Deutschlands "Die Mannschaft" versucht es mit einer Blaskapelle, David Alaba und Co. haben einen echten Fanklub: Im Gegensatz zum steril wirkenden deutschen Pendant des DFB mutet der Fanclub "Hurricanes" der österreichischen Fußball-Nationalmannschaft eher wie eine Ultras-Gruppierung an. Warum das eher in Österreich funktioniert und welche besonderen Probleme Deutschland hat, erklärt einer der Gründer der "Hurricanes" im Interview.

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Stolze 59 Länderspiele hintereinander hat Stephan Wastyn jetzt gesehen. Der 26-Jährige ist Fan der österreichischen Nationalmannschaft, und mehr als das: Er hat die "Hurricanes“ mitgegründet, ein Fanclub, der seit 2010 rund um die Spiele von David Alaba und Co. Stimmung macht wie Ultras in Bundesliga-Stadien, mit aufwendigen Choreografien, Dauersupport und Vorsängern.

Ein Vorbild für die Spiele der deutschen Nationalmannschaft? "Die Mannschaft" kämpft seit Jahren mit Zuschauerschwund und teilweise Geisteratmosphäre auf den Rängen. Zuletzt sollte eine Blaskapelle für Stimmung sorgen.

Im Interview spricht Stephan Wastyn über das Erfolgsrezept der "Hurricanes“ – und erklärt, warum aus seiner Sicht der DFB das österreichische Vorbild nicht einfach kopieren kann.

Herr Wastyn, Ihr Fanklub "Hurricanes“ sorgt seit neun Jahren für die Stimmung bei Länderspielen. Warum braucht es das überhaupt?

Mein Bruder und ich gehen schon zu den Matches, seit ich so 13, 14 Jahre alt bin. Der Support damals war unserer Meinung nach ausbaufähig. Und nach einem Heimspiel im September 2010 gegen Aserbaidschan haben wir gedacht: Wir müssen die Fans unterstützen, die Stimmung machen wollen. Wir hatten aber auch wenig Ahnung, wie man das aufzieht, also haben wir uns in Bundesliga-Stadien umgeschaut, was da andere Szenen so machen.

Wie baut man denn so einen Fanklub von Null auf?

Das Erste und Wichtigste ist natürlich das Transparent, der "Fetzen“. Ultra-Gruppen lösen sich ja sogar auf, wenn der verloren geht. Wir wollten uns schon an der Ultra-Kultur orientieren.

Ultras – der Begriff ist für viele ja mit Pyrotechnik und Randale verbunden. Hat Sie das nicht abgeschreckt?

Der Kern war und ist die Stimmung, die wollen wir steuern, mit Trommeln, Vorsängern und Fahnen.

Und Fackeln?

Pyrotechnik war beim Nationalteam schon immer ein Tabuthema. Bei uns findet sich nun mal ein anderes Publikum, viele Familien, viele Kinder. Der Verband möchte keine Pyrotechnik, wir halten uns daran.

Fanklub macht "alles in Eigenregie" ohne Sponsoren

Nähe zum Verband, das klingt nicht nach Ultras ...

Wir können Kritik frei äußern. Als der ÖFB das neue türkis-schwarze Trikot eingeführt hat, haben wir uns mit einem Spruchband positioniert. ["Rot-Weiß-Rot, DAS sind die Farben, die wir alle stolz im Herzen tragen.“; Anm.d.Red.]

Viele Leute würden sagen: Ultras und Nationalteam, das passt nicht zusammen. Ultras sind mit Vereinen verbunden, die regelmäßig spielen und ihre Rivalen haben. Die Nationalmannschaft ist schon eher ein Event. Es hat viel mit Marketing und Sponsoring zu tun, das passt nicht zum Ultra-Gedanken. Aber, und das ist uns wichtig: Wir machen alles in Eigenregie, wir nehmen weder Ideen noch Geld vom Verband oder Unternehmen. Wir finanzieren alles durch Spenden und Beiträge unserer Mitglieder und von Fans aus der Kurve.

Sind die "Hurricanes“ ausschließlich Nationalmannschafts-Fans?

Der harte Kern schon. Einige von uns stehen auch bei Bundesliga-Klubs im Fansektor, sind aber nicht aktiv in einer Szene drin. Bei uns gibt es auch keine Debatten wegen Fan-Rivalitäten.

Das klingt eher ungewöhnlich ...

Unsere ersten Mitglieder waren zwar Fans, aber keine, die jede Woche zu einem Bundesligaspiel gehen. Und irgendwie war die Verbundenheit nie so groß, dass man sich einem Bundesliga-Fanklub anschließt. Das Programm von Bundesligisten ist ja auch viel extremer, wer sich da engagiert, hat außer der Arbeit nicht mehr viel Zeit.

Als wir uns gegründet haben, hatten wir gar nicht die Absicht, auswärts zu fahren oder so, wir wollten nur die Stimmung im Ernst-Happel-Stadion in Wien verbessern. Da spielt das Team so dreimal im Jahr, also haben wir gedacht: Das können wir machen.

Wann hat der Auftritt gepasst bei einem Spiel?

Zum einen bereiten wir Choreografien und Spruchbänder vor, in stundenlanger Arbeit, und die sollen natürlich aufgehen. Das können wir planen und steuern, meistens geht das auch gut. Aber das andere ist die Stimmung im Stadion, und die hängt von vielen Faktoren ab, natürlich auch von der Leistung des Teams. Und da gibt’s schon manchmal Phasen im Spiel, wo du als Vorsänger dastehst und denkst: Jetzt ist's irgendwie zach [zäh, Anm.d.Red.]. Wenn es so eine Phase gar nicht gibt, dann kann man schon von einem gelungenen Spiel sprechen.

"Viele wollen sich ja eh nicht beteiligen"

Wie kriegt man das Publikum bei Länderspielen aus den Sitzen?

Das hängt total von der Situation ab, und auch vom Stadion. Wenn wir wie in Innsbruck nur unsere zwei Megafone zur Verfügung haben – diese Spiele sind meistens für die Fisch'. Im Happel-Stadion in Wien haben wir seit Jahren eine Tonanlage, die im Prinzip den gesamten Fansektor beschallt, also ein Viertel des Stadions. Da können wir alle erreichen, die wir erreichen wollen und die es interessiert. Viele wollen sich ja eh nicht beteiligen und sich lieber aufs Spielgeschehen konzentrieren.

Bei den Heimspielen der deutschen Nationalmannschaft, genannt "Die Mannschaft", kam zuletzt keine Stimmung auf. Wie erleben Sie die Diskussion von außen?

Wir waren schon öfter auswärts in Deutschland dabei, und wir hatten von Anfang an den Eindruck, dass die Fankultur dort etwas ist, was wir wirklich nicht wollen. Gibt es diesen Coca-Cola-Fanklub noch?

Ja, er heißt offiziell "Fan Club Nationalmannschaft powered by Coca Cola“.

Das ist halt so eine Marketing-Strategie. Man muss dort Mitglied werden, um an Karten zu kommen. Und gleichzeitig kann Cola seine Werbung machen. Mit Support hat das nichts mehr zu tun. So können sich auch keine Gruppen bilden, die das Team unterstützen. Wobei Deutschland natürlich ein großes Problem hat.

Welches meinen Sie genau?

Das Team läuft jedes Mal woanders auf. Wie soll eine Fangruppe, so wie wir, den Support vernünftig führen, wenn das Stadion permanent wechselt? Da ist immer ein anderes Publikum, das dich gar nicht kennt. Und dann sind es innerhalb von Deutschland oft irrsinnig lange Reisen, da kriegt man die Sachen für große Heim-Choreografien ja auch gar nicht so einfach transportiert. Eigentlich müssten die Fangruppen der jeweiligen Vereine den Support übernehmen, die Kölner in Köln, die Frankfurter in Frankfurt. Eine für alle geht offenbar nicht. Das ist selbst für uns in Österreich außerhalb von Wien schon schwierig.

Deutschland ist zu groß – und übrigens auch zu erfolgreich. Richtige Emotionen kommen nicht in der Qualifikation, erst in der Endrunde, und da wahrscheinlich auch erst in der K.o.-Phase. Aber die gibt es ja nur alle paar Jahre. Und dann hast du wieder ein logistisches Problem: Wie bringst Du bei der EM organisierte Fanklubs hinein, am besten mit Tonanlage? Vielleicht kann man dem DFB gar nicht so viele Vorwürfe machen.

Ist ein Spiel gegen Deutschland eigentlich eine Art Derby für Sie, wie im Klubfußball für Rapid die Austria?

Deutschland ist schon ein Gegner, den sich jeder wünscht, wo auch immer viele Leute kommen. Bei anderen Nachbarländern ist das lustigerweise nicht so. Wir haben vor einiger Zeit gegen die Schweiz gespielt, das interessiert keinen Menschen. Tschechien auswärts war zuletzt nett, da kann man danach was trinken gehen, ja. Aber Deutschland ist die Mannschaft, die alle schlagen wollen.

Österreich hat sich Ende November für die EM qualifiziert – wie groß ist der Hype um das Team?

Zum letzten Heimspiel gegen Nordmazedonien sind schon deutlich mehr Zuschauer gekommen als zuvor. Aber ehrlich gesagt erwartet seit der Aufstockung auf 24 Teams eh jeder, dass wir uns für die EM qualifizieren. Die Fans sind froh, aber eine Rieseneuphorie ist noch nicht entstanden.

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