• England scheitert einmal mehr und natürlich versagen die Three Lions im Elfmeterschießen.
  • Gareth Southgate steht deshalb in der Kritik.
  • Der Trainer nimmt die Schuld auf sich – und lässt seine Zukunft offen.
Eine Analyse
von Stefan Rommel

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Die Fallhöhe war schon vor dem Anstoß auf ein besonders ungesundes Maß angewachsen. Die erste Chance auf einen großen Titel nach 55 Jahren, schon wieder ein Heimspiel am Mythos-Ort Wembley, über 60.000 Fans im Stadion und eine ganze Nation hinter sich und die Aussicht, all die Leiden, Enttäuschungen und Demütigungen eines halben Jahrhunderts mit einem einzigen Spiel vergessen zu machen: Das war die Ausgangslage für die englische Nationalmannschaft und ihren Trainer Gareth Southgate vor dem EM-Endspiel gegen Italien.

Und natürlich wollten es die Fußballgötter so, dass England den Weg zur Erlösung über ein Elfmeterschießen gehen musste. Wie eigentlich immer, wenn sich die Dinge zuspitzen und die Three Lions mit dabei sind. Das Elfmeterschießen zu gewinnen und damit die Dämonen der Vergangenheit für alle Zeiten zu erlegen, das wäre die ultimative Befreiung gewesen und nach dem Sieg über Deutschland der letzte Beweis: England hat abgeschlossen mit der Vergangenheit. Das Land wäre besoffen gewesen, nicht nur für eine Nacht oder zwei. An diesem Abend in Wembley hätte sich die Nation Jahre oder noch länger gelabt.

Englands Risiko mit der Risikovermeidung

Aber England hat das Elfmeterschießen nicht gewonnen. England hat das Spiel nicht gewonnen und England ist auch nicht Europameister. Platz zwei, vorbei am großen Ziel. Es gibt jetzt die Theorie, dass man schon nach dem ersten Spieltag dieser Europameisterschaft den späteren Triumphator hätte erkennen können. Die Italiener spielten den attraktivsten Fußball und das vom Eröffnungsspiel an bis zum Finale. In einer anderen These sehen sich nun jene bestätigt, die immer auch ein bisschen misstrauisch auf die Auftritte der Engländer schauten.

Denn so, wie die Three Lions gegen Kroatien ins Turnier gestartet waren, so beendeten sie die erst 90 und dann 120 Minuten in ihrem letzten Spiel gegen Italien. England hatte nach einem fulminanten Start und einem frühen Tor das Spiel vor sich liegen und konnte nun mit einer Führung im Rücken den Verlauf ganz nach eigenem Gusto bestimmen. Aber wie im ersten Spiel gab Gareth Southgates Mannschaft das Heft des Handelns aus der Hand. Gegen die Kroaten ging das gut, Italien bestrafte die Zurückhaltung der Three Lions aber.

Es war Southgates großer Plan, dieses Turnier auch vor eigenem Publikum mit einem gewissen Außenseiter-Fußball gewinnen zu wollen. Mit einer eher reaktiven Spielweise, mit viel defensiver Absicherung und Körperlichkeit. Für die vielen Kreativspieler und Dribbler blieb da fast kein Platz mehr. Und wenn die dann doch mal auf dem Feld stehen durften, blieben sie in ihren Gestaltungsmöglichkeiten beschnitten. Southgate beschritt einen ungeheuer schmalen Grat, aber der Erfolg gab ihm Recht. Und spätestens mit dem Sieg über die deutsche Mannschaft wurde der Plan des Trainers auch von den Fans goutiert.

England wollte den Trend der letzten großen Turniere fortsetzen und sich selbst die Hauptrolle dabei zuschanzen. Bei der letzten Europameisterschaft mogelte sich Portugal irgendwie ins Finale und bestand auch da mit seiner sehr defensiven Spielweise, zwei Jahre später bei der WM in Russland rührte Frankreich hinten Beton an und schickte vorne seine Sprinter los. Der Umschaltfußball behielt die Oberhand, Southgate drückte auch seine Mannschaft in ein ähnliches Korsett.

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England wählt die falsche Strategie

Aber statt nach dem Treffer von Luke Shaw nach 117 Sekunden seiner Mannschaft einen angepassten Plan an die Hand zu geben, ihr mit der neuen Situation und nach den Umstellungen der Italiener Hilfestellung zu leisten oder vielleicht sogar eine aktive, offensive Marschroute auszugeben, verordnete Southgate seiner Truppe das Rezept der letzten Wochen: Defensivfußball. Southgate wollte seine Verteidigungskünstler das Spiel beenden lassen, für seine Dribbler hatte er eine andere Aufgabe vorgesehen.

England schoss nach dem Führungstreffer über 50 Minuten lang nicht mehr auf das italienische Tor, sammelte dann nach 90 Minuten vier Torschüsse. Italien hatte 14. Am Ende der Verlängerung stand es 19 zu sechs. In der zweiten Halbzeit brach der Ballbesitz der Engländer teilweise deutlich unter 30 Prozent ein, was Italien immer noch mehr Spielkontrolle gab und die Azzurri erst so richtig in ihr Positionsspiel finden ließ. Während England die Partie immer noch mehr aus den Fingern glitt und von außen vom Trainerteam auch kaum Impulse kamen, daran wieder etwas zu ändern.

Southgate nimmt die Niederlage auf seine Kappe

Knapp fünf Minuten vor dem Ende der Verlängerung machten sich Marcus Rashford und Jadon Sancho bereit für ihre Einwechslung und als die beiden auf der Videoleinwand zu sehen waren, ging noch einmal ein lautes Raunen durchs Stadion. Eingewechselt wurde beide dann aber erst 15 Sekunden vor dem Abpfiff. Rashford hatte zwei Ballkontakte und ein Tackling, durfte zudem einen Einwurf ausführen. Sancho berührte zweimal den Ball - ehe es ins Elfmeterschießen ging und damit zur ultimativen Entscheidung, bei der beide eine tragende Rolle einnehmen sollten.

Denn ausgerechnet da, wo jeder einzelne Schuss irreversible Folgen haben kann, ging der ansonsten immer auf Sicherheit bedachte Southgate volles Risiko. Rashford und Sancho waren kalt, als sie zur Ausführung schritten. Zwei Spieler, die an diesem Abend nur ein paar Sekunden auf dem Platz standen und im gesamten Turnier vom Trainer geflissentlich übersehen worden waren. Southgate benötigte die beiden für sein Vorhaben allenfalls in Statistenrollen, nun sollten sie plötzlich in eine Hauptrolle schlüpfen.

Die Engländer probten seit letzten Herbst den Ernstfall, nach nahezu jeder Einheit der Nationalmannschaft gab es ein abschließendes Elfmeterschießen. In den letzten Tagen hätten Rashford und Sancho den besten Eindruck gemacht im Training, so Southgate - vor null Zuschauern und ohne Druck. Nun lag die Last einer ganzen Nation auf ihren Schultern. Trotzdem konnte man die Wahl von Rashford und Sancho als Schützen Nummer drei und vier vielleicht noch nachvollziehen - aber was auch immer Southgate geritten hat, den 19-jährigen Bukayo Saka als letzten Schützen in einem EM-Endspiel zu nominieren, wird wohl noch Wochen und Monate Grund für zahllose Debatten auf der Insel liefern.

Im Nachhinein lässt sich leicht analysieren und natürlich hätte das alles - das Sicherheitsdenken, die Mauertaktik, die Wechsel, die Elfmeterschützen - auch gut gehen können. Ist es aber nicht und damit fehlt Southgate das entscheidende Argument. Der Trainer wird sich unangenehme Fragen gefallen lassen müssen und seine Dämonen, die ihn seit seinem Fehlschuss an selber Stelle seit 25 Jahren verfolgen, wird er auch nicht los. Auf der Pressekonferenz nach dem Spiel nahm Southgate alle Schuld auf sich, er sei dafür verantwortlich. Seine eigene Zukunft als Nationaltrainer ließ Southgate auf Nachfrage offen.

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Declan Rice
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Teaserbild: © picture alliance/empics/Nick Potts