Nach Jogi Löw beordert auch Niko Kovac Joshua Kimmich in die Zentrale. Ist das klug? Unser Kolumnist antwortet.

Steffen Meyer
Eine Kolumne
von Steffen Meyer, Freier Autor

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Es ist schon eine bemerkenswerte Entwicklung, die Joshua Kimmich in den vergangenen vier Jahren genommen hat. Als Entwicklungstransfer kam er 2015 als 20-Jähriger aus der zweiten Liga von RB Leipzig nach München. Kaum einer rechnete damals damit, dass sich der ehrgeizige und hochgradig spielintelligente Schwabe in München so schnell durchsetzen würde.

Inzwischen ist Kimmich nicht mehr wegzudenken. Weder aus der Nationalelf noch beim FC Bayern. Es passt ins Bild, dass der inzwischen 24-Jährige in dieser Woche in den Mannschaftsrat des FC Bayern bestimmt wurde. Als jüngstes Mitglied neben den Kapitänen Neuer (33), Müller (29) und Lewandowski (31) sowie den erfahreneren David Alaba (27) und Thiago (28).

Ein Ritterschlag für Kimmich, der auf dem Feld ohnehin als "aggressive Leader" agiert und innerhalb der Mannschaft die Stimme der jüngeren Kadermitglieder bündeln soll.

Kimmich bei Löw in der Zentrale gesetzt

Auch sportlich macht Kimmich zum Saisonstart eine spannende Entwicklung durch. Während Jogi Löw schon länger mit Kimmich in der Mittelfeldzentrale plant, setzte nun auch Bayern-Coach Niko Kovac den 24-Jährigen in zwei von drei Bundesligaspielen im zentralen Mittelfeld ein.

Kimmich ist auf dieser Position groß geworden. Auch in München begann er unter Pep Guardiola zunächst in der Zentrale, ehe er unter dem experimentierfreudigen Katalanen viel Spielzeit als Innenverteidiger sammelte.

Kimmichs Stammplatz beim FC Bayern hinten rechts

Seine Vielseitigkeit eröffnete ihm 2017 dann nach dem Rückzug von Philipp Lahm endgültig die Chance auf einen Stammplatz in der Viererkette, die er sofort nutzte. Fortan beackerte Kimmich die rechte Seite mit seinem laufstarken und häufig hochriskanten Offensivspiel.

44 Scorerpunkte sammelte er in den vorangegangen zwei Saisons wettbewerbsübergreifend - ein fast unglaublicher Wert für einen Außenverteidiger. Weder Philipp Lahm noch David Alaba kamen jemals an solche Werte heran. Trotzdem nun also der Schritt zurück ins Mittelfeld.

Geplant war das zunächst nicht. Doch Kovac suchte in den letzten Wochen nach einem Partner für Spielmacher Thiago. Weil Martínez noch nicht fit war, mögliche Transfers versandeten und die Alternativen Tolisso und Goretzka nicht überzeugten, lief es irgendwann auf Kimmich zu.

Dass Kimmich sich in der Zentrale wohfühlt, ist ihm anzumerken. Er hat ein großes Arsenal an Pässen im Repertoire. Kurzpässe, Steckpässe, breite Verlagerungen, Steilpässe in den Rücken der Abwehr wie vor Gnabrys 1:0 gegen die Niederlande am vergangenen Wochenende.

Kimmich ist als Rechtsverteidiger wertvoller

Kimmich geht dabei gern Risiken ein, was schon mal in Ballverlusten mündet. In der Zentrale ist das deutlich gefährlicher als auf den Außen. Auch seine Positionierung ist durchaus risikofreudig und dadurch nicht immer diszipliniert, was schon mal für nicht gerade optimalen Abstände zwischen den Mannschaftsteilen sorgt.

So zum Beispiel zu sehen beim am Ende ungefährdeten 6:1-Erfolg der Münchner gegen Mainz, bei dem sich die Kovac-Elf anfänglich schwertat. Kimmich ist dabei einer der lautesten Spieler auf dem Feld. Er legt sich nicht nur mit Gegnern und Schiedsrichtern an, sondern dirigiert seine Mitspieler und sucht in Spielpausen immer wieder das Gespräch. Typische Merkmale eines Mittelfeldleaders.

Kimmich ist von seinen Fähigkeiten her also fraglos auch dauerhaft eine Option auf der Sechs, doch bisher ist er für Bayern auf dem rechten Flügel einfach wertvoller. Mit Benjamin Pavard steht hinten rechts grundsätzlich eine Alternative bereit.

Pavard defensiv - Kimmich offensiv

Allerdings ist Pavard eher ein Innenverteidiger, der auch rechts aushelfen kann. Gegen Mainz begann er ganz schwach und wäre wohl bereits zur Halbzeit ausgewechselt worden, wenn ihm nicht kurz zuvor der 1:1-Ausgleich gelungen wäre. Danach lief es etwas besser.

Der Franzose ist die deutlich defensivere Variante im Vergleich zu Kimmich. Gegen den Großteil der Bundesligisten und Champions-League-Gegner wäre Kimmich in der Zentrale beinahe verschenkt. Denn hier profitieren die Münchner gegen tief stehende Gegner besonders von Kimmichs Laufstärke und Offensivdrang über den Flügel. Der Deutsche agiert häufig wie ein zusätzlicher Offensivspieler. Pavards Stärke ist das nicht.

Kovac muss sich sehr gut überlegen, ob er wirklich dauerhaft auf die Offensivpower von Kimmich auf der rechten Seite verzichten will. Ein passender Partner für Thiago ist sicher im Kader zu finden. Ein so torgefährlicher Rechtsverteidiger wie Kimmich mit Sicherheit nicht.

Es ist lange her, dass der FC Bayern München zuletzt ein Nachwuchstalent an die erste Mannschaft herangeführt hat. Nach goldenen Jahren unter Louis van Gaal, als mit Thomas Müller, Holger Badstuber und David Alaba gleich drei junge Spieler den Sprung schafften, herrscht seit Langem Dürre in München.