kehrtwende: Ein Trainingslager könnte am Donnerstag beginnen.

Solche Reaktionen sind die typische Maßnahme für einen Verein, der mental am Boden ist.

Für eine Rettung des HSV spricht eigentlich nur der Spielplan: Im Gegensatz zu den Konkurrenten Augsburg, Mainz und Wolfsburg haben die Hamburger noch zwei Heimspiele vor der Brust – und das auch noch gegen die Mitbewerber um den Klassenerhalt.

Sonntag findet das Heimspiel gegen den 1. FSV Mainz 05 statt.

Danach folgen das Auswärtsspiel beim FC Schalke 04 (13.5.) und das Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg (20.5.). Letzteres Duell könnte das große Finale um den Klassenerhalt werden.

Todt bleibt zuversichtlich: "Die Mannschaft hat es bereits einmal gedreht und sie kann es noch einmal drehen."

Abstiegskampf als Vereinspolitik

Dass der Hamburger SV innerhalb der letzten sechs Jahre nun bereits zum vierten Mal im Abstiegskampf steckt, führt der Ex-Spieler Marcell Jansen auf die Vereinspolitik zurück.

"Beim HSV wurde immer nur auf den Ist-Zustand reagiert", sagte er bei Sky 90. Eine Grundvision habe immer gefehlt.

"Für eine Vision müsste es Leute geben, die so etwas planen. Aber ich war sieben Jahre beim HSV und hatte 14 verschiedene Trainer. Das war alles ohne Automatismen und Planbarkeit."

Im Gegensatz zu anderen Vereinen gelang es dem HSV auch nie, eigene Talente zu entwickeln.

Das soll sich ändern: In wenigen Wochen wird direkt am Stadion der HSV-Campus eröffnet.

Dank einer großzügigen Spende wurden mehr als zehn Millionen Euro investiert, um den Nachwuchs gute Voraussetzungen zu bieten.

Viel Geld für einen Verein, der möglicherweise schon bald in der 2. Bundesliga spielt.