Der FC Bayern München hat in seiner ruhmreichen Geschichte bereits 63 nationale und internationale Titel gewonnen, Erzrivale Borussia Dortmund ganze 15. Worum also sollte ein Fan der Bayern einen des BVB beneiden? Was umgekehrt mehr Sinn ergibt, führt zu einer verblüffenden Antwort.

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Die Rivalität zwischen dem FC Bayern München und Borussia Dortmund ist die große Konstante der beiden letzten Dekaden im deutschen Fußball. Sie geht so weit, das Duelle der beiden Klubs - in Anlehnung an die Begegnungen zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona in Spanien - als deutscher "Clásico" angepriesen werden.

Es gab unzählige unvergessene Duelle, enge Pokalschlachten und als bisherigen Höhepunkt das Aufeinandertreffen im Champions-League-Finale 2013. Dass die Bayern unter dem Strich öfter gewinnen und mehr Titel einfahren, nervt Fans des BVB. Diese Erfolge machen mitunter neidisch. Aber auch Fans des FC Bayern entdecken am Erzrivalen Seiten, die ihnen gefallen. Wir haben unsere beiden Kolumnisten dazu befragt.

Worum ich den BVB manchmal beneide:

Auch, wenn der FC Bayern in den letzten Jahren fast immer die Oberhand behielt, ist das Duell nach wie vor ein besonderes. Als Bayern-Fan ist man es gewohnt, nicht nur gegen den Gegner, sondern im Prinzip gegen die gesamte Fußballnation zu spielen. Alle, die es nicht mit dem FC Bayern halten, wünschen sich auch am kommenden Samstag, dass der Rekordmeister mal wieder wackelt. Mit Ausnahme der Schalke-Fans vielleicht.

Als Fan des Rekordmeisters ist man das gewöhnt. "Das ganze Stadion wird gegen uns sein. Bis auf die Bayern-Fans wird ganz Deutschland wird gegen uns sein. Etwas Schöneres gibt es nicht." So hat es der heutige Bayern-Vorstand Oliver Kahn einmal zusammengefasst, als er noch für den Verein im Tor stand. Es trifft ziemlich genau das Lebensgefühl vieler Bayern-Anhänger. Erst recht, wenn es gegen Dortmund geht.

Und trotzdem ist da etwas, um das ich die Borussia heimlich beneide. Egal, wie stark die Mannschaft spielt, egal, wieviel Geld der Klub inzwischen in die Mannschaft investiert: Die Dortmunder haben es geschafft, bis heute eine Art Underdog-Rolle einzunehmen, die es ihnen erlaubt, in etwas ruhigerem Umfeld zu arbeiten als in München.

Während beim FC Bayern jede Niederlage eine Krise auslöst, kann in Dortmund auch schonmal ein zweiter oder dritter Tabellenplatz als Erfolg gelten, wenn die Mannschaft sich in der Zwischenzeit weiterentwickeln konnte. In München ist das undenkbar. Und selbst, wenn die Ergebnisse in München stimmen, gibt es immer irgendein großes Drama, das den Bayern-Kosmos unter Strom hält. So wie aktuell der Streit um die Zukunft von David Alaba im Klub.

Unter Jürgen Klopp trieb Borussia Dortmund die von mir angesprochene Underdog-Attitüde auf die Spitze. Obwohl er 2011 und 2012 in der Bundesliga früh auf dem Weg zum Titel war, schaffte es Klopp beinahe, seine Mannschaft selbst in Spielen gegen Freiburg oder Augsburg in eine Außenseiterrolle zu reden. Trotz großen Vorsprungs in der Tabelle ließ es Klopp als mittleres Wunder erscheinen, dass die Dortmunder auch am Ende vorn stehen könnten.

Auch die Spielweise unter Klopp mit weniger Ballbesitz und jagendem Angriffspressing passte dazu. All das nahm damals extrem viel Druck von der Mannschaft und vom gesamten Verein. Ein wichtiger Faktor dafür, dass die junge Dortmunder Mannschaft damals die Nerven behielt und zwei Meisterschaften in den Westen holte. So jedenfalls wirkte es auf mich.

Heute ist das sicherlich nicht mehr so extrem wie zu Klopps Zeiten. Die Rückkehr von Matthias Sammer nach Dortmund - wenn auch nur in beratender Funktion - habe ich durchaus als kleinen Richtungswechsel in dieser Frage bewertet. Von der Underdog-Rolle hält Sammer nicht viel. Er spielt mit offenem Visier und treibt an. Trotzdem ist zum Beispiel beim jährlichen Eiertanz um die Frage nach den Saisonzielen zu spüren, dass der BVB sich trotz gestiegener Ansprüche und Transferausgaben in der Rolle des Underdogs immer noch einen Tick wohler fühlt.

Bitte nicht falsch verstehen: Das "Mia san mia" der Bayern und der klare Anspruch, in jedem Jahr um jeden Titel zu spielen, ist ein wichtiger Teil der Identität des Klubs, den ich absolut nicht aufgeben oder eintauschen möchte. Und doch habe ich den BVB und seine Fans manchmal darum beneidet, ohne den ganz großen Druck aus der Underdog-Rolle heraus angreifen zu können.

Doch wenn ich ehrlich bin, glaube ich nicht, dass sich an der Rollenverteilung zwischen dem Platzhirschen aus München und dem Herausforderer aus Dortmund über kurz oder lang etwas ändern wird. Und als Bayern-Fan kann mir das am Ende des Tages auch durchaus recht sein.

Worum ich den FC Bayern nicht nur manchmal beneide:

Zugegeben, als BVB-Fan ist man viel zu stolz, um zuzugeben, dass man in der ein oder anderen Hinsicht auch mal neidisch in den Süden blickt. Am Verhältnis zum FC Bayern scheiden sich ohnehin die Dortmunder Geister: Für die meisten ist und bleibt der FC Schalke Rivale Nr. 1. Der sportliche Niedergang der Schalker und die langjährige Konkurrenzsituation zwischen dem BVB und den Bayern haben allerdings dazu geführt, dass die Münchener auf der Rivalitätsskala weiter nach oben gerutscht sind.

Nun soll es aber gerade nicht darum gehen, den Konkurrenten schlechtzureden, sondern positive Aspekte hervorzuheben, um die ich den FC Bayern beneide. Intuitiv denkt man natürlich über verschiedene Spieler nach und überlegt sich, welchen Münchener man doch heimlich mal gerne in Dortmund sehen würde. Nun, ihren besten Spieler haben die Bayern ohnehin von uns, von daher können sie Robert Lewandowski ruhig behalten.

Aber man landet unweigerlich bei der Sorte Fußballer, die bei der eigenen Mannschaft Kultstatus genießen, aber bei jedem gegnerischen Fan größte Abneigung hervorrufen. In Bezug auf die Bayern sind das natürlich Typen wie Thomas Müller oder Joshua Kimmich (oder in der Vergangenheit Arjen Robben und Franck Ribéry). Aber je mehr ich über diese Spieler nachdenke, desto mehr wird mir klar, welche dahinterstehende Eigenschaft ich eigentlich beneide: ihre Gewinnermentalität.

Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Mit dem bajuwarisch-arroganten "mia san mia" kann ich nicht wirklich viel anfangen. Aber mit welcher Gier nach Erfolg und mit welchem Selbstbewusstsein der FCB seinem Tagesgeschäft nachgeht, das wünschte ich mir gelegentlich schon für meine Borussia - weil genau diese Einstellung dem BVB noch fehlt, um ernsthaft um Titel mitzuspielen.

Ein Paradebeispiel: Saison 2018/19, 28. Spieltag. Der BVB reist als Tabellenführer nach München zum Spitzenspiel. Man wurde souverän Herbstmeister, hatte einen üppigen Vorsprung auf die Bayern, der peu a peu wegschmolz. Ein klassisches Sechs-Punkte-Spiel also. Im Gästeblock des Münchener Stadions blicke ich auf die einlaufenden Mannschaften und sehe Thomas Müller ekstatisch auf und ab springen und seine Kollegen einheizen, während die Dortmunder Spieler mit gesenktem Kopf den Platz betreten. Noch bevor ich zu meinem Kumpel "das wird heute nichts" sagen kann, klingelt es in der zehnten Minute schon im Dortmunder Kasten. Endstand: 5:0.

Es sind diese Momente, in denen der FCB ein Spiel gegen uns gefühlt schon im Spielertunnel gewonnen hat. Entscheidend ist: das ist keine Einstellung, die nur durch einzelne Spieler gelebt wird, sondern eine Kultur, die sich von der Vereinsführung über den Trainerstab bis zu den Sportlern durch den ganzen Klub zieht. Wenn ich mir also eine Sache von den Bayern aussuchen könnte, dann dieses Selbstbewusstsein. Vielleicht würde dann auch die eine oder andere Schale mal nach Dortmund wandern.